Der Emailleteller unter dem Apfelbaum in Weilerswist

Ich fand meine Tochter Frieda im Schuppen von Herrn Brockmann, einen schwarzen Permanentmarker in der Hand, und dieser Anblick allein hätte mich alarmieren müssen. Eine Elfjährige mit einem Permanentmarker – daraus wird selten etwas, das eine Mutter gerne entdeckt.

Sie beschriftete die flachen Emailleschüsseln, die wir nach der Hitzewelle gesäubert und gestapelt hatten. Diese Hitzewelle im August war inzwischen fast unwirklich geworden. Die Abende waren kühler, endlich hatte es geregnet, im Garten zeigten sich erste grüne Flecken zwischen dem verbrannten Rasen. Die provisorischen Wasserstellen für die Wildtiere brauchten wir nicht mehr, also hatten wir sie abgebaut, geschrubbt und im Schuppen verstaut.

Die Schalen waren weg. Die Leute, die angefangen hatten, sie zu kontrollieren, waren geblieben.

Herr Brockmann und sein Sohn Jonas gingen noch immer fast jeden Morgen hinunter zur Erft. Frau Adler brachte nachmittags Apfelsaftschorle vorbei. Die alte Frau Winter setzte sich um sechs vor ihr Haus, weil fast immer jemand stehen blieb, um mit ihr zu reden. Und Frieda schleppte dieses lächerliche kleine Karo-Heft überallhin mit sich.

Vor diesem Sommer kannte ich Jonas nur als den Jugendlichen von zwei Grundstücken weiter, der auf der Straße Fahrrad fuhr, den Kopf immer gesenkt. Jetzt war er mehrmals pro Woche bei uns. Über seinen Bruder Kilian, der im Jahr davor bei einem Motorradunfall auf der B56 gestorben war, sprach er nie viel. Niemand drängte ihn.

Ein Graureiher im flachen Wasser der Erft. Zwei Elstern, die sich um etwas auf dem Feld von Herrn Brockmann stritten. Eines Abends Ende August kam Jonas durch unser Gartentor mit einem Umschlag in der Hand. Darin: ein Foto eines Seeadlers, der in einer Pappel über dem Fluss saß – derselbe Vogel, der drei Wochen zuvor erschöpft in unserem Garten gestanden hatte, an einer alten Emailleschüssel, die eigentlich für unseren Hund gedacht war.

Frieda klebte das Foto über die blaue Schüssel, die jetzt sauber und trocken auf einem Regal im Windfang stand. Ich dachte, das würde das einzige Andenken an diesen Sommer bleiben.

Die Morgen wurden kühl genug, dass Frieda an der Bushaltestelle einen Pullover brauchte. An einem Samstagmorgen im September klopfte Jonas an unsere Tür, einen Schuhkarton unter dem Arm, die Klingel ignorierend, als traute er ihrem Ton nicht. Seine Finger waren weiß um die Kartonkanten.

Drinnen waren Dutzende ausgedruckte Fotos. Herr Brockmann kniend neben einer der Wasserschalen mit dem Gartenschlauch. Frieda, zusammengekauert neben ihrem Heft. Sogar ich, wie ich zwei leere Kanister über das Feld trug, das T-Shirt am Rücken dunkel vor Schweiß.

Es waren keine echten Tierfotos. Es waren Fotos von uns.

„Ich dachte, wir könnten die irgendwo aufhängen", sagte Jonas. „Die Bücherei? Das Bürgerhaus? Ich weiß nicht." Dann, leiser, den Blick auf den Kartondeckel gerichtet: „Ich dachte an einen Ort, wo Leute wirklich hingehen."

Die Stadtbücherei in Weilerswist sagte zu, ihm eine Wand am Eingang für eine kleine Ausstellung zu überlassen. Am Abend vor dem Aufhängen rief seine Mutter, Bettina, mich an, die Stimme dünn am Telefon.

Am nächsten Morgen, während wir die Klammern in die Pinnwand drückten, zog Jonas ein letztes Bild aus seiner Jackentasche, schon leicht geknickt an einer Ecke. Kilians alte Kamera, auf einem Stein am Flussufer liegend, im Hintergrund Jonas' eigene Schulter, unscharf. Darunter, in blauem Kugelschreiber: „Mein Bruder hat mir gezeigt, wie man wartet, ohne ungeduldig zu werden."

Er nahm die Nadel aus der Schachtel auf der Fensterbank, hielt sie eine Weile zwischen den Fingern, ohne zuzustechen. Brockmann trat neben ihn, sagte nichts, legte nur die Hand kurz auf Jonas' Schulter, bevor er sich wieder den anderen Fotos zuwandte. Erst dann steckte Jonas die Nadel durch die Ecke des Bildes und drückte es fest.

Ganz am Anfang der Reihe hängte er noch ein zweites Foto auf: das unscharfe Handybild, das ich an jenem ersten Abend durch unser Küchenfenster geschossen hatte. Ein Seeadler neben einer alten blauen Emailleschüssel, im Vordergrund ein schiefer Lattenzaun, den ich seit Jahren reparieren wollte.

„Da hat alles angefangen", sagte er und trat einen Schritt zurück, die Arme vor der Brust verschränkt, als müsste er sich selbst festhalten.

Wir dachten, die Bilder würden zwei Wochen hängen bleiben. Eine Frau schrieb auf einen Zettel an der Pinnwand: „Mein Mann hat früher auch Vögel fotografiert." Eine andere: „Danke an denjenigen, der während der Hitze nach meiner Mutter geschaut hat." Jemand: „Herr Brockmann hat mein Gartentor repariert und wollte kein Geld dafür." Eine Mutter: „Meine Tochter hat das gesehen und gefragt, ob wir nächsten Sommer auch mithelfen können."

Jonas begann, über Kilian zu sprechen, beiläufig, zwischen anderen Sätzen. Einmal habe Kilian vier Stunden gewartet, um einen Fischadler zu fotografieren, und danach festgestellt, dass er die Speicherkarte vergessen hatte. Herr Brockmann lachte darüber lauter, als der Witz es verdiente, und wischte sich dabei über die Augen.

Anfang Oktober kam Bettina zu uns nach Hause, einen alten Feldführer mit handschriftlichen Notizen unter dem Arm – Kilians. Die Ecken der Seiten waren weich vom vielen Blättern, ein Kaffeefleck auf der ersten Seite. „Den konnte ich seit der Beerdigung nicht mehr aufmachen", sagte sie und legte ihn auf unseren Küchentisch, als wäre er heiß.

Frieda fragte: „Dürfen wir mit zum Fluss?"

Herr Brockmann starrte an die Decke. Zwanzig Minuten später waren wir auf dem Weg zur Erft, der Feldführer in Bettinas Jackentasche.

An diesem Tag zeigte sich kein Adler. Aber Jonas fotografierte ein Rehpaar in der Ferne und ein paar Wildgänse, die über den Himmel zogen. Er legte Frieda die Kamera in die Hände, korrigierte die Haltung ihrer Finger am Auslöser, ihre Ellbogen an ihre Seiten gedrückt. Sie richtete das Objektiv auf den Fluss und drückte ab. Das Klicken war laut in der Stille zwischen den Bäumen.

Als Frieda das Display sah, rannte sie zurück zum Auto, den Feldführer, den Bettina ihr geliehen hatte, gegen die Brust gedrückt.

Der folgende Juli war warm, aber nicht annähernd so wie im Jahr davor. Trotzdem rief Herr Brockmann vor Beginn des Sommers alle in seinen Schuppen. Die flachen Emailleschüsseln standen noch genau dort, wo wir sie hingelegt hatten. Friedas Permanentmarker-Schrift war noch zu lesen, leicht verblasst.

Das Treffen dauerte etwa fünfzehn Minuten. Danach beschwerte sich Herr Brockmann, dass niemand richtig Bratwürste grillen könne, während er selbst zwei davon aß. Bettina saß auf einem umgedrehten Eimer und aß mit den Fingern eine dritte, weil sie die Gabel verloren hatte.

Vor jener Nacht mit dem Adler hatte ich diese Menschen nur von ihren Briefkästen gekannt. Jetzt aß Bettina mindestens zweimal im Monat bei uns, und Frieda hatte sich selbst zur Hüterin des Notfall-Wasserzubehörs ernannt.

An diesem Abend rief Jonas uns nach draußen. Hoch über Herrn Brockmanns Feld zog ein Adler in Richtung Fluss, die Flügel kaum bewegt. Jonas hob die Kamera nicht. Er stand nur da, die Hände in den Taschen, den Kopf im Nacken, bis der Vogel hinter den Pappeln verschwand.

„Kilian hätte den verpasst", sagte er schließlich. „Zu langsam mit der Blende."

Frau Winter ist immer noch stur, wenn es darum geht, Hilfe anzunehmen. Frieda lässt immer noch Dinge herumliegen, über die ich stolpere. Und im Windfang, auf dem Regal, steht noch immer die blaue Emailleschüssel, ungenutzt, mit dem Foto eines Seeadlers darüber, der schon lange nicht mehr da ist.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

fourteen − 9 =

Der Emailleteller unter dem Apfelbaum in Weilerswist