Die Werkstatt, die mein Vater mir nicht erklärt hat

Mein Vater, Joachim Brenner, hatte eine Autowerkstatt in Gelsenkirchen, zwei Hebebühnen, sechs Mitarbeiter, ein Stammkundenbuch, das er noch mit der Hand führte. Als er starb, im März, war ich vierunddreißig und erbte alles: die Werkstatt, ein Depot bei der Sparkasse mit 210.000 Euro, und ein Haus in Buer, das er nie abbezahlt hatte.

Ich wusste nicht, dass die Resthypothek noch bei 60.000 Euro stand. Ich wusste nicht, was ein Freibetrag bei der Erbschaftssteuer ist. Ich wusste nicht, dass zwei der sechs Mitarbeiter schon seit einem Jahr unbezahlte Überstunden auf einem Zettel sammelten, den mein Vater in der Schublade neben der Kaffeekasse aufbewahrte.

Meine Schwester Yvonne, zwei Jahre älter, rief drei Wochen nach der Beerdigung an. Sie wollte ihren Anteil, bar, sofort, weil sie mit ihrem Mann ein Haus in Marl kaufen wollte. Ich sagte, das Geld steckt in der Werkstatt, ich kann es nicht einfach abheben. Sie sagte: Dann verkauf die Werkstatt.

Ich verkaufte nichts. Aber ich hatte auch keine Ahnung, wie man eine Werkstatt führt, die Jahresabschlüsse macht, die Mitarbeiter anmeldet, die mit dem Finanzamt verhandelt. Mein Vater hatte mir nie etwas davon erklärt. Er hatte mir das Gegenteil erklärt: wie man einen Vergaser reinigt, wie man einen Keilriemen wechselt, wie man erkennt, ob ein Kunde lügt, wenn er sagt, das Geräusch kam erst gestern. Praktisches Wissen, Handwerkswissen. Von Zahlen, von Steuern, von Vermögen hatte er nie gesprochen. Vielleicht, weil er dachte, dafür sei noch Zeit. Vielleicht, weil er selbst nie gelernt hatte, darüber zu sprechen.

Im ersten Jahr machte ich jeden Fehler, den man machen kann. Ich zahlte eine Rechnung doppelt, weil ich das Mahnsystem nicht verstand. Ich kündigte einem Mechaniker, der seit elf Jahren dabei war, weil ich dachte, wir hätten zu viel Personal, und musste zwei Monate später einen neuen für mehr Geld einstellen, weil die Kunden ausblieben. Das Depot schmolz, nicht durch einen Schlag, sondern durch tausend kleine Entscheidungen, die ich traf, ohne zu verstehen, was sie kosteten.

Yvonne kam im Herbst noch einmal. Diesmal mit einem Anwalt, einem jungen Kerl aus Herne mit einer Aktentasche, die zu groß für seine Unterlagen war. Sie forderte Pflichtteilsergänzung, weil sie behauptete, unser Vater habe mir die Werkstatt zu Lebzeiten schon teilweise übertragen, steuerlich günstig, und sie dabei übergangen. Es stimmte sogar, teilweise. Ich hatte davon nichts gewusst.

Wir saßen in meinem Büro, das eigentlich ein Lagerraum mit einem Schreibtisch war, zwischen Ölfässern und einem Kalender von 2024, der noch an der Wand hing. Yvonne sagte: Du hast doch gar keine Ahnung, was das alles wert ist. Ich sagte: Nein, hatte ich nicht. Hab ich aber jetzt.

Das war die Wahrheit, und sie kam mich teuer an. In den vier Monaten davor hatte ich eine Buchhalterin eingestellt, eine Frau namens Petra Kowalski, fünfzig, die seit zwanzig Jahren kleine Betriebe im Ruhrgebiet betreute. Sie setzte sich mit mir zweimal pro Woche hin, zwei Stunden, einen Stapel Ordner zwischen uns. Beim ersten Mal tippte sie auf eine Zeile in der Bilanz und sagte nur: Das hier frisst Sie in drei Jahren auf, wenn Sie es nicht zurücklegen. Dann schob sie mir den Taschenrechner hin und ließ mich selbst rechnen, bis die Zahl stimmte.

Das Gespräch mit Yvonne lief anders, als sie erwartet hatte. Ich legte ihr die Unterlagen hin, die Petra mit mir vorbereitet hatte: den tatsächlichen Wert der Werkstatt nach Schulden, die Resthypothek auf dem Haus, die Rückstellungen für die Mitarbeiter, die noch ausstehenden Überstunden von den zwei Monteuren, die ich inzwischen ausgezahlt hatte, aus eigener Tasche, weil es richtig war. Der Anwalt rechnete eine halbe Stunde. Am Ende war ihr Anteil kleiner, als sie gedacht hatte, aber es war ein Anteil, den ich ihr tatsächlich zahlen konnte, in drei Raten über achtzehn Monate, ohne die Werkstatt zu verkaufen.

Sie unterschrieb. Bevor sie ging, blieb sie an der Tür stehen und sagte: Papa hätte dir das alles erklären sollen. Ich sagte: Hat er nicht. Also musste ich es mir holen.

Die Werkstatt steht noch, drei Jahre später. Zwei neue Lehrlinge sind dazugekommen. Petra kommt immer noch dienstags, auch wenn wir inzwischen nur noch eine Stunde brauchen, weil ich die Zahlen selbst lese, bevor sie überhaupt den Laptop aufklappt. Mein Sohn, Finn, ist neun. Er sitzt manchmal neben mir am Schreibtisch, wenn ich die Rechnungen sortiere. Neulich zog er einen Beleg aus dem Stapel und fragte, was eine Rücklage ist. Ich schob ihm den Zettel mit der Hebebühnen-Zahl hin, zeigte auf die Summe und sagte: Das hier ist Geld, das wir heute nicht ausgeben, damit es in drei Jahren noch da ist. Dann nahm er den Taschenrechner und tippte die Zahl selbst ein.

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