Die Dauerkarte, die ich meinem Sohn schenken wollte
Mit 76 wollte ich meinem Sohn die Dauerkarte für den HSV überlassen. Dreißig Jahre lang habe ich an seiner Seite auf der Gegengerade gestanden, und ich dachte, er würde sich freuen, endlich mit seinen eigenen Leuten dorthin zu gehen. Stattdessen stand er da, die Karte in der Hand, und fragte nur: „Willst du nicht mehr mit mir hin?"
Ich heiße Jürgen, wohne seit 1974 in Hamburg-Barmbek, zwei Straßen vom Stadtpark entfernt, und mein Sohn Thorsten ist 47. Als er zehn war, nahm ich ihn zum ersten Mal zum Volksparkstadion mit. Er trug einen viel zu großen Schal, den seine Oma gestrickt hatte, und hat die ganze erste Halbzeit mehr die Bierverkäufer beobachtet als den Ball. Danach war es unsere Sache. Als Kind gab es vorher immer eine Currywurst am Stand gegenüber vom U-Bahnhof Stellingen. Als Teenager kam er mit Kumpels, setzte sich aber trotzdem neben mich. Als er zu arbeiten anfing und eine Freundin hatte, dachte ich, das wäre das Ende unserer Sonntage. Er hielt trotzdem daran fest. Dann kam die Hochzeit, zwei Kinder, das Leben wurde eng und kompliziert, und wir gingen trotzdem, mal seltener, aber wir gingen.
Fußball mag ich bis heute. Die Treppen im Stadion dagegen nicht mehr. Der Lärm macht mich nach anderthalb Stunden fertig, und im Januar friere ich selbst unter drei Pullovern. Lange habe ich nichts gesagt, weil ich wusste, wie wichtig ihm das war. Irgendwann dachte ich: Vielleicht geht er auch nur noch meinetwegen mit. Im vergangenen Winter kam ich mit Rückenschmerzen nach Hause und lag fast zwei Tage flach. Meine Frau Helga fragte mich beim Abendbrot, warum ich mir das noch antue, wo es mir doch längst keinen Spaß mehr mache wie früher. Ich sagte ihr, das sei „die Sache zwischen Thorsten und mir". Aber genau dieser Satz ließ mir keine Ruhe mehr.
Thorsten ist 47. Sicher würde er manchmal lieber mit seinen Freunden hingehen oder einen seiner beiden Jungs mitnehmen. Ein paar Wochen später, bei Kaffee und dem letzten Stück Streuselkuchen vom Vortag, sagte ich ihm, dass ich nächste Saison nicht mehr jeden Sonntag mitkommen würde. Ich wollte ihm die Dauerkarte überlassen, damit er sie nutzen könnte, mit wem er wollte. Ich rechnete mit einem erleichterten „Verstehe ich total". Er rührte seinen Kaffee, ohne zu trinken, und sah auf die Tischdecke. Dann kam diese Frage: „Willst du nicht mehr mit mir hin?" Der Tonfall traf mich unvorbereitet. Es klang wie der Zehnjährige mit dem zu großen Schal.
Ich erklärte ihm, das habe nichts mit ihm zu tun. Ich sei müde, würde manche Spiele lieber im Fernsehen sehen, und ich dachte, er würde die Freiheit begrüßen, mit seinen Freunden hinzugehen. „Mit denen kann ich jeden Tag hin", sagte er. Und dann erzählte er mir Dinge, über die wir nie gesprochen hatten. Jahrelang seien diese Sonntage einer der wenigen Momente gewesen, in denen wir wirklich allein waren. Als Teenager habe er die Fahrt mit der S-Bahn genutzt, um mir Probleme zu erzählen, die er vor seiner Mutter nicht ansprechen wollte. Als sein erster Sohn geboren wurde und er völlig erschöpft war, sei der Fußballnachmittag die einzige Zeit gewesen, in der er für ein paar Stunden wieder einfach nur mein Sohn war, nicht Ehemann, nicht Vater, nicht Angestellter bei der Sparkasse.
Ich erinnerte mich an die meisten dieser Gespräche kaum. Für mich waren das normale Unterhaltungen gewesen, im Auto, in der Bahn, beim Astra vor dem Anstoß. Thorsten erinnerte sich an fast alles. Er erzählte mir sogar von dem Tag, an dem er seine erste Stelle verloren hatte. Zu Hause hatte er kein Wort gesagt. Auf dem Weg zum Stadion schon, weil er wusste, dass ich kein Drama daraus machen würde und wir danach neunzig Minuten hätten, in denen wir nicht darüber reden mussten.
Es rührte mich, das zu hören. Trotzdem wollte ich aus diesen Sonntagen keine Pflicht machen, die ich durchhalten muss, bis es körperlich nicht mehr geht. Also änderten wir die Gewohnheit. Jetzt gehe ich etwa einmal im Monat mit. Das Spiel suchen wir gemeinsam aus. An den anderen Sonntagen geht Thorsten mit Freunden, mit seinem älteren Sohn oder manchmal allein. Wenn ich mitkomme, rennen wir nicht mehr in letzter Minute zum Einlass. Wir sind früh da und trinken vorher einen Kaffee in der Bude an der Ecke.
Letzten Monat waren wir zusammen dort, HSV gegen den FC St. Pauli, Derbystimmung, ausverkauft. Auf dem Rückweg zur Bahn erzählte er mir von einem Ärger mit seinem Chef. Ich hörte zu und gab keinen Ratschlag, bis er danach fragte. Wir blieben an der Alster noch eine Weile auf einer Bank sitzen, obwohl der Zug schon zu haben gewesen wäre.
Vor zwei Wochen rief Thorsten mich an einem Mittwochabend an, ohne besonderen Grund. Ich fragte, ob etwas los sei. Er sagte nein, er wollte nur fragen, ob ich am Sonntag Zeit hätte, es gäbe kein Heimspiel, aber vielleicht könnten wir trotzdem zur Bude an der Ecke gehen. Ich sagte zu. Dann holte ich die alte Dauerkarte aus der Schublade im Flur, die ich ihm hatte überschreiben wollen, und legte sie zurück zu den Fotoalben, in die Schublade, die ich langsam zuschob.
![]()
