Das Schmuckkästchen von Melanies Tochter hatte ein Vorhängeschloss

**Das Schmuckkästchen von Sabines Tochter hatte ein Vorhängeschloss**

Ich arbeite seit neun Jahren in einem Pfandhaus in Dortmund, in der Nähe vom Borsigplatz. Ich habe schon alles gesehen: Leute, die den Ehering verpfänden, um die Miete zu bezahlen, Frauen, die wegen eines Armbands ihrer Mutter weinen. Aber ich hatte noch nie eine Frau erlebt, die mir ein kleines Paar Goldohrringe auf die Glasplatte legte, so vorsichtig, als wären sie aus Kristall, und dabei so tat, als würde ihr das nichts ausmachen.

Es war ein Donnerstagnachmittag im November. Draußen nieselte es, drinnen roch es nach Metallpolitur und Kaffee aus der Thermoskanne. Die Frau war um die vierzig, die Haare mit einem dieser Gummibänder zusammengebunden, die man in der Sparkassenfiliale umsonst bekommt.

„Die habe ich zur Geburt meiner Tochter bekommen", sagte sie. „Aber egal. Ohrringe tanzen keinen Walzer."

Sie hieß Sabine. Den Nachnamen nannte sie nicht, und ich fragte nicht danach. Ich habe vor Jahren gelernt: Die Leute, die hierherkommen, wollen nicht ausgefragt werden, sie wollen gehört werden.

„Meine Tochter, Lea, wird im März fünfzehn", erklärte sie. „Ihr Vater sieht sie zweimal im Jahr. Er lebt seit Jahren in Stuttgart, seit sie drei war. Schickt sein Geld pünktlich und denkt, damit hat er seinen Teil erledigt. Karten schreibt er keine."

Sie erzählte mir, dass sie seit der Geburt ihrer Tochter jeden Euro, der vom Gehalt übrig blieb, und sei es nur ein Fünfer, in eine alte Keksdose von Bahlsen legte, mit Weihnachtspapier ausgekleidet. Die Dose hatte ein Vorhängeschloss, ein kleines, aus dem Baumarkt, für vier Euro fünfzig, aber immerhin ein Schloss.

„Niemand weiß, wo die Dose ist", sagte sie. „Nicht mal meine Tochter. Wenn sie fünfzehn wird, gebe ich ihr den Schlüssel."

Sie machte eine Pause und strich mit dem Daumen über den Rand der Ohrringe, hin und her, als könnte sie so eine Entscheidung glattbügeln.

„Im Januar ist mir die Nachtschicht im Lager weggefallen", sagte sie. „Kurzarbeit. Vierhundert Euro weniger im Monat, und die Dose ist noch nicht voll. Ich hab nachgerechnet, dreimal. Es fehlen hundertfünfzig Euro bis März."

Ich bot ihr an, ihr hundert Euro zu leihen, ohne die Ohrringe als Pfand zu nehmen. Sie zögerte, drehte ihren Ehering – den sie noch trug, obwohl sie geschieden war, wie sie später erzählte – einmal um den Finger und sagte schließlich: „Gut. Aber ich zahle es zurück, bevor sie Geburtstag hat. Sonst ist es kein Geschenk mehr, sondern eine Schuld."

Sie zeigte mir ihr Portemonnaie: zweiunddreißig Euro in kleinen Scheinen und ein Foto ihrer Tochter, eingesteckt im Innenfutter, abgegriffen vom vielen Herausnehmen.

„Meine Mutter hat mir mal gesagt", erzählte sie, „'Du sollst nicht hungern, nur um für ein Fest zu sparen.' Und ich hungere nicht. Ich schränke mich nur ein bisschen ein."

Sie nahm die hundert Euro, steckte die Ohrringe zurück in ihre Handtasche und bat mich, den Kreditschein für sie aufzubewahren, für alle Fälle. Ich betrachtete die Tür noch eine ganze Weile, nachdem sie gegangen war. Ich dachte an die Keksdose, an das Vorhängeschloss für vier Euro fünfzig, an die kleinen Münzen, gezählt mit einer Geduld, die nur Mütter haben, die nichts besitzen.

Sie kam zweimal wieder, bevor der Februar zu Ende war. Einmal, um zwanzig Euro abzuzahlen, die sie mit Trinkgeldern aus einem Wochenendjob zusammengekratzt hatte. Das zweite Mal brachte sie den Rest, in Scheinen, die sie einzeln glattstrich, bevor sie sie auf den Tresen legte.

„Das war's", sagte sie. „Ich schulde Ihnen nichts mehr."

Ihre Tochter Lea wurde vor zwei Wochen fünfzehn. Sabine kam mit dem Mädchen in den Laden. Sie trug ein rotes Kleid, aus einem der Läden in der Innenstadt, und Lea trug eine alte Bahlsen-Keksdose, mit demselben Weihnachtspapier ausgekleidet, das ich noch von damals kannte.

Sabine stellte die Dose auf meinen Tresen und öffnete sie. Darin lagen Scheine in allen Größen, manche Fünfer, manche Zwanziger, alle sortiert, als hätte sie sie mit der Hand gebügelt. Und ein kleiner Umschlag mit dem Schlüssel zum Vorhängeschloss.

„Ich möchte, dass Sie Zeuge sind", sagte sie zu mir. „Sie hat davon nie etwas gewusst."

Lea öffnete den Umschlag, nahm den Schlüssel heraus und steckte ihn ins Schloss. Sie drehte ihn, der Deckel sprang auf. Sabines Hände zitterten leicht, als sie nach den Goldohrringen in ihrer Jackentasche griff. Lea zählte das Geld mit den Fingern, Schein für Schein, und sagte am Ende: „Mama, ist das alles für mich?"

Sabine antwortete nicht. Sie steckte ihr nur die Ohrringe der Großmutter in die Ohren, mit Fingern, die dabei zweimal danebengriffen.

Lea ging zur Tür, blieb einen Moment stehen, drehte sich um und umarmte ihre Mutter. Sie standen dort eine Weile, wiegten sich hin und her, wie Menschen es bei Festen tun, ohne Eile.

Als sie gegangen waren, bemerkte ich, dass Sabine das leere Vorhängeschloss auf dem Tresen liegen gelassen hatte, mit dem Schlüssel darin. Ich steckte es in eine kleine Plastiktüte und hängte es an die Wand hinter dem Tresen, neben die Uhren, die niemand kauft.

Ab und zu fragt jemand, was das Schloss kostet. Letzte Woche war es ein junger Mann, der mit dem Finger über die Plastiktüte fuhr.

„Nicht zu verkaufen", sagte ich.

Er zuckte mit den Schultern und ging weiter zu den Ringen im Schaufenster. Ich ließ das Schloss hängen, wo es war, zwischen den Uhren ohne Käufer, und machte die Kasse für den Abend fertig.

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