Zwei Stück Streuselkuchen für einen allein
— Herr Brandt, darf ich Sie etwas fragen, ohne dass Sie mir böse werden? Weshalb kaufen Sie eigentlich jeden Samstag zwei Stück Streuselkuchen, obwohl Sie doch immer allein unterwegs sind?
Die Frage war heraus, bevor Monika Reuter darüber nachdenken konnte, ob sie einem älteren Herrn damit vielleicht zu nahe trat. Sie stand hinter der Verkaufstheke ihrer kleinen Konditorei in Celle und beobachtete, wie der Mann vor ihr plötzlich aufhörte, die Münzen aus seinem Portemonnaie zu nehmen.
Er war einundachtzig Jahre alt, trug einen dunkelblauen Wollmantel, dessen Ärmel an den Kanten bereits blank gescheuert waren, und hatte die Angewohnheit, vor dem Bezahlen seine Brille abzusetzen. Seit beinahe drei Jahren kam er jeden Samstag kurz vor Ladenschluss, und obwohl er nie besonders gesprächig gewesen war, hatte Monika längst bemerkt, dass seine freundlichen Augen manchmal eine Traurigkeit verrieten, die sich auch hinter dem höflichsten Lächeln nicht verbergen ließ.
— Weil ich nicht immer allein gewesen bin, Frau Reuter, antwortete er schließlich, wobei er die beiden Kuchenstücke betrachtete, als läge darin etwas, das nur er erkennen konnte. — Und weil meine Frau mir vor langer Zeit beigebracht hat, dass man schöne Gewohnheiten nicht einfach aufgeben sollte.
Monika spürte, dass sie eine Tür geöffnet hatte, hinter der sich eine Geschichte verbarg, die sie vielleicht besser unangetastet gelassen hätte. Dennoch fragte sie vorsichtig, ob seine Frau den Kuchen ebenso gern esse wie er, und bemerkte erst an seinem Gesichtsausdruck, dass sie mit ihrer Frage etwas Schmerzhaftes berührt hatte.
— Meine Ruth ist seit drei Jahren nicht mehr bei mir, erklärte er nach einer Weile. — Aber wissen Sie, manche Menschen fehlen einem so sehr, dass selbst ein gedeckter Tisch ohne sie nicht mehr derselbe ist.
Er nahm seine Papiertüte entgegen, bedankte sich und verließ das Geschäft, bevor Monika eine passende Antwort finden konnte. Durch die Schaufensterscheibe sah sie, wie er auf dem Gehweg stehen blieb, sorgfältig den Kragen seines Mantels hochschlug und dann mit kleinen, bedächtigen Schritten in Richtung Altstadt ging.
An diesem Abend erzählte Monika ihrem Mann von dem ungewöhnlichen Kunden, während sie in ihrer Küche die Kaffeetassen in den Schrank räumte. Ihr Mann hörte nur mit halbem Ohr zu, weil im Wohnzimmer die Nachrichten liefen, und meinte schließlich, ältere Menschen hätten eben manchmal seltsame Angewohnheiten.
Monika widersprach ihm nicht, obwohl sie seine Bemerkung ärgerte, denn sie hatte in den vergangenen siebenundzwanzig Jahren hinter einer Verkaufstheke genug Menschen kennengelernt, um zu wissen, dass hinter den unscheinbarsten Gewohnheiten oft die wichtigsten Geschichten eines Lebens verborgen lagen.
In den folgenden Wochen achtete sie genauer auf Herrn Brandt, ohne ihn erneut auf seine verstorbene Frau anzusprechen. Sie bemerkte, dass er die beiden Kuchenstücke niemals zusammen einpacken ließ und stets darauf bestand, dass eines mit besonders vielen Streuseln belegt war, während das andere möglichst wenig davon haben sollte.
Einmal fragte die junge Aushilfe, ob man nicht einfach beide Stücke in dieselbe Schachtel legen könne, schließlich spare das Papier und gehe schneller. Herr Brandt wurde daraufhin ungewöhnlich ernst und erklärte, dass die getrennten Verpackungen ihren Sinn hätten, auch wenn dieser für Außenstehende vielleicht nicht verständlich sei.
Monika begann sich zu fragen, wohin er mit dem zweiten Stück ging, denn seine Wohnung lag nach allem, was sie wusste, in einer anderen Richtung. Manchmal beobachtete sie ihn noch durch das Fenster, bis er an der nächsten Kreuzung verschwand, wobei er die kleine Tüte stets so vorsichtig trug, als befände sich darin etwas Zerbrechliches.
An einem Samstag im Oktober kam er beinahe eine Stunde später als gewöhnlich, und Monika erkannte schon beim Öffnen der Ladentür, dass etwas nicht stimmte. Sein Gesicht war ungewöhnlich blass, die linke Hand zitterte, und an seinem Mantel klebten feuchte Blätter, als hätte er irgendwo auf einer Bank oder auf dem Boden gesessen.
— Um Himmels willen, Herr Brandt, was ist denn mit Ihnen passiert? Sie sehen aus, als wären Sie den ganzen Weg zu Fuß gegangen, obwohl Sie kaum noch auf den Beinen stehen können.
Der alte Mann versuchte zu lächeln, doch als er seinen Stock gegen die Theke lehnte, musste er sich mit beiden Händen festhalten. Er erklärte, dass sein Bus ausgefallen sei und er den Weg unterschätzt habe, weil die Beine an manchen Tagen einfach nicht mehr das täten, was man von ihnen verlange.
— Dann setzen Sie sich jetzt erst einmal, und ich bringe Ihnen einen heißen Tee, sagte Monika entschieden. — Der Kuchen läuft Ihnen bestimmt nicht davon, und falls Sie jemanden zu Hause haben, der auf Sie wartet, können wir auch dort anrufen.
Bei diesen Worten senkte Herr Brandt den Blick, und Monika bereute sofort, dass sie wieder etwas gesagt hatte, ohne nachzudenken. Doch diesmal wich er ihrer Frage nicht aus, sondern ließ sich auf einen Stuhl am kleinen Fenstertisch sinken und betrachtete lange seine Hände.
— Zu Hause wartet niemand mehr, Frau Reuter, sagte er schließlich. — Das ist ja gerade das Schwierige am Altwerden, wenn man den Menschen überlebt, mit dem man beinahe sein ganzes Leben geteilt hat.
Monika stellte ihm eine Tasse Tee hin und setzte sich für einen Augenblick gegenüber, obwohl im hinteren Raum noch mehrere Bleche gespült werden mussten. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass dieser Mann nicht nur wegen des Kuchens gekommen war, sondern vielleicht auch, weil er hier wenigstens für ein paar Minuten nicht völlig unsichtbar war.
— Meine Ruth hätte mich ordentlich ausgeschimpft, wenn sie wüsste, dass ich bei diesem Wetter zu Fuß unterwegs gewesen bin, murmelte er. — Sie war eine kleine Frau, aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte nicht einmal ein ausgewachsener Ochse sie davon abbringen.
Zum ersten Mal hörte Monika ihn herzlich lachen, und dieses Lachen veränderte sein Gesicht so sehr, dass sie sich plötzlich vorstellen konnte, wie er vor fünfzig Jahren ausgesehen haben musste. Er erzählte, dass Ruth in einer Stadtbibliothek gearbeitet hatte, während er selbst viele Jahre als Elektriker bei einem mittelständischen Betrieb beschäftigt gewesen war.
Kennengelernt hatten sie sich ausgerechnet wegen eines Stromausfalls, der an einem regnerischen Novemberabend die halbe Bibliothek lahmgelegt hatte. Ruth hatte ihn damals für einen ungeschickten Handwerker gehalten, weil er versehentlich eine Kiste mit zurückgegebenen Büchern umgestoßen hatte, während er sie für eine überaus herrische junge Frau hielt, die selbst im Dunkeln noch Anweisungen erteilte.
— Sie hat mir später erzählt, dass sie mich eigentlich gar nicht wiedersehen wollte, erinnerte er sich schmunzelnd. — Aber drei Tage danach stand ich mit einem Strauß gelber Tulpen vor ihrer Tür, obwohl ich nicht einmal wusste, dass sie diese Blumen überhaupt nicht ausstehen konnte.
Aus dem missglückten Besuch war ein gemeinsamer Spaziergang geworden, aus dem Spaziergang ein weiterer, und irgendwann hatte keiner von beiden mehr einen Grund gesucht, um den anderen wiederzusehen. Sie heirateten in einer kleinen Kirche außerhalb von Celle, zogen in eine Mietwohnung mit undichten Fenstern und bauten sich nach und nach ein Leben auf, das von außen betrachtet vielleicht unspektakulär gewesen war, für sie beide jedoch alles bedeutete.
Es gab zwei Kinder, später drei Enkelkinder, eine lange Zeit voller Arbeit und Sorgen und schließlich jene ruhigeren Jahre, in denen sie endlich wieder mehr füreinander hatten. Ruth hatte immer behauptet, dass man im Alter nicht weniger Liebe brauche als in jungen Jahren, sondern lediglich andere Wege finden müsse, sie zu zeigen.
— Meine Frau konnte übrigens überhaupt nicht gut backen, gestand Herr Brandt und betrachtete die Kuchenauslage. — Das hätte sie niemals zugegeben, aber ihre ersten Streuselkuchen waren so hart, dass unser Sohn einmal fragte, ob man damit auch Nägel einschlagen könne.
Monika musste lachen, und der alte Mann erzählte weiter, wie Ruth eines Tages beschlossen hatte, künftig samstags einen Kuchen beim Bäcker zu kaufen und ihn zu Hause auf ihrem guten Porzellan zu servieren. Daraus war eine feste Gewohnheit geworden, die sie selbst dann beibehielten, als die Kinder längst ausgezogen waren und ihre Wochenenden nicht mehr von Schulveranstaltungen, Wäschebergen und Familienbesuchen bestimmt wurden.
Jeden Samstag nach dem Mittagessen nahmen sie zwei Stücke Kuchen, füllten Kaffee in eine alte Thermoskanne und gingen an einen Ort, den sie schon in jungen Jahren geliebt hatten. Dort erzählten sie einander Dinge, für die unter der Woche oft keine Zeit geblieben war, und manchmal saßen sie einfach schweigend nebeneinander, weil nach so vielen gemeinsamen Jahren nicht jedes Gefühl Worte brauchte.
— Ruth wollte immer das Stück mit den meisten Streuseln, erklärte er, während er mit einem Finger über den Rand seiner Teetasse strich. — Ich habe ihr manchmal absichtlich das größere gegeben, aber sie hat natürlich sofort gemerkt, dass ich wieder versucht habe, besonders großzügig zu sein.
Monika lächelte, doch als sie sah, wie seine Augen feucht wurden, sagte sie nichts mehr. Sie ahnte, dass hinter diesen Erinnerungen ein Schmerz lag, der nicht kleiner wurde, nur weil inzwischen drei Jahre vergangen waren.
Herr Brandt erzählte schließlich von Ruths letzter Krankheit, die zunächst mit einer scheinbar harmlosen Erschöpfung begonnen hatte und innerhalb weniger Monate ihr ganzes gemeinsames Leben veränderte. Aus Spaziergängen wurden Arztbesuche, aus gemütlichen Abenden schlaflose Nächte, und irgendwann konnte Ruth nicht mehr selbstständig aus dem Bett aufstehen.
Er hatte sie gepflegt, so gut er konnte, obwohl ihm die Hände manchmal vor Müdigkeit zitterten und er nachts heimlich im Badezimmer weinte. Wenn sie ihn fragte, weshalb seine Augen gerötet seien, behauptete er, die Seife nicht vertragen zu haben, und Ruth tat so, als glaube sie ihm.
— Wissen Sie, was mir heute am meisten leidtut? fragte er plötzlich. — Dass ich so oft gedacht habe, wir hätten noch unendlich viel Zeit, und deshalb manche Dinge auf morgen verschoben habe, die ich ihr besser gleich hätte sagen sollen.
Monika wollte erwidern, dass seine Frau bestimmt gewusst habe, wie sehr er sie liebte, doch er hob leicht die Hand, als müsse er erst einen Gedanken zu Ende bringen. In den letzten Wochen vor ihrem Tod hatte Ruth nämlich begonnen, sich Sorgen um ihn zu machen, obwohl sie selbst kaum noch Kraft besaß.
Sie fragte immer wieder, ob er nach ihrem Tod weiterhin zum Kegelabend gehen werde, ob er die Enkelkinder besuchen wolle und ob er daran denken werde, regelmäßig etwas Warmes zu essen. Er hatte diese Fragen jedes Mal abgewehrt, weil er nicht ertragen konnte, dass sie über eine Zukunft sprach, in der sie selbst nicht mehr vorkommen würde.
Eines Abends hatte Ruth ihn gebeten, ihr etwas zu versprechen, und als er ungeduldig fragte, was sie denn noch von ihm wolle, hatte sie seine Hand genommen. Sie verlangte nichts Großes, keine Reise, keine teure Erinnerung und auch kein feierliches Versprechen am Krankenbett, sondern lediglich, dass er ihre gemeinsame Samstagstradition fortsetzen sollte.
— Und zwar mit zwei Stücken, hatte sie ausdrücklich gesagt, erinnerte sich Herr Brandt mit brüchiger Stimme. — Ich habe sie damals gefragt, ob sie denn ernsthaft glaube, dass ich nach ihrem Tod noch Kuchen essen könnte, als wäre nichts geschehen.
Monika beobachtete, wie er nach einem Taschentuch suchte, es aber schließlich unbenutzt in seiner Hand behielt. Er erklärte, dass Ruth ihm damals noch etwas gesagt habe, dessen Bedeutung er erst viel später verstanden habe, und dass genau diese Worte ihn seit drei Jahren jeden Samstag aus dem Haus trieben.
— Darf ich fragen, was Ihre Frau Ihnen gesagt hat? fragte Monika behutsam, nachdem sie bemerkt hatte, dass der alte Mann trotz seiner Erschöpfung weiterreden wollte.
Herr Brandt nickte, doch bevor er antworten konnte, klingelte die Ladentür, und eine Kundin kam herein, die noch rasch ein Brot kaufen wollte. Monika entschuldigte sich, bediente die Frau und kehrte anschließend zu ihrem Gast zurück, der inzwischen die leere Teetasse vor sich stehen hatte.
Sie packte seine beiden Kuchenstücke ein und wollte ihm gerade die Tüte überreichen, als er seinen Geldbeutel öffnete und verlegen auf die wenigen Münzen darin blickte. Erst jetzt bemerkte Monika, dass sein Mantel an einer Stelle sorgfältig geflickt war und seine Schuhe trotz des kalten Wetters bereits deutliche Risse aufwiesen.
— Ich fürchte, ich habe mich heute verrechnet, sagte er leise. — Die neue Zuzahlung für meine Medikamente war höher als erwartet, und ich dachte, es würde trotzdem noch für beide Stücke reichen.
Monika schob ihm die Tüte entgegen und erklärte, er könne den Kuchen selbstverständlich mitnehmen und irgendwann bezahlen, wenn es ihm besser passe. Doch der alte Mann schüttelte den Kopf und legte die wenigen Münzen auf den Tisch, wobei seine Hände nun noch stärker zitterten.
— Dann nehme ich heute eben nur eines, Frau Reuter, meinte er mit einer Verlegenheit, die Monika beinahe das Herz brach. — Es wird schon irgendwie gehen, auch wenn es das erste Mal seit Ruths Tod wäre.
— Sie nehmen selbstverständlich beide, erwiderte Monika, und diesmal ließ sie keinen Widerspruch zu. — Ich habe Ihnen doch gerade erzählt, dass wir heute ohnehin zu viel gebacken haben, und bevor der Kuchen morgen trocken wird, soll ihn lieber jemand essen, der sich wirklich darüber freut.
Herr Brandt sah sie lange an, als überlege er, ob er diese kleine Notlüge durchgehen lassen dürfe. Schließlich nahm er die Tüte entgegen, bedankte sich so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte, und erhob sich mühsam von seinem Stuhl.
Doch noch bevor er die Tür erreichte, fragte Monika, ob sie ihn vielleicht ein Stück begleiten solle, weil sie ohnehin gleich schließen würde. Sie erklärte, dass sie sich Sorgen mache, nachdem er vorhin beinahe zusammengebrochen sei, und dass sie ihn bei diesem Wetter unmöglich einfach allein fortgehen lassen könne.
— Sie sind ein guter Mensch, Frau Reuter, antwortete er, ohne sich umzudrehen. — Aber ich fürchte, Sie würden mich für einen wunderlichen alten Mann halten, wenn Sie wüssten, wohin ich mit dem zweiten Stück Kuchen gehe.
— Ich habe in meinem Leben schon sehr viel Wunderliches erlebt, Herr Brandt, entgegnete Monika, während sie ihren Mantel vom Haken nahm. — Und wenn ich ehrlich bin, mache ich mir eher Sorgen darüber, dass Sie dort vielleicht niemanden haben, der Ihnen helfen könnte, falls Ihnen etwas passiert.
Der alte Mann blieb an der Tür stehen und betrachtete die Tüte in seiner Hand. Dann wandte er sich langsam zu ihr um, und Monika sah in seinem Gesicht plötzlich nicht mehr nur die Trauer eines Witwers, sondern auch eine Entschlossenheit, die sie bisher an ihm nicht gekannt hatte.
— Wissen Sie, meine Ruth hat mir in ihrer letzten Nacht etwas aufgetragen, das ich damals für völlig unsinnig gehalten habe, begann er. — Sie wollte, dass ich weiterhin zwei Stücke Kuchen kaufe, aber das zweite sollte keineswegs für immer unberührt neben mir liegen bleiben.
Monika runzelte die Stirn, denn sie hatte angenommen, er bringe das zusätzliche Stück vielleicht zu Ruths Grab oder stelle es zu Hause neben ihr Foto. Doch der alte Mann schüttelte den Kopf, als hätte er ihre Gedanken erraten, und zog die beiden sorgfältig verpackten Kuchenstücke aus der Tüte.
— Meine Frau sagte, ich dürfe um sie trauern, solange ich müsse, aber ich solle nicht zulassen, dass mit ihr auch alles Gute aus unserem Leben verschwinde. Und dann hat sie mich um etwas gebeten, das mir anfangs beinahe unmöglich erschien.
Er hielt inne, während draußen der Wind gegen die Schaufensterscheibe drückte und die ersten Regentropfen über das Glas liefen. Monika spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte, obwohl sie noch immer nicht wusste, was dieser einsame Mann seit Jahren mit dem zweiten Stück Kuchen machte.
— Ruth hat gesagt: „Wenn du eines Tages wieder jemanden siehst, der so allein ist wie du, dann denk daran, dass auch dieser Mensch einmal ein ganzes Leben voller Liebe gehabt haben könnte.“
Monika schluckte und fragte schließlich, ob er deshalb jeden Samstag zu einem bestimmten Menschen gehe, den er früher gemeinsam mit seiner Frau gekannt habe. Herr Brandt antwortete nicht sofort, sondern betrachtete lange das Kuchenstück mit den besonders vielen Streuseln.
— Nein, Frau Reuter, sagte er schließlich. — Es ist viel schwieriger als das, denn ich weiß vorher meistens nicht, wen ich dort antreffen werde.
Er sah sie mit einer Ernsthaftigkeit an, die sie erschreckte, und fügte hinzu, dass er heute zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, nicht mehr hinzugehen. Seine Beine würden schwächer, das Geld reiche kaum noch, und manchmal frage er sich, ob ein alter Mann mit einem Stück Kuchen überhaupt noch irgendetwas bewirken könne.
Monika wollte ihm gerade versichern, dass seine Frau bestimmt stolz auf ihn wäre, als er etwas sagte, womit sie nicht gerechnet hatte.
— Heute muss ich aber unbedingt hin, Frau Reuter, denn letzten Samstag saß dort jemand, der mir unter Tränen erzählt hat, dass er keinen einzigen Menschen mehr auf der Welt habe. Und bevor ich gegangen bin, hat er mich gefragt, ob ich nächsten Samstag wiederkommen würde.
Er sah auf die Uhr über der Ladentür, und in seinen Augen lag eine Sorge, die Monika bis dahin nicht verstanden hatte.
— Ich habe ihm versprochen, dass ich komme, und jetzt wartet er vielleicht schon seit einer Stunde auf mich. Aber ich weiß nicht, ob ich den Weg heute noch allein schaffe.
Monika stand mit ihrem Mantel in der Hand vor ihm und begriff plötzlich, dass es hier längst nicht mehr nur um die Erinnerung an eine verstorbene Ehefrau ging. Vor ihr stand ein erschöpfter alter Mann, der kaum genug Geld für seinen eigenen Lebensunterhalt hatte und dennoch offenbar etwas bewahrte, das für einen anderen Menschen von großer Bedeutung geworden war.
Dann nahm Herr Brandt seine Brille ab, wischte sich über die Augen und stellte ihr eine Frage, die sie bis ins Innerste traf.
— Frau Reuter, würden Sie mich heute vielleicht begleiten? Ich möchte nicht, dass dort jemand glaubt, ich hätte ihn genauso vergessen wie alle anderen.
Monika hatte in ihren siebenundzwanzig Jahren als Verkäuferin schon viele Menschen weinen sehen. Kinder, die ihren verlorenen Geldbeutel suchten, junge Frauen nach einem Streit, alte Männer, die plötzlich nicht mehr wussten, weshalb sie eigentlich in den Laden gekommen waren. Doch noch nie hatte jemand mit einer so einfachen Bitte etwas in ihr berührt, das sie selbst seit Jahren sorgfältig vor sich verborgen hielt.
Sie dachte an ihre eigene Mutter, die seit dem Tod ihres Vaters allein in einer kleinen Wohnung in Uelzen lebte. Wie oft hatte sie deren Anrufe weggedrückt, weil gerade Kunden warteten, das Abendessen vorbereitet werden musste oder sie nach einem langen Arbeitstag einfach ihre Ruhe haben wollte?
— Wissen Sie was, Herr Brandt, sagte sie schließlich und zog ihren Mantel an. — Ich habe heute sowieso nichts vor, was nicht bis morgen warten könnte, und wenn jemand auf Sie wartet, sollten wir ihn nicht länger warten lassen.
Der alte Mann sah sie überrascht an, als hätte er mit einer freundlichen Absage gerechnet. Dann lächelte er auf eine Weise, die sein ganzes müdes Gesicht veränderte, und fragte vorsichtig, ob sie denn wirklich bereit sei, mit einem beinahe fremden Mann durch den Regen zu gehen.
— Fremd sind Sie mir schon lange nicht mehr, erwiderte Monika, während sie die Kasse abschloss. — Schließlich weiß ich inzwischen ziemlich genau, wie viel Streusel Sie auf Ihrem Kuchen mögen, und das ist manchmal mehr, als man über seine eigenen Verwandten weiß.
Sie schaltete die Beleuchtung aus, hängte das Schild an der Tür auf „Geschlossen“ und nahm die beiden Kuchenstücke, die Herr Brandt noch immer festhielt, vorsichtig an sich. Dann bot sie ihm ihren Arm an, und gemeinsam gingen sie hinaus in den kühlen Oktobernachmittag.
Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, doch auf dem Kopfsteinpflaster glänzten kleine Pfützen, in denen sich die gelben Straßenlaternen spiegelten. Herr Brandt bewegte sich langsam und musste mehrmals stehen bleiben, weil ihm das Atmen schwerfiel, aber jedes Mal, wenn Monika vorschlug, eine Pause einzulegen, blickte er unruhig auf seine Armbanduhr.
— Ist es noch weit? fragte sie schließlich, als sie bemerkte, wie sehr ihn jeder Schritt anstrengte. — Wenn Sie mir sagen, wohin wir müssen, kann ich auch mein Auto holen, denn es steht gleich hinter der Konditorei.
— Wir müssen zum alten Stadtpark, erklärte er. — Dort, wo früher das kleine Musikpavillon stand und heute nur noch die Rosenbeete und ein paar Bänke übrig geblieben sind.
Monika kannte den Ort, denn sie war als junges Mädchen oft mit Freundinnen dort spazieren gegangen. Inzwischen führte ihr Weg nur noch selten dorthin, obwohl der Park kaum zehn Autominuten von ihrem Geschäft entfernt lag.
Sie brachte Herrn Brandt zu ihrem Wagen, half ihm beim Einsteigen und legte die Kuchenstücke sorgfältig auf den Rücksitz. Während sie durch die schmalen Straßen fuhren, begann der alte Mann von einer Zeit zu erzählen, in der er und Ruth noch keine grauen Haare gehabt hatten und ein gemeinsamer freier Nachmittag für sie das größte Vergnügen gewesen war.
— Wir konnten uns damals nicht viel leisten, wissen Sie, sagte er, während er aus dem Fenster sah. — Aber Ruth hatte die wunderbare Fähigkeit, aus einem gewöhnlichen Samstag etwas Besonderes zu machen, selbst wenn wir nur ein paar belegte Brote und eine Thermoskanne Kaffee dabeihatten.
Er erzählte, wie sie nach ihrer Hochzeit oft in den Park gegangen waren, weil ihre kleine Wohnung im Sommer unerträglich heiß wurde. Ruth hatte dort gern gelesen, während er sich mit technischen Zeitschriften beschäftigte, und manchmal stritten sie darüber, ob es sinnvoller sei, Geld für einen neuen Kühlschrank oder für einen gemeinsamen Urlaub zu sparen.
Später, als die Kinder geboren wurden, veränderten sich diese Nachmittage, aber sie verschwanden nicht aus ihrem Leben. Die beiden schoben einen Kinderwagen über die Kieswege, sammelten Kastanien, trösteten aufgeschlagene Knie und versprachen einander immer wieder, dass sie eines Tages wieder ganz in Ruhe nebeneinandersitzen würden.
— Und irgendwann war dieser Tag tatsächlich gekommen, sagte Herr Brandt. — Unser Sohn zog nach Hamburg, unsere Tochter heiratete und ging nach Freiburg, und plötzlich hatten wir wieder Zeit für all die Dinge, auf die wir so lange gewartet hatten.
Er lächelte bei der Erinnerung, doch seine Stimme wurde leiser, als er von Ruths letzten gesunden Jahren sprach. Sie hatten begonnen, jeden Samstag zwei Stücke Streuselkuchen zu kaufen und sie auf einer Bank am Rand des Rosengartens zu essen, während sie beobachteten, wie andere Menschen vorbeigingen.
Ruth hatte eine besondere Aufmerksamkeit für diejenigen besessen, die niemand zu bemerken schien. Sie grüßte ältere Frauen, die allein ihre Hunde ausführten, sprach mit Menschen, die auf einer Bank saßen, und fragte gelegentlich sogar völlig Fremde, ob sie sich für einen Moment zu ihnen setzen dürfe.
— Ich habe sie manchmal deswegen aufgezogen, gestand er. — Ich sagte immer, sie könne unmöglich die ganze Welt retten, und sie antwortete, dass sie das auch gar nicht vorhabe, solange sie wenigstens einem Menschen den Nachmittag ein bisschen schöner machen könne.
Monika hörte aufmerksam zu, während sie den Wagen auf einem kleinen Parkplatz neben dem Park abstellte. Sie half Herrn Brandt beim Aussteigen und bemerkte, dass er plötzlich unruhig wurde, als könne er es kaum erwarten, endlich an den vertrauten Ort zu gelangen.
Sie gingen einen breiten Weg entlang, der zwischen alten Kastanien hindurchführte, und erreichten schließlich den Rosengarten. Die meisten Blüten waren bereits verblüht, doch einige dunkelrote Rosen hielten sich noch zwischen den feuchten Zweigen, als wollten sie dem nahenden Winter nicht kampflos das Feld überlassen.
Am Ende des Weges stand eine schlichte Holzbank, deren Rückenlehne an mehreren Stellen verwittert war. Daneben befand sich ein niedriger Papierkorb, und hinter den Bäumen konnte man die Dächer der umliegenden Häuser erkennen.
Auf dieser Bank saß ein Mann, der vielleicht Mitte siebzig war. Er trug eine dünne graue Jacke, hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und starrte so unbeweglich auf den Kiesweg, dass er die beiden Ankommenden zunächst gar nicht bemerkte.
Herr Brandt blieb stehen, und Monika spürte, wie sich sein Arm unter ihrer Hand entspannte.
— Da ist er, flüsterte er. — Gott sei Dank, er ist noch da.
Als sie näher kamen, hob der fremde Mann langsam den Kopf. Sein Gesicht war schmal, die Wangen eingefallen, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, die von vielen schlaflosen Nächten erzählen konnten.
— Herr Brandt? fragte er ungläubig. — Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen.
— Vergessen? Mein lieber Herr Krüger, dafür bin ich zwar alt genug, aber noch lange nicht unhöflich genug, erwiderte Herr Brandt und versuchte zu lächeln. — Ich habe nur etwas länger gebraucht, und zum Glück hat mich diese freundliche Dame hergebracht.
Der Mann erhob sich mühsam, doch Herr Brandt bedeutete ihm, sitzen zu bleiben. Monika stellte die Papiertüte auf die Bank, während die beiden Männer einander ansahen, als hätten sie sich schon sehr viel länger gekannt als nur eine Woche.
— Ich bin übrigens Monika Reuter, sagte sie und reichte dem Fremden die Hand. — Herr Brandt kauft seinen Kuchen seit Jahren bei mir, und heute durfte ich endlich erfahren, weshalb er immer zwei Stücke mitnimmt.
Herr Krüger blickte überrascht auf die Tüte und dann auf den alten Mann.
— Ach, dann sind Sie also die Frau aus der Konditorei, von der er mir erzählt hat, sagte er. — Er hat letzte Woche gesagt, dass es bei Ihnen den besten Streuselkuchen der Stadt gibt, aber ich dachte, das sagt er wahrscheinlich nur, weil er schon so lange dort einkauft.
Monika lachte leise, während Herr Brandt die beiden Stücke auspackte. Eines legte er vor sich auf eine Serviette, das andere reichte er Herrn Krüger, der es zunächst nur betrachtete, ohne danach zu greifen.
— Sie haben tatsächlich wieder eines für mich mitgebracht, sagte der Mann schließlich. — Ich habe die ganze Woche daran gedacht, aber eigentlich nicht wegen des Kuchens.
Herr Brandt setzte sich neben ihn und wartete geduldig, bis der andere weitersprach.
— Wissen Sie, meine Frau ist im Frühjahr gestorben, und seitdem ist jeder Tag so still geworden, dass ich manchmal das Radio laufen lasse, nur damit ich nicht ständig meine eigenen Schritte höre. Meine Tochter lebt in München, mein Sohn arbeitet in der Schweiz, und beide haben ihre Familien, ihre Berufe und ihre Sorgen.
Er strich mit den Fingern über die Papierserviette und senkte den Kopf.
— Ich will ihnen nicht zur Last fallen, deshalb sage ich immer, dass es mir gut geht, wenn sie anrufen. Aber manchmal vergehen fünf oder sechs Tage, in denen ich mit niemandem ein richtiges Gespräch führe, und dann frage ich mich, ob überhaupt jemand merken würde, wenn ich eines Morgens nicht mehr aufstehe.
Monika spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust, denn plötzlich hörte sie in seinen Worten etwas, das ihre eigene Mutter vor einigen Monaten am Telefon gesagt hatte. Damals hatte sie darüber gelacht und gemeint, ihre Mutter solle nicht so düster denken, weil schließlich jeder Mensch irgendwann einmal allein zu Hause sei.
Jetzt kam ihr diese Antwort grausam vor, obwohl sie damals keineswegs grausam hatte sein wollen.
— Letzten Samstag bin ich hierhergekommen, weil ich es in meiner Wohnung nicht mehr ausgehalten habe, fuhr Herr Krüger fort. — Ich saß auf dieser Bank und habe mich gefragt, wie man die nächsten zehn Jahre überstehen soll, wenn schon ein einziger Nachmittag so endlos lang werden kann.
Er sah Herrn Brandt an, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
— Dann haben Sie sich neben mich gesetzt und mir ein Stück Kuchen angeboten, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Und als ich Ihnen erzählte, dass meine Frau gestorben ist, haben Sie nicht gesagt, ich müsse stark sein oder mich endlich ablenken, sondern einfach nur zugehört.
Herr Brandt legte seine Hand auf den Arm des anderen Mannes.
— Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich niemand mehr da ist, dem man erzählen kann, dass die Heizung wieder Geräusche macht oder dass die Tomaten auf dem Balkon endlich reif geworden sind.
Herr Krüger nickte und lächelte unter Tränen.
— Meine Frau hätte Sie gemocht, sagte er. — Sie hat immer behauptet, dass man einen Menschen daran erkennt, wie er mit jemandem umgeht, von dem er nichts zu erwarten hat.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, während Monika auf einer zweiten Bank Platz nahm. Sie wollte die beiden Männer nicht stören, doch zugleich hatte sie das Gefühl, Zeugin von etwas zu sein, das weit über ein zufälliges Treffen im Park hinausging.
Schließlich fragte sie Herrn Brandt, ob er wirklich seit drei Jahren jeden Samstag hierherkomme und seinen zweiten Kuchen mit fremden Menschen teile. Der alte Mann nickte und betrachtete das Stück auf seiner Serviette, bevor er antwortete.
— Am Anfang war es anders, Frau Reuter, erklärte er. — In den ersten Monaten nach Ruths Tod habe ich den zweiten Kuchen einfach neben mich gelegt, genau dorthin, wo sie früher gesessen hat, und manchmal habe ich sogar laut mit ihr gesprochen.
Er erzählte, dass er Ruth von den Enkeln berichtet habe, von den Schwierigkeiten mit seinem alten Fahrrad und von der neuen Nachbarin, die ihre Mülltonnen grundsätzlich am falschen Tag hinausstellte. Manchmal hatte er sich dabei selbst lächerlich gefunden, doch der Gedanke, diese kleinen Dinge niemandem mehr erzählen zu können, war noch unerträglicher gewesen.
Eines Tages hatte sich eine ältere Frau auf die Bank gesetzt, weil ihr nach einem Arzttermin schwindelig geworden war. Herr Brandt hatte ihr Wasser aus seiner Flasche angeboten und schließlich auch den zweiten Kuchen, den er bis dahin unangetastet neben sich liegen gelassen hatte.
— Ich habe mich danach schrecklich gefühlt, gestand er. — Es kam mir vor, als hätte ich Ruth etwas weggenommen, obwohl ich doch genau das getan hatte, worum sie mich gebeten hatte.
Monika runzelte die Stirn, und Herr Brandt bemerkte ihren fragenden Blick.
— Meine Frau hat in ihrer letzten Nacht gesagt, dass ich nicht versuchen solle, die Liebe zu ihr in einer Schublade einzuschließen, aus Angst, sie könnte verloren gehen. Sie wollte, dass ich den zweiten Kuchen irgendwann jemandem anbiete, der ihn vielleicht dringender braucht als ein leerer Platz auf einer Bank.
Er hielt inne, weil seine Stimme plötzlich versagte, und sah zu den letzten Rosen hinüber.
— Sie sagte, wenn ich einem einsamen Menschen etwas von unserer gemeinsamen Wärme weitergebe, müsse ich nicht befürchten, sie dadurch weniger zu lieben. Und sie hat mich gebeten, nicht nur an ihrem Tod festzuhalten, sondern auch daran, wie sie gelebt hat.
Monika wischte sich verstohlen über die Augen. Sie dachte daran, wie viele Menschen täglich durch ihre Konditorei kamen, ohne dass sie auch nur ahnte, welche Sorgen sie hinter ihren freundlichen Gesichtern verbargen.
Herr Brandt erzählte weiter, dass er seit jenem ersten Nachmittag immer wieder Menschen begegnet sei, die jemanden zum Reden brauchten. Da war eine junge Mutter gewesen, die nach ihrer Scheidung zum ersten Mal allein mit ihrem Kind unterwegs war, ein ehemaliger Lehrer, der sich nach seiner Pensionierung nutzlos fühlte, und eine Frau, deren erwachsene Kinder seit Jahren nicht mehr miteinander sprachen.
Nicht jeder hatte den Kuchen angenommen, und manchmal blieb er stundenlang allein auf der Bank sitzen. Doch wenn jemand neben ihm Platz nahm, fragte er inzwischen nicht mehr zuerst nach dem Wetter, sondern danach, ob der andere einen guten Tag gehabt habe.
— Das klingt nach einer Kleinigkeit, sagte er. — Aber manchmal braucht ein Mensch gar keine großen Ratschläge, sondern nur jemanden, der wirklich hören möchte, wie es ihm geht.
Herr Krüger betrachtete seinen Kuchen und erzählte, dass er seit dem letzten Treffen zum ersten Mal wieder etwas gekocht hatte. Es war nur eine einfache Kartoffelsuppe gewesen, aber er hatte den Tisch gedeckt, statt wie sonst im Stehen aus dem Topf zu essen, und dabei an die Worte des alten Mannes gedacht.
— Meine Frau hat immer gesagt, dass ich selbst dann ordentlich essen soll, wenn sie einmal nicht da ist, erklärte er. — Ich habe erst letzte Woche begriffen, dass ich ihr diesen Wunsch vielleicht doch erfüllen könnte.
Monika blieb noch eine ganze Stunde bei den beiden Männern, obwohl sie ursprünglich nur vorgehabt hatte, Herrn Brandt sicher zum Park zu bringen. Sie hörte zu, wie sie von ihren Ehefrauen erzählten, über die Eigenheiten ihrer Enkel lachten und sich darüber beschwerten, dass moderne Fernseher inzwischen mehr Knöpfe hätten, als ein vernünftiger Mensch brauche.
Als der Nachmittag dunkler wurde, brachte sie Herrn Brandt nach Hause und bot Herrn Krüger an, ihn ebenfalls mitzunehmen. Der Mann lehnte zunächst ab, weil er niemandem Umstände machen wollte, doch als Monika erklärte, dass sein Haus ohnehin auf ihrem Weg liege, stieg er schließlich mit ein.
Vor seiner Haustür blieb er noch einen Moment stehen und wandte sich an Herrn Brandt.
— Kommen Sie nächsten Samstag wieder? fragte er mit einer Unsicherheit, die beinahe kindlich wirkte. — Ich könnte diesmal Kaffee mitbringen, denn meine Frau hat mir eine gute Thermoskanne hinterlassen, die seit Monaten unbenutzt im Schrank steht.
Herr Brandt lächelte und streckte ihm die Hand entgegen.
— Wenn meine Beine mitmachen, bin ich da, versprach er. — Und falls nicht, finden wir bestimmt eine andere Möglichkeit, denn ich habe inzwischen gelernt, dass man sich von ein paar alten Knochen nicht alles verbieten lassen darf.
Auf der Rückfahrt sagte Monika lange nichts, weil sie noch immer über das nachdachte, was sie an diesem Nachmittag erlebt hatte. Erst als sie vor Herrn Brandts Wohnhaus anhielt, fragte sie, weshalb er ihr nie von diesen Begegnungen erzählt habe.
— Weil ich nichts Besonderes tue, Frau Reuter, antwortete er und löste langsam den Sicherheitsgurt. — Ich kaufe zwei Stücke Kuchen und setze mich auf eine Bank, und wenn jemand Gesellschaft braucht, teile ich mit ihm, was ich habe.
Er sah sie freundlich an und fügte hinzu, dass Ruth bestimmt über all die Aufmerksamkeit gelacht hätte.
— Sie hat immer gesagt, man müsse kein reicher Mensch sein, um großzügig zu sein, und vielleicht hat sie recht gehabt. Ich habe nicht viel Geld, aber solange ich noch zuhören kann, bin ich vielleicht doch nicht ganz nutzlos.
Monika wollte widersprechen, doch der alte Mann war bereits ausgestiegen und winkte ihr zum Abschied. Als sie später nach Hause kam, stellte sie fest, dass ihr Mann den Tisch gedeckt und das Abendessen warm gehalten hatte, obwohl sie sich deutlich verspätet hatte.
— Wo warst du denn so lange? fragte er, während er die Kartoffeln auf die Teller verteilte. — Ich habe schon gedacht, du hättest irgendwo eine Panne gehabt.
Monika setzte sich und erzählte ihm alles, angefangen bei den beiden Kuchenstücken bis zu dem fremden Mann, der eine ganze Woche auf eine Verabredung gewartet hatte. Ihr Mann hörte diesmal aufmerksam zu und stellte schließlich seine Gabel beiseite.
— Weißt du, sagte er nach einer Weile, meine Mutter hat gestern auch wieder angerufen, und ich habe ihr versprochen, mich am Wochenende zu melden. Vielleicht sollten wir nicht immer nur versprechen, sondern einfach einmal hinfahren.
Monika nickte, und zum ersten Mal seit Langem sprachen sie beim Abendessen darüber, wie schnell die Jahre vergangen waren und wie selbstverständlich sie es inzwischen fanden, dass ihre Eltern noch da waren.
Am nächsten Morgen rief Monika ihre Mutter an und fragte, ob sie am Sonntag Besuch haben wolle. Die alte Frau klang zunächst überrascht und erkundigte sich sofort, ob etwas passiert sei, weil ihre Tochter sonst selten so kurzfristig vorbeikam.
— Es ist nichts passiert, Mama, antwortete Monika und musste plötzlich lächeln. — Ich habe nur gemerkt, dass ich dich viel zu lange nicht mehr richtig besucht habe, und ich würde gern mit dir Kaffee trinken, ohne ständig auf die Uhr zu sehen.
Am anderen Ende der Leitung wurde es still, bevor ihre Mutter vorsichtig fragte, ob Monika vielleicht auch zum Abendessen bleiben könne. Sie habe noch die alten Fotoalben hervorgeholt und würde ihr gern ein paar Bilder zeigen, die sie beim letzten Aufräumen gefunden habe.
— Natürlich bleibe ich, Mama, sagte Monika. — Und wenn du möchtest, bringe ich deinen Lieblingskuchen mit, damit wir endlich wieder einmal einen ganzen Nachmittag zusammen verbringen können.
In den folgenden Wochen veränderte sich in der Konditorei etwas, das zunächst kaum jemand bemerkte. Monika begann, sich mehr Zeit für ihre älteren Kunden zu nehmen, und wenn jemand allein an einem Tisch saß, fragte sie nicht mehr nur, ob noch Kaffee gewünscht sei, sondern manchmal auch, wie es ihm eigentlich gehe.
Herr Brandt kam weiterhin jeden Samstag, doch inzwischen musste er sich häufiger auf dem Weg ausruhen. Seine Hände zitterten stärker, und manchmal vergaß er, wo er seinen Geldbeutel hingelegt hatte, obwohl er sich an jede Einzelheit aus seiner gemeinsamen Zeit mit Ruth erinnern konnte.
Monika begann, ihm die beiden Kuchenstücke schon am Freitagabend zurückzulegen, damit er nicht befürchten musste, zu spät zu kommen. Sie bestand darauf, dass er sich nach dem Einkauf eine Weile ausruhte, und gelegentlich brachte sie ihn selbst zum Park, wenn ihr Mann die Konditorei für eine Stunde übernehmen konnte.
Herr Krüger wartete dort inzwischen regelmäßig mit einer Thermoskanne Kaffee. Die beiden Männer hatten begonnen, sich auch unter der Woche anzurufen, und einmal erzählte Herr Brandt lachend, dass sie sich sogar gemeinsam überlegt hätten, einen kleinen Schachclub zu gründen, obwohl keiner von ihnen besonders gut spielen konnte.
Im Dezember kam eine weitere Person hinzu, eine verwitwete ehemalige Krankenschwester namens Ingrid, die nach einem Umzug kaum jemanden in Celle kannte. Sie hatte die beiden Männer eines Nachmittags nach dem Weg gefragt und war schließlich so lange bei ihnen sitzen geblieben, dass ihr Kaffee kalt geworden war.
Von da an brachte sie manchmal selbst gebackene Kekse mit, und Herr Krüger bestand darauf, dass man sich bei schlechtem Wetter auch im kleinen Café am Parkeingang treffen könne. Herr Brandt war zunächst dagegen, weil er die Bank nicht aufgeben wollte, doch schließlich ließ er sich überzeugen, dass Ruth bestimmt nicht gewollt hätte, dass er sich wegen einer Tradition eine Lungenentzündung holte.
Kurz vor Weihnachten geschah etwas, womit Monika nicht gerechnet hatte.
Herr Brandt erschien an einem Samstag ungewöhnlich früh in der Konditorei und bat sie, diesmal vier Stücke Kuchen einzupacken. Als sie überrascht nachfragte, erklärte er, dass Herr Krüger seine Tochter zu Besuch habe und Ingrid ihre Nachbarin mitbringen wolle, die seit einem Unfall nur selten aus dem Haus komme.
— Sehen Sie, Frau Reuter, sagte er und lächelte verschmitzt, — früher haben Ruth und ich immer nur zwei Stücke gebraucht, und jetzt weiß ich manchmal gar nicht mehr, wie viele ich kaufen soll.
Monika lachte und packte die Kuchenstücke sorgfältig ein, wobei sie darauf achtete, dass eines besonders viele Streusel hatte. Als sie ihm die Tüte überreichte, bemerkte sie, dass seine Augen plötzlich feucht wurden.
— Was ist denn los, Herr Brandt? fragte sie erschrocken. — Habe ich etwas Falsches gesagt?
Der alte Mann schüttelte den Kopf und betrachtete die Tüte, bevor er antwortete.
— Nein, meine Liebe, ganz im Gegenteil, sagte er leise. — Ich habe nur gerade daran gedacht, wie sehr Ruth sich gefreut hätte, wenn sie wüsste, dass aus unseren zwei kleinen Kuchenstücken inzwischen eine ganze Kaffeerunde geworden ist.
Er erzählte, dass er in den ersten Monaten nach ihrem Tod manchmal geglaubt habe, nie wieder von Herzen lachen zu können. Jeder schöne Augenblick hatte sich damals wie ein Verrat angefühlt, weil Ruth ihn nicht mehr mit ihm teilen konnte, und selbst bei Familienfeiern hatte er sich dafür geschämt, wenn er für einen Moment seine Trauer vergaß.
— Aber inzwischen glaube ich, dass ich sie damit ganz falsch verstanden habe, erklärte er. — Ruth hat mich nicht gebeten, an unserer Gewohnheit festzuhalten, damit ich jeden Samstag traurig bin, sondern damit ich nicht vergesse, dass das Leben auch nach einem großen Verlust noch Menschen bereithält, die einem etwas bedeuten können.
Monika nickte, und für einen Augenblick sahen sie einander schweigend an. Dann bezahlte Herr Brandt seine vier Kuchenstücke, verabschiedete sich und ging mit seinem Stock langsam zur Tür.
Doch bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um.
— Frau Reuter, darf ich Sie um etwas bitten? fragte er, und seine Stimme klang plötzlich ungewöhnlich ernst. — Falls ich eines Tages nicht mehr komme, möchte ich nicht, dass Sie denken, die Geschichte mit dem zweiten Stück Kuchen sei damit zu Ende.
Monika spürte, wie ihr das Herz schwer wurde, denn sie wollte nicht daran denken, dass dieser freundliche alte Mann irgendwann nicht mehr durch ihre Ladentür treten könnte.
— Sprechen Sie doch nicht so, Herr Brandt, erwiderte sie. — Sie werden noch viele Samstage hierherkommen, und ich werde Ihnen jedes Mal den Kuchen mit den schönsten Streuseln zurücklegen.
Er lächelte dankbar, schüttelte aber den Kopf.
— Das hoffe ich natürlich auch, meine Liebe, sagte er. — Aber ich bin ein alter Mann, und irgendwann werden meine Beine mich vielleicht nicht mehr hierhertragen, ganz gleich, wie sehr ich es mir wünsche.
Er schwieg einen Moment und sah zu dem kleinen Tisch am Fenster hinüber, an dem er an jenem regnerischen Oktobertag gesessen hatte.
— Versprechen Sie mir nur, dass Sie dann nicht aufhören, zwei Stücke einzupacken, wenn Sie jemanden sehen, der allein ist. Vielleicht braucht dieser Mensch das zweite Stück genauso dringend, wie ich es damals gebraucht habe.
Monika konnte nicht sofort antworten, weil ihr die Tränen in die Augen stiegen. Schließlich nickte sie und versprach ihm, dass sie sich an seine Worte erinnern werde.
Der Winter verging, und mit dem Frühling kehrten die ersten Spaziergänger in den Stadtpark zurück. Herr Brandt ging es inzwischen nicht mehr so gut wie früher, und nach einem Sturz in seiner Wohnung musste er mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen.
Als Monika davon erfuhr, besuchte sie ihn an einem Sonntagnachmittag und brachte zwei Stücke Streuselkuchen mit. Der alte Mann lag in einem Bett am Fenster, wirkte erschreckend schmal und hatte die Augen geschlossen, doch als sie seinen Namen sagte, öffnete er sie und lächelte.
— Frau Reuter, sagte er überrascht. — Jetzt liefern Sie Ihren Kuchen also schon bis ins Krankenhaus, obwohl ich gar keinen bestellt habe?
— Für besondere Kunden mache ich eben eine Ausnahme, antwortete sie und stellte die Tüte auf den Nachttisch. — Außerdem wollte ich nachsehen, ob Sie hier auch ordentlich behandelt werden, denn sonst müsste ich mich wohl persönlich bei der Stationsleitung beschweren.
Er lachte leise, doch als Monika die beiden Kuchenstücke auspackte, wurde sein Gesicht ernst.
— Wissen Sie, was ich am meisten vermisse? fragte er nach einer Weile. — Nicht meine Wohnung und auch nicht meinen alten Fernsehsessel, sondern die Möglichkeit, einfach irgendwohin zu gehen, wo jemand auf mich wartet.
Monika setzte sich neben sein Bett und erzählte, dass Herr Krüger bereits mehrmals in der Konditorei gewesen sei, um nach ihm zu fragen. Ingrid habe sogar angeboten, ihn zu besuchen, und beide wollten unbedingt wissen, wann er wieder nach Hause dürfe.
Herr Brandt schloss für einen Moment die Augen, während ein kleines Lächeln über sein Gesicht glitt.
— Dann hat Ruth wohl doch recht gehabt, murmelte er. — Manchmal muss man nur lange genug an einem Ort bleiben und ein bisschen Platz für andere lassen, damit aus Fremden Menschen werden, die einem fehlen können.
Monika nahm seine Hand und fragte, ob er ihr etwas über Ruth erzählen wolle, das sie noch nicht kannte. Der alte Mann überlegte lange, bevor er schließlich von einem gewöhnlichen Dienstagabend berichtete, an dem seine Frau nach einem anstrengenden Arbeitstag mit völlig durchnässten Schuhen nach Hause gekommen war.
Er hatte damals bereits das Abendessen vorbereitet und sich darüber geärgert, dass sie so spät kam, obwohl sie versprochen hatte, pünktlich zu sein. Ruth hatte sich nicht verteidigt, sondern ihm nur erklärt, dass sie einer älteren Frau geholfen habe, deren Einkaufstasche auf dem Gehweg gerissen war.
— Ich war damals so ein Dummkopf, sagte er mit einem traurigen Lächeln. — Ich habe mich über die kalten Kartoffeln beschwert, obwohl meine Frau gerade etwas getan hatte, worauf ich eigentlich hätte stolz sein müssen.
Monika drückte seine Hand, und er fuhr fort, dass Ruth sich später neben ihn gesetzt und ihm erklärt habe, weshalb sie nie einfach an einem Menschen vorbeigehen könne, der Hilfe brauche.
— Sie sagte, dass wir alle irgendwann einmal darauf angewiesen sein könnten, dass ein Fremder stehen bleibt, obwohl er es eigentlich eilig hat. Und dass die Welt nur deshalb nicht ganz kalt wird, weil manche Menschen sich trotzdem Zeit nehmen.
Er schwieg, während draußen vor dem Krankenhausfenster die ersten Blätter im Wind zitterten. Dann sah er Monika an und lächelte mit einer Zärtlichkeit, die ihr die Tränen in die Augen trieb.
— Ich habe mehr als fünfzig Jahre mit dieser Frau gelebt, und manchmal glaube ich, dass ich erst jetzt richtig verstehe, was sie mir all die Zeit beibringen wollte.
Einige Wochen später durfte Herr Brandt wieder nach Hause, doch die Ärzte hatten ihm geraten, längere Spaziergänge vorerst zu vermeiden. Monika organisierte deshalb gemeinsam mit Herrn Krüger und Ingrid eine kleine Überraschung, von der der alte Mann zunächst nichts ahnte.
An einem sonnigen Samstag im Mai holte sie ihn mit dem Auto ab und erklärte, dass sie dringend seine Meinung zu einer neuen Kuchensorte brauche. Herr Brandt wunderte sich zwar darüber, dass sie ausgerechnet an seinem freien Nachmittag eine solche Beratung verlangte, ließ sich aber schließlich überreden, seinen Mantel anzuziehen.
Als sie vor dem Stadtpark hielten, sah er sie überrascht an.
— Frau Reuter, ich dachte, wir fahren in Ihre Konditorei, sagte er. — Haben Sie sich vielleicht verfahren, oder soll ich jetzt im Park beurteilen, ob Ihr Kuchen gelungen ist?
Monika lächelte und half ihm beim Aussteigen, während sie ihm erklärte, dass manche Dinge eben am besten dort schmeckten, wo sie hingehörten. Dann führte sie ihn langsam den Weg entlang, auf dem er so viele Jahre gemeinsam mit Ruth gegangen war.
Schon von Weitem hörte er Stimmen und ein vertrautes Lachen. Unter den Kastanien standen mehrere kleine Tische, auf denen Thermoskannen, Teller und Servietten bereitlagen, und neben der alten Bank warteten Herr Krüger, Ingrid, ihre Nachbarin und einige weitere Menschen, die Herr Brandt in den vergangenen Monaten kennengelernt hatte.
Als sie ihn entdeckten, erhoben sich mehrere Gäste und winkten ihm zu. Herr Krüger kam ihm entgegen, nahm vorsichtig seinen Arm und erklärte, dass sie beschlossen hätten, diesmal nicht auf den nächsten zufälligen Samstag zu warten.
— Wir wollten Ihnen zeigen, dass Sie nicht immer derjenige sein müssen, der an andere denkt, sagte er. — Manchmal dürfen andere Menschen auch etwas für Sie tun, Herr Brandt.
Der alte Mann blieb stehen und betrachtete die kleine Gesellschaft, als könne er kaum glauben, was er sah. Auf dem Tisch standen mehrere Kuchenplatten, und auf jeder lagen Stücke mit unterschiedlich vielen Streuseln, weil Monika daran gedacht hatte, dass nicht jeder Mensch dieselben Vorlieben hatte.
— Das ist ja beinahe eine richtige Feier, flüsterte er, während seine Augen feucht wurden. — Dabei habe ich doch gar keinen Geburtstag.
— Brauchen wir denn einen Geburtstag, um zusammenzukommen? fragte Ingrid und stellte ihm einen Stuhl bereit. — Wir dachten, es wäre doch schön, einfach einmal zu feiern, dass wir einander gefunden haben.
Herr Brandt setzte sich langsam, und für einen Augenblick konnte er nichts sagen. Er sah die Menschen an, die sich um ihn versammelt hatten, und dachte daran, wie einsam er sich nach Ruths Tod gefühlt hatte, als die Tage so still geworden waren, dass er manchmal sogar das Ticken der Küchenuhr nicht mehr ertragen konnte.
Damals hatte er geglaubt, sein Leben bestehe nur noch aus Erinnerungen, die mit jedem Jahr weiter verblassen würden. Jetzt saßen Menschen um ihn herum, die er ohne Ruths letzten Wunsch vermutlich niemals kennengelernt hätte, und plötzlich verstand er, dass seine Frau ihm etwas viel Wertvolleres hinterlassen hatte als eine schöne Gewohnheit.
Monika stellte zwei Stücke Streuselkuchen vor ihn, eines mit besonders vielen Streuseln und eines mit wenigen. Herr Brandt betrachtete die Teller lange, bevor er den mit den vielen Streuseln vorsichtig anhob.
— Dieses Stück hätte Ruth genommen, sagte er leise. — Und wissen Sie, ich glaube, sie hätte heute den ganzen Nachmittag damit verbracht, dafür zu sorgen, dass niemand hier allein sitzen muss.
Er reichte den Teller an Ingrid weiter, die neben ihm Platz genommen hatte, und bat sie, sich zu bedienen. Dann nahm er sein eigenes Stück, während Herr Krüger Kaffee einschenkte und jemand eine Geschichte erzählte, über die schließlich alle lachen mussten.
Monika beobachtete, wie Herr Brandt mitten im Gespräch plötzlich den Kopf hob und zu der alten Bank hinübersah. Für einen kurzen Augenblick wirkte es, als sähe er dort etwas, das den anderen verborgen blieb, doch dann lächelte er und wandte sich wieder seinen Gästen zu.
Später, als die meisten bereits gegangen waren, blieb Monika noch einen Moment bei ihm sitzen. Der Nachmittag war warm geworden, und durch die Zweige fiel goldenes Sonnenlicht auf den Kiesweg, über den Ruth und er früher so oft nebeneinander gegangen waren.
— Sind Sie glücklich, Herr Brandt? fragte Monika schließlich, obwohl sie selbst nicht genau wusste, weshalb ihr diese Frage so wichtig war.
Der alte Mann dachte lange darüber nach, bevor er antwortete.
— Ich vermisse Ruth jeden einzelnen Tag, Frau Reuter, sagte er. — Manchmal so sehr, dass ich morgens aufwache und für einen Augenblick nicht weiß, wie ich diesen Tag ohne sie überstehen soll.
Er betrachtete seine Hände und lächelte traurig.
— Aber inzwischen gibt es auch wieder Stunden, in denen ich mich auf etwas freue, und Menschen, denen ich erzählen kann, was mich beschäftigt. Früher dachte ich, dass ich Ruth damit vielleicht untreu werde, doch heute glaube ich, dass sie genau das für mich gewollt hat.
Monika nickte und sah zu der Bank hinüber, auf der noch ein paar Krümel lagen. Sie erinnerte sich an jenen Nachmittag in ihrer Konditorei, als sie einen alten Mann beinahe beiläufig gefragt hatte, weshalb er zwei Stücke Kuchen kaufe, obwohl er immer allein sei.
Damals hatte sie geglaubt, eine traurige Geschichte über einen Menschen zu hören, der nicht loslassen konnte. Jetzt verstand sie, dass dieser Mann etwas ganz anderes getan hatte: Er hatte die Liebe zu seiner verstorbenen Frau nicht hinter sich gelassen, sondern einen Weg gefunden, sie mit anderen Menschen zu teilen.
Im Laufe des Sommers entstand aus den zufälligen Treffen eine kleine feste Gemeinschaft. Jeden Samstag kamen einige ältere Menschen in den Park, brachten Kaffee, Kuchen oder selbst belegte Brote mit und setzten sich zusammen, ohne dass jemand erklären musste, weshalb er Gesellschaft suchte.
Manche erzählten viel, andere hörten lieber zu, und gelegentlich kam jemand nur für eine halbe Stunde vorbei, bevor er wieder nach Hause ging. Niemand musste sich dafür entschuldigen, allein zu leben, traurig zu sein oder manchmal einfach keine Lust zum Reden zu haben.
Monika begann, jeden Freitag ein paar zusätzliche Kuchenstücke zu backen, die sie am Samstag zu einem günstigeren Preis an die kleine Runde abgab. Wenn sie selbst keine Zeit hatte, brachte ihr Mann die Tüten vorbei, und manchmal blieb er sogar auf einen Kaffee, obwohl er früher behauptet hatte, solche Treffen seien nichts für ihn.
Herr Brandt wurde mit der Zeit schwächer, doch er bestand darauf, so oft wie möglich dabei zu sein. Wenn er einen Samstag auslassen musste, rief Herr Krüger ihn an und erzählte ihm anschließend, wer gekommen war und welche Neuigkeiten es gegeben hatte.
An einem besonders warmen Augustnachmittag saß der alte Mann neben Monika auf der Bank und beobachtete, wie zwei ältere Frauen einander lachend Fotos ihrer Enkelkinder zeigten. Er wirkte müde, aber zufrieden, und als Monika fragte, ob er nach Hause gebracht werden wolle, schüttelte er den Kopf.
— Noch nicht, meine Liebe, sagte er. — Ich möchte diesen Augenblick ein bisschen länger behalten, denn manchmal merkt man erst sehr spät, wie kostbar die gewöhnlichen Nachmittage sind.
Er schwieg eine Weile und deutete dann auf die Menschen, die sich um die kleinen Tische versammelt hatten.
— Sehen Sie sich das an, Frau Reuter, sagte er mit leiser Stimme. — Vor drei Jahren saß ich hier allein und habe geglaubt, mein Leben sei eigentlich schon vorbei, und heute weiß ich kaum noch, mit wem ich zuerst sprechen soll.
Monika lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm.
— Ihre Ruth muss eine wunderbare Frau gewesen sein, Herr Brandt, sagte sie. — Ich wünschte, ich hätte sie kennenlernen dürfen.
Der alte Mann sah sie an, und seine Augen glänzten.
— Das haben Sie doch, meine Liebe, antwortete er. — Nicht so, wie ich sie gekannt habe, aber jedes Mal, wenn Sie einem einsamen Menschen einen Platz anbieten, lernen Sie ein kleines Stück von ihr kennen.
Monika konnte nichts erwidern, weil ihr die Tränen über die Wangen liefen. Herr Brandt tätschelte unbeholfen ihre Hand, als sei es ihm peinlich, sie zum Weinen gebracht zu haben, und fragte schließlich, ob sie nicht noch ein Stück Kuchen essen wolle.
Sie lachte durch ihre Tränen und nahm das kleine Stück, das er ihr anbot. Dann saßen sie nebeneinander, während die Stimmen der anderen über den Platz klangen und irgendwo in den Bäumen ein Vogel sang.
Einige Monate später kam Herr Brandt an einem Samstag nicht in die Konditorei. Monika wartete bis zum Mittag, bevor sie bei ihm anrief, und erfuhr von seiner Tochter, dass ihr Vater in der Nacht friedlich eingeschlafen war und nicht mehr aufgewacht sei.
Sie stand lange mit dem Telefon in der Hand hinter der Theke, während draußen Menschen mit Einkaufstaschen vorbeigingen und die Kaffeemaschine leise vor sich hin summte. Schließlich setzte sie sich an den kleinen Fenstertisch, an dem Herr Brandt damals von Ruth erzählt hatte, und weinte.
Am folgenden Samstag ging sie zum Stadtpark, obwohl es regnete und die meisten Bäume bereits ihre Blätter verloren hatten. Sie trug eine große Schachtel Streuselkuchen bei sich, und als sie die alte Bank erreichte, sah sie, dass Herr Krüger, Ingrid und mehrere andere Menschen schon dort warteten.
Niemand hatte sich verabredet, und doch waren sie alle gekommen. Sie standen schweigend unter den Kastanien, manche mit Tränen in den Augen, andere mit kleinen Thermoskannen in den Händen, und jeder von ihnen hatte eine eigene Erinnerung an den freundlichen alten Mann, der irgendwann einmal ein Stück Kuchen mit ihm geteilt hatte.
Monika stellte die Schachtel auf die Bank und öffnete sie. Darin lagen zwölf Stücke Streuselkuchen, sorgfältig nebeneinander, einige mit besonders vielen Streuseln und andere mit wenigen.
— Herr Brandt hat mich einmal gebeten, die Tradition nicht aufzugeben, falls er eines Tages nicht mehr kommen sollte, sagte sie mit zitternder Stimme. — Und ich glaube, heute wäre er sehr enttäuscht, wenn wir alle nur traurig nach Hause gingen.
Herr Krüger nahm ein Stück Kuchen und reichte es an die Frau neben sich weiter. Ingrid schenkte Kaffee ein, und nach und nach setzten sich alle zusammen, während sie Geschichten über Herrn Brandt erzählten, die manche zum Weinen und andere zum Lachen brachten.
Später kam eine ältere Frau vorbei, die niemand aus der Runde kannte. Sie blieb unsicher stehen und fragte, ob die Bank noch frei sei, weil sie nach einem langen Spaziergang eine Pause brauche.
Monika rückte zur Seite und lächelte.
— Natürlich ist hier noch Platz, sagte sie. — Möchten Sie vielleicht auch ein Stück Streuselkuchen? Wir haben heute genug für alle.
Die Frau zögerte, bevor sie sich setzte und dankbar den Teller entgegennahm. Als sie erzählte, dass sie erst vor wenigen Wochen in die Stadt gezogen sei und noch kaum jemanden kenne, hörten die anderen aufmerksam zu, und bald wurde sie gefragt, ob sie am nächsten Samstag wiederkommen wolle.
Monika sah auf die leere Stelle neben sich, an der Herr Brandt so oft gesessen hatte. Sie dachte an Ruth, die sie nie kennengelernt hatte, an ihren Mann, der noch vor wenigen Monaten geglaubt hatte, solche kleinen Gesten seien bedeutungslos, und an ihre Mutter, die sich inzwischen jeden Sonntag auf ihren Besuch freute.
Dann nahm sie das letzte Stück Kuchen aus der Schachtel, brach es vorsichtig in zwei Hälften und reichte eine davon der fremden Frau.
— Wissen Sie, sagte sie leise, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, — dieser Kuchen hat einmal zwei Menschen gehört, die sich sehr geliebt haben, und heute sitzen wir alle nur deshalb hier, weil eine von ihnen nicht wollte, dass der andere allein bleibt.
Die Frau sah sie überrascht an, doch Monika lächelte und begann zu erzählen. Und während die anderen zuhörten, schien es für einen Augenblick, als säßen Ruth und ihr Mann noch immer irgendwo zwischen ihnen, nicht als Schatten einer vergangenen Zeit, sondern in der Wärme, die sie einander schenkten.
An diesem Nachmittag blieb kein Stück Kuchen übrig, und niemand musste allein nach Hause gehen, ohne wenigstens ein freundliches Wort gehört zu haben.
Als Monika später die leere Schachtel zusammenfaltete, erinnerte sie sich an Herrn Brandts Worte, dass man nicht reich sein müsse, um großzügig zu sein. Sie blickte zu den Menschen hinüber, die noch immer miteinander sprachen, und begriff, dass manchmal ein einziges Stück Kuchen ausreichen konnte, um einem anderen Menschen das Gefühl zurückzugeben, nicht vergessen zu sein.
Zu Hause rief sie ihre Mutter an, noch bevor sie ihren Mantel ausgezogen hatte. Die alte Frau meldete sich mit ihrer vertrauten Stimme und fragte sofort, ob Monika gut nach Hause gekommen sei.
— Ja, Mama, antwortete sie und setzte sich an den Küchentisch. — Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich lieb habe und dass ich morgen wiederkomme, wenn du nichts dagegen hast.
Am anderen Ende der Leitung wurde es still, und dann hörte Monika ihre Mutter leise lachen.
— Warum sollte ich etwas dagegen haben, mein Kind? fragte sie. — Ich freue mich doch immer, wenn du kommst.
Monika schloss die Augen und dachte daran, wie viele Jahre sie geglaubt hatte, für solche Gespräche später noch genügend Zeit zu haben. Nun wusste sie, dass Liebe nicht nur in großen Versprechen und besonderen Anlässen lebte, sondern vor allem in den kleinen Augenblicken, in denen man sich entschied, füreinander da zu sein.
Und irgendwo in einer kleinen Konditorei in Celle wurden auch am nächsten Freitag wieder zwei Stücke Streuselkuchen besonders sorgfältig eingepackt.
Eines für den Menschen, der es kaufen würde.
Und eines für jemanden, der vielleicht noch gar nicht wusste, wie sehr er darauf wartete, dass sich endlich wieder jemand neben ihn setzte.






