Das Versprechen einer fremden Frau

Das Versprechen einer fremden Frau
Als Katharina den kleinen gelben Babyschuh in ihrer Handtasche entdeckte, hätte sie am liebsten laut aufgeschrien. Sie hatte ihn vor acht Jahren gekauft, als sie noch glaubte, dass Geduld, Liebe und gute Ärzte irgendwann ausreichen würden, um ihren größten Wunsch zu erfüllen.

Nun saß sie neben ihrem Mann im Auto, während hinter ihnen die Lichter der Heidelberger Universitätsklinik verschwanden. Der letzte Facharzt hatte ihnen am Nachmittag erklärt, dass eine Schwangerschaft wegen ihrer schweren gesundheitlichen Probleme zu gefährlich sei und auch eine künstliche Befruchtung keine verantwortbare Lösung darstelle.

— Du musst nicht bei mir bleiben, Matthias. Du bist erst zweiundvierzig und könntest mit einer anderen Frau noch Vater werden.

Matthias umklammerte das Lenkrad, während Katharina den Babyschuh wieder tief in ihrer Tasche verstaute. Seit sechzehn Jahren waren sie verheiratet, und er hatte sich nie ein Leben ohne sie vorstellen können.

— Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe, und nicht, weil du mir Kinder versprochen hast. Aber wenn du mich unbedingt loswerden möchtest, solltest du wenigstens ehrlich sagen, dass du mich nicht mehr liebst.

Katharina wandte sich zum Fenster, damit er ihre Tränen nicht bemerkte. Besonders schmerzte sie die Erinnerung an seine Mutter, die beim letzten Familienessen beiläufig gesagt hatte, ein Haus ohne Kinder bleibe eben immer nur ein halbes Zuhause.

Wenig später begann es heftig zu schneien, und auf einer Landstraße im Schwarzwald versagte plötzlich die Heizung ihres alten Wagens. Matthias schaffte es noch bis zu einer kleinen Ortschaft, bevor der Motor endgültig ausging und sich auch nach mehreren Versuchen nicht mehr starten ließ.

Nach einer halben Stunde vergeblicher Telefonate entdeckten sie Licht hinter den Fenstern eines niedrigen Hauses. Eine ältere Frau namens Gertrud öffnete ihnen und ließ sie ohne langes Fragen herein, obwohl sie selbst kaum genug Platz für ihre Familie hatte.

In der Küche standen ein Kinderwagen und mehrere frisch gewaschene Babyflaschen. Gertrud erklärte, dass sie mit ihrer Enkelin Miriam und deren vier Monate alter Tochter Frieda zusammenlebte, während sie den durchnässten Gästen heißen Tee einschenkte.

Miriam erschien kurz darauf mit dem schlafenden Mädchen auf dem Arm. Sie war erschreckend blass, und ihre Hände zitterten so stark, dass Gertrud ihr das Kind vorsichtig abnahm.

— Meine Enkelin ist seit Jahren schwer krank, aber sie wollte dieses kleine Mädchen unbedingt bekommen. Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht, und jetzt versuchen wir beide, irgendwie zurechtzukommen.

Katharina betrachtete das winzige Gesicht unter der gestrickten Decke und spürte einen Schmerz, den sie kaum ertragen konnte. Als Gertrud bemerkte, wie lange ihr Blick auf dem Baby ruhte, fragte sie behutsam, ob sie selbst Kinder habe.

Matthias antwortete, bevor seine Frau etwas sagen konnte, und erzählte von dem endgültigen Urteil der Ärzte. Katharina senkte beschämt den Kopf, doch Gertrud sah sie mit einer merkwürdigen Mischung aus Mitgefühl und Entschlossenheit an.

— Dann möchte ich Sie etwas fragen, Frau Katharina, und ich bitte Sie, mir nicht auszuweichen. Könnten Sie ein Kind genauso lieben, wenn es nicht Ihr eigenes Fleisch und Blut wäre?

Katharina blickte erschrocken auf, während Gertrud das schlafende Mädchen fester an sich drückte. Die alte Frau hatte Tränen in den Augen, als sie mit kaum hörbarer Stimme hinzufügte:

— Denn ich fürchte, dass unsere kleine Frieda bald niemanden mehr haben wird, der sich um sie kümmern kann.

Katharina wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte, denn Gertruds Worte klangen wie eine Bitte, hinter der sich eine schreckliche Wahrheit verbarg. Aus dem Nebenzimmer hörte man Miriam husten, während die kleine Frieda friedlich in den Armen ihrer Urgroßmutter schlief.

— Meine Enkelin braucht dringend eine Behandlung, aber ihre Krankheit schreitet schneller voran, als wir gehofft haben. Und ich selbst bin zweiundsiebzig, mein Herz macht mir schon lange Schwierigkeiten.

Gertrud strich über die winzige Hand des Kindes, und Katharina bemerkte, dass ihre Finger zitterten. Die alte Frau erzählte, dass sie bereits beim Jugendamt gewesen sei, weil sie sich ständig fragte, was aus Frieda werden würde, wenn ihr und Miriam etwas zustieße.

— Ich kenne Sie kaum, und vielleicht halten Sie mich für verrückt. Aber als ich Sie heute mit meinem Urenkelchen gesehen habe, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass Sie verstehen könnten, wie sehr ein Mensch dieses Kind lieben muss.

Matthias legte seiner Frau schweigend die Hand auf die Schulter, doch Katharina konnte den Blick nicht von Frieda lösen. Zum ersten Mal an diesem furchtbaren Tag dachte sie nicht an das Kind, das sie niemals bekommen würde, sondern an eines, das bereits auf der Welt war und vielleicht bald niemanden mehr hatte.

Am nächsten Morgen wurde ihr Wagen repariert, und die beiden verabschiedeten sich mit dem Versprechen, sich wieder zu melden. In den folgenden Wochen telefonierte Katharina regelmäßig mit Gertrud, schickte kleine Pakete für Frieda und erfuhr, dass Miriam inzwischen im Krankenhaus lag.

Als im Frühjahr die Nachricht von Miriams Tod kam, weinte Katharina um eine junge Frau, die sie nur wenige Stunden persönlich gekannt hatte. Matthias nahm sie in die Arme und sagte schließlich etwas, worüber sie beide seit jener Winternacht nachgedacht hatten.

— Vielleicht sollten wir nicht länger darauf warten, dass unser Leben so wird, wie wir es uns vorgestellt haben. Vielleicht gibt es irgendwo schon jemanden, der uns braucht.

Sie begannen, sich beim Jugendamt über die Voraussetzungen einer Adoption zu informieren, ohne zu wissen, ob Frieda überhaupt bei ihnen leben könnte. Doch bevor die zuständigen Stellen eine Entscheidung treffen konnten, erlitt Gertrud einen schweren Herzinfarkt und starb wenige Tage später.

Frieda kam zunächst in eine Bereitschaftspflegefamilie, während Katharina und Matthias das aufwendige Prüfungsverfahren durchliefen. Es folgten Gespräche, Hausbesuche und Monate voller Ungewissheit, in denen sie immer wieder fürchteten, das kleine Mädchen endgültig zu verlieren.

Als Frieda schließlich zu ihnen ziehen durfte, war sie bereits fast zwei Jahre alt. Katharina kniete im Flur vor ihr nieder, und das Mädchen betrachtete lange ihr Gesicht, bevor es vorsichtig die Arme ausstreckte.

Einige Monate später fand Katharina beim Aufräumen den alten gelben Babyschuh wieder. Sie wollte ihn gerade in eine Schachtel legen, als Frieda herbeigelaufen kam, sich an ihr Bein schmiegte und zum ersten Mal ganz deutlich „Mama“ sagte.

Katharina sank auf die Knie und umarmte ihre Tochter, während Matthias mit feuchten Augen in der Tür stehen blieb. Der kleine Schuh lag vergessen neben ihnen, denn das Glück, auf das sie so lange gewartet hatten, trug längst andere, größere Schuhe.

An jenem Abend stellte Katharina ein Foto von Gertrud und Miriam auf Friedas Kommode. Sie versprach den beiden Frauen im Stillen, ihrer Tochter eines Tages von ihnen zu erzählen, damit Frieda immer wusste, wie sehr sie schon vor ihrer Geburt geliebt worden war.

Und als das Mädchen später zwischen seinen Eltern einschlief, begriff Katharina endlich, dass Gertrud ihr damals keine Zukunft vorausgesagt hatte. Sie hatte ihr etwas viel Wertvolleres anvertraut: einen kleinen Menschen, dessen Zukunft nun in ihren Händen lag.

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