Das Versprechen aus Kindertagen

Das Versprechen aus Kindertagen
Als Katharina an diesem Montagmorgen die Druckerei in Lübeck betrat, lag auf ihrem Schreibtisch ein Umschlag, den sie zunächst für eine Dankeskarte hielt. Schließlich hatte sie am Wochenende fast zwanzig Stunden zusätzlich gearbeitet, damit die Werbekataloge eines wichtigen Kunden rechtzeitig fertig wurden.

Doch ihr Vorgesetzter, Herr Brandt, erwartete sie bereits mit verschränkten Armen und einem Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß.

— Ihre Arbeit war ordentlich, Frau Seidel, aber wir müssen uns leider von Ihnen trennen. Die Auftragslage lässt keine weitere Beschäftigung zu.

Katharina starrte auf den Umschlag, während sie verzweifelt nach einer passenden Antwort suchte. Noch am Freitag hatte derselbe Mann ihr versichert, wie unentbehrlich sie für den Betrieb sei.

Am Abend saß sie bei ihrer Freundin Susanne in der Küche und versuchte, ihre Tränen mit einem zerknüllten Taschentuch aufzufangen.

— Und weißt du, was das Schlimmste ist? Tobias hat nicht einmal Zeit, mich zu trösten, weil er angeblich wieder Überstunden machen muss.

Susanne stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch und betrachtete ihre Freundin nachdenklich.

— Vielleicht solltest du endlich einmal aufhören, dein ganzes Leben nach Menschen auszurichten, die für dich niemals etwas aufgeben würden.

Zwei Tage später erfuhr Katharina, wie recht Susanne gehabt hatte. Vor einem kleinen italienischen Restaurant entdeckte sie Tobias, der einer fremden Frau zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und sie anschließend küsste.

Katharina ging weiter, ohne die beiden anzusprechen, doch zu Hause brach sie weinend auf dem Schlafzimmerboden zusammen. Innerhalb weniger Tage hatte sie ihre Arbeit und den Mann verloren, mit dem sie sich eine gemeinsame Zukunft vorgestellt hatte.

Ihre Mutter machte ihr schließlich einen ungewöhnlichen Vorschlag: Eine Bekannte konnte eine bereits bezahlte Erholungsreise in den Harz nicht antreten.

— Fahr doch an ihrer Stelle, mein Mädchen. Vielleicht findest du zwischen den Bergen endlich wieder ein bisschen Ruhe.

Katharina willigte widerwillig ein, obwohl sie sich unter einem solchen Aufenthalt hauptsächlich ältere Menschen beim gemeinsamen Kaffeetrinken vorstellte.

Am vierten Abend begegnete sie im Aufenthaltsraum einem Mann, der seiner Mutter geduldig beim Zusammensetzen eines Puzzles half. Als Katharina ein heruntergefallenes Teil aufhob, lächelte er sie an.

— Ich bin Florian, und falls Sie sich wundern, warum ein erwachsener Mann hier Puzzleteile sucht: Meine Mutter behauptet, ich hätte schon als Kind nie etwas zu Ende gebracht.

Aus dieser zufälligen Begegnung entstanden lange Spaziergänge, ehrliche Gespräche und schließlich eine Nähe, die Katharina längst nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Monate später waren sie ein Paar, und Florian lud sie zum ersten Mal zum Abendessen bei seinen Eltern ein. Während seine Mutter in der Küche das Essen vorbereitete, holte sein Vater ein altes Fotoalbum hervor.

— Florian hat uns erzählt, dass er dich heiraten möchte. Aber bevor wir feiern, muss ich dir etwas zeigen, Katharina.

Er schlug eine vergilbte Seite auf, auf der zwei Kinder vor einem Strandkorb standen. Katharina erkannte sofort das kleine Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen, denn sie besaß zu Hause genau dasselbe Foto.

Florians Vater deutete auf den Jungen neben ihr und sagte mit ungewöhnlich ernster Stimme:

— Weißt du eigentlich, was mein Sohn diesem Mädchen damals versprochen hat?

Katharina betrachtete das vergilbte Foto, während Florian neben ihr plötzlich ganz still wurde. Der kleine Junge auf dem Bild trug eine viel zu große Sonnenmütze und hielt die Hand eines Mädchens, dessen geflochtene Zöpfe sie nur zu gut kannte.

— Er hat damals gesagt, dass er dieses Mädchen eines Tages heiraten würde, erklärte Florians Vater lächelnd. — Und als wir nach Hause fuhren, hat er bitterlich geweint, weil er nicht einmal ihren Nachnamen wusste.

Katharina spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, denn plötzlich erinnerte sie sich an einen Sommer an der Ostsee, an eine Sandburg mit Muscheltürmen und an einen Jungen, der ihr seinen schönsten blauen Stein geschenkt hatte.

— Du hast mir damals versprochen, mich wiederzufinden, flüsterte sie und sah Florian ungläubig an. — Ich habe jahrelang geglaubt, dass Kinder solche Versprechen einfach vergessen.

Florian nahm vorsichtig ihre Hand, während seine Mutter mit einer Schüssel Kartoffelsalat aus der Küche kam und verwundert stehen blieb.

— Ich habe dich tatsächlich gesucht, sagte er leise. — Als Jugendlicher wollte ich unbedingt wieder an diesen Strand fahren, obwohl ich kaum noch wusste, wie du aussahst.

Seine Mutter stellte die Schüssel ab und erzählte, dass Florian das Kinderfoto jahrelang in seiner Schreibtischschublade aufbewahrt hatte. Später war es zwischen andere Erinnerungen geraten, doch die Geschichte von seiner ersten großen Liebe hatte die Familie nie vergessen.

— Aber warum hast du mich im Harz nicht erkannt?, fragte Katharina, deren Stimme vor Aufregung zitterte.

— Weil zwischen dem kleinen Mädchen mit den Zöpfen und der Frau, die mir ein Puzzleteil aufgehoben hat, fast dreißig Jahre liegen, antwortete Florian. — Und weil ich mich nicht in eine Erinnerung verliebt habe, sondern in dich, so wie du heute bist.

Katharina begann zu weinen, doch diesmal waren es keine Tränen der Enttäuschung. Sie dachte an jene schreckliche Woche, in der sie geglaubt hatte, alles verloren zu haben, und begriff, dass gerade dieser Verlust sie auf einen völlig unerwarteten Weg geführt hatte.

Einige Wochen später brachte sie Florian eine kleine Schachtel mit, die ihre Mutter auf dem Dachboden gefunden hatte. Darin lag ein glatt geschliffener blauer Stein, eingewickelt in ein Stück vergilbtes Papier.

— Den habe ich all die Jahre aufgehoben, sagte Katharina. — Damals hast du behauptet, er würde mir Glück bringen.

Florian nahm den Stein in die Hand und schloss für einen Augenblick die Augen, bevor er seine zukünftige Frau fest an sich zog.

Im folgenden Sommer heirateten sie an der Ostsee, nicht weit von jenem Strand, an dem zwei Kinder einander einst die ewige Treue versprochen hatten. Als die Gäste längst beim Abendessen saßen, gingen Katharina und Florian noch einmal allein zum Wasser.

— Und wenn wir uns damals nicht wiedergefunden hätten?, fragte sie, während kleine Wellen ihre Schuhe berührten.

Florian küsste ihre Stirn und lächelte.

— Dann hätte ich nie erfahren, dass das schönste Versprechen meines Lebens tatsächlich wahr werden kann.

Katharina legte den Kopf an seine Schulter und blickte auf das Meer, das sie vor so vielen Jahren zum ersten Mal zusammen gesehen hatten. Damals hatte sie einem kleinen Jungen geglaubt, ohne zu wissen, dass das Leben manchmal sehr lange braucht, um ein Versprechen zu erfüllen.

Und als Florian ihre Hand nahm, wusste sie, dass sie endlich dort angekommen war, wo sie hingehörte.

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