Mira Boskamp stand im Edeka an der Friedrichstraße in Erfurt, den Einkaufskorb am Unterarm, und rechnete zum dritten Mal nach. Zwölf Euro dreißig für zwei Tüten Schokoriegel und eine Packung Gummibärchen. Letztes Jahr hatte sie für denselben Einkauf noch acht Euro bezahlt, das wusste sie genau, weil sie den Kassenzettel damals extra fotografiert hatte – für die Haushaltskasse, die sie seit dem Tod ihres Mannes akribisch führte.
Hinter ihr in der Schlange schob eine junge Mutter ihren Sohn ungeduldig weiter. Der Junge, vielleicht sieben, trug ein selbstgebasteltes Gespenstkostüm aus einem alten Bettlaken und hielt eine Plastikkürbis-Tüte hoch, als wäre sie eine Trophäe. „Mama, kommen die Nachbarn dieses Jahr wieder mit den großen Schokotafeln?"
Die Mutter antwortete nicht. Ihre Finger trommelten gegen den Rand des Self-Checkout-Displays, wo die Summe gerade die Vierzig-Euro-Marke überschritten hatte, für gerade mal drei Tüten.
Mira kannte dieses Gesicht. Sie hatte es heute Morgen im Küchenfenster gesehen, als sie die Preisliste vom letzten Jahr neben die aktuelle Quittung ihrer Tochter Pauline gelegt hatte. Pauline betreibt seit vier Jahren einen kleinen Coffeeshop in der Altstadt, und zum Halloween-Fest im Hof schmeißt die ganze Nachbarschaft seit jeher zusammen – jeder bringt etwas mit, für die Kinder aus der Siedlung.
Dieses Jahr sollte Mira die Süßigkeiten besorgen. Fünfunddreißig Kinder hatten sich über die Kita-WhatsApp-Gruppe angemeldet, Pauline hatte die Liste ausgedruckt und an den Kühlschrank gepinnt, mit einem Smiley daneben.
Mira hatte sich das dreimal überlegt, bevor sie losgefahren war. An der Scheibe des Ladens klebte noch ein verblasster Aufkleber vom Vorjahresangebot – ein Euro neunzig pro Tüte Kinder-Schoko-Bons. Jetzt stand auf dem gelben Schild daneben: drei Euro vierzig.
Sie rief ihre Tochter vom Parkplatz aus an, saß noch im Auto, die Einkaufstüten auf dem Beifahrersitz.
„Und, hast du alles?", fragte Pauline, im Hintergrund klirrten Milchkannen.
„Ich hab die Hälfte von dem gekauft, was auf der Liste stand. Für den Rest reicht das Budget nicht."
„Was? Mama, das sind doch nur Süßigkeiten."
„Dreizehn Euro fürs Kilo Gummibärchen, Pauline. Dreizehn. Letztes Jahr waren's acht fünfzig."
Am anderen Ende blieb es einen Moment ruhig, nur das Klirren der Kannen.
„Ich leg was dazu", sagte Pauline schließlich. „Ich kann nicht fünfunddreißig Kindern sagen, dass die Tüten dieses Jahr halb leer sind."
Mira presste die Lippen zusammen und sagte nichts. Sie dachte an die Rentenerhöhung von letztem Monat, die genau sechzehn Euro betragen hatte – weniger als die Preissteigerung bei dem einen Karton Schokoriegel, den sie gerade im Kofferraum liegen hatte.
Am Abend des 31. Oktober saß die ganze Straße im Hinterhof von Paulines Café zusammen. Jemand hatte Lichterketten zwischen die Kastanien gespannt, ein Nachbar grillte Kürbissuppe in einem großen Topf auf dem Gasbrenner, und aus einer Bluetooth-Box lief leise Musik. Die Kinder rannten zwischen den Tischen hindurch, manche als Vampire, manche als Superhelden, der kleine Junge aus dem Edeka war auch da, immer noch mit seinem Bettlaken-Kostüm.
Pauline stand am Eingang mit einer großen Schüssel und verteilte, was zusammengekommen war. Nicht viel – aber genug, dass niemand mit leeren Händen ging. Mira half beim Austeilen, reichte jedem Kind eine kleine Papiertüte, faltete den oberen Rand sorgfältig um, bevor sie weiterreichte.
Gegen zehn, als die Kinder längst zu Hause im Bett lagen und die Erwachsenen noch beim Glühwein zusammenstanden, zog Mira ihren Mantel enger und setzte sich neben Pauline auf die Kellertreppe.
„Ich hab heute beim Sparkassenberater einen Termin gemacht", sagte sie unvermittelt.
Pauline drehte sich zu ihr um. „Wegen was?"
„Wegen meinem Sparkonto. Ich zahl da seit Jahren dreißig Euro im Monat ein, für – ich weiß selbst nicht mehr wofür. Irgendwann hab ich gedacht, das ist für Notfälle. Aber ich glaub, der eigentliche Notfall ist, dass wir aufhören müssen, so zu tun, als würde sich nichts ändern."
Sie zog einen Zettel aus der Manteltasche, gefaltet, mit Kugelschrift beschrieben. Eine Liste: Beträge, Daten, ein Plan, wie viel sie monatlich für den Hof beisteuern würde, fix, ohne dass Pauline jedes Jahr aufs Neue dafür aufkommen musste.
„Das reicht für die Süßigkeiten nächstes Jahr. Für dich und für mich. Kein Rechnen mehr an der Kasse."
Pauline nahm den Zettel, las ihn zweimal, dann legte sie ihn in die Innentasche ihrer Jacke.
„Du hättest mich nicht übergehen müssen heute Morgen am Telefon", sagte sie. „Ich hätte früher was gesagt, wenn ich gewusst hätte, wie knapp es bei dir ist."
„Ich weiß", sagte Mira. „Ab jetzt sag ich's."
Der kleine Junge im Bettlaken-Kostüm war inzwischen eingeschlafen, auf dem Schoß seiner Mutter, die Plastikkürbis-Tüte noch fest in der Hand. Draußen auf der Straße klapperte jemand mit Fahrradschlüsseln, ein Hund bellte zweimal und war dann wieder ruhig. Mira stand auf, klopfte sich den Staub vom Mantel und half beim Abräumen der leeren Gläser – morgen würde sie zur Sparkasse gehen und die Überweisung einrichten, mit genau dem Betrag, den sie auf dem Zettel notiert hatte: neunzig Euro im Quartal, fest, ohne weitere Diskussion.
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