Seit du nicht mehr da bist, muss ich jeden Tag neu lernen, wie man weiterlebt… Und niemand ahnt, wie viel Kraft mich das kostet.
Manchmal frage ich mich, ob die Menschen wirklich glauben, dass Trauer irgendwann einfach verschwindet. Sie sagen, man müsse nur Geduld haben, irgendwann würde das Leben wieder leichter werden, die Tränen würden weniger und die Erinnerungen nicht mehr so wehtun…
Aber wie lange dauert es, bis man morgens die Augen öffnen kann, ohne sofort diesen schrecklichen Verlust zu spüren?
Es gibt Augenblicke nach dem Aufwachen, in denen mein altes Leben noch existiert. Ich liege still da, denke an den kommenden Tag und vergesse für einen kurzen Moment, dass du nicht mehr neben mir bist.
Dann fällt es mir wieder ein.
Und plötzlich fühlt sich mein Herz so schwer an, als müsste ich mich noch einmal von dir verabschieden.
Dabei mache ich inzwischen fast alles, was andere Menschen auch tun. Ich stehe auf, ziehe mich an, erledige meine Einkäufe, koche mir etwas und beantworte Nachrichten. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, sage ich meistens: „Ach, es geht schon.“
Doch diese Antwort hat wenig mit der Wahrheit zu tun.
Ich habe nur gelernt, meine Traurigkeit so gut zu verbergen, dass niemand mehr danach fragt.
Neulich stand ich im Supermarkt und entdeckte etwas, das du besonders gern gegessen hast. Mein erster Gedanke war, es mitzunehmen. Ich wollte dir eine kleine Freude machen, so wie früher.
Erst an der Kasse wurde mir bewusst, dass ich es niemandem mehr mitbringen konnte.
Solche Augenblicke sind es, die mich aus der Bahn werfen.
Nicht immer die großen Erinnerungen, sondern diese winzigen Gewohnheiten, die noch immer zu meinem Leben gehören, obwohl du längst nicht mehr da bist.
Am schwersten sind die Stunden, wenn der Abend kommt.
Wenn die Nachbarn ihre Fenster schließen, die Straßen ruhiger werden und ich allein am Küchentisch sitze.
Früher hätte ich dich gefragt, ob du noch einen Kaffee möchtest oder ob wir gemeinsam etwas im Fernsehen anschauen.
Heute bleibt der zweite Platz leer.
Manchmal streiche ich mit den Fingern über die Lehne deines alten Sessels. Ich weiß noch genau, wie du dort gesessen hast, wie du die Zeitung zusammengefaltet und mich über deine Brille hinweg angelächelt hast.
Dein Sessel ist leer geworden. Aber den Platz in meinem Herzen kann niemand einnehmen.
Natürlich geht mein Leben weiter.
Ich besuche Bekannte, unterhalte mich mit den Nachbarn, gieße meine Blumen und freue mich manchmal sogar über einen schönen sonnigen Tag.
Von außen sieht das vielleicht so aus, als hätte ich meinen Frieden gefunden.
Doch niemand sieht, wie ich nach einem gelungenen Nachmittag nach Hause komme und mir plötzlich die Tränen laufen, weil ich dir nicht erzählen kann, was ich erlebt habe.
Niemand hört die Gespräche, die ich in Gedanken noch immer mit dir führe.
Niemand weiß, wie oft ich mir wünsche, die Zeit würde für einen einzigen Augenblick zurückkehren.
Ich möchte keine großen Versprechen mehr hören.
Ich möchte nur noch einmal neben dir sitzen.
Deine Hand halten, deine vertraute Stimme hören und meinen Kopf an deine Schulter legen.
Vielleicht würde ich überhaupt nichts sagen.
Vielleicht würde ich einfach nur diesen einen Augenblick festhalten, so lange es geht.
Früher dachte ich, eines Tages würde die Trauer kleiner werden und alles wäre wieder wie vorher.
Heute weiß ich, dass es dieses Vorher nicht mehr gibt.
Man wird nach einem solchen Abschied ein anderer Mensch.
Man trägt eine Wunde mit sich, die niemand sehen kann.
Man lernt, mit ihr einzukaufen, Geburtstage zu feiern, Einladungen anzunehmen und wieder kleine Pläne zu machen.
Aber verschwunden ist sie deshalb nicht.
Sie begleitet mich, wenn ich an unserem früheren Lieblingscafé vorbeigehe. Sie sitzt neben mir, wenn die Familie zusammenkommt. Sie ist da, wenn ich ein älteres Ehepaar sehe, das langsam Hand in Hand durch den Park spaziert.
Und manchmal überfällt sie mich völlig unerwartet, mitten in einem eigentlich schönen Moment.
Trotzdem möchte ich nicht aufhören, das Leben zu lieben.
Denn ich erinnere mich daran, wie glücklich du warst, wenn ich gelacht habe. Du hast mich nie traurig sehen wollen. Und ich glaube nicht, dass du gewollt hättest, dass mit deinem Leben auch meines zu Ende geht.
Deshalb versuche ich weiterzumachen.
An manchen Tagen gelingt es mir besser, an anderen kaum.
Und manchmal bin ich einfach müde davon, immer tapfer sein zu müssen…
Dann wünsche ich mir nichts sehnlicher, als mich noch einmal an dich zu lehnen und ganz leise zu sagen:
„Ich vermisse dich so sehr. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer diese Welt ohne dich geworden ist…“
Ich werde lernen, meinen Alltag ohne dich zu bewältigen. Aber ich werde niemals so tun können, als hättest du nicht zu meinem Leben gehört.
Wenn ihr also einer Frau begegnet, die freundlich lächelt, mit anderen lacht und voller Zuversicht von ihren Plänen erzählt, dann glaubt nicht sofort, dass sie keinen Kummer mehr kennt.
Vielleicht hat sie nur gelernt, ihre Tränen erst dann zuzulassen, wenn niemand mehr hinsieht.
Vielleicht ist ihr Lächeln nicht das Zeichen dafür, dass sie vergessen hat, sondern dafür, dass sie trotz allem weitermacht.
Denn manchmal braucht es unendlich viel Mut, morgens aufzustehen und einen neuen Tag zu beginnen, wenn der wichtigste Mensch nicht mehr an deiner Seite ist.
Ich werde weiterleben, mein Liebster. Das verspreche ich dir.
Ich werde die Blumen im Garten pflegen, den Frühling begrüßen, mich über die kleinen Dinge freuen und versuchen, das Gute nicht zu übersehen.
Doch ganz gleich, wie viele Jahre noch vergehen, ein Teil meines Herzens wird immer dir gehören.
Und manchmal wird dieser Teil noch wehtun.
Denn der Tod hat dich mir genommen. Aber meine Liebe zu dir hat er nicht nehmen können.






