Frau Helga Brandstätter öffnete ihre Boutique in der Mozartstraße in Freiburg um halb neun, keine Minute früher. Vierundfünfzig Jahre alt, geschieden seit elf Jahren, drei Nähmaschinen im Hinterzimmer und ein Terminbuch, das sie nie jemandem zeigte. Draußen roch es nach nassem Laub und dem Döner-Imbiss zwei Türen weiter, drinnen nach Kreide und frisch gebügeltem Stoff.
Zwölf Jahre lang hatte sie zu jedem Kaffeekränzchen im Viertel Ja gesagt. Zum Geburtstag der Nachbarin, zum Stammtisch der anderen Geschäftsfrauen, zu den endlosen Gruppennachrichten, in denen sich alle gegenseitig belauerten. Sie hatte Geld geliehen, das nie zurückkam. Sie hatte zugehört, wie Frau Reinwald ihre Kollegin hinter deren Rücken zerriss, und am nächsten Tag beiden ins Gesicht gelächelt. Bis zu dem Nachmittag im März, als sie erfuhr, dass drei dieser „Freundinnen" sich hinter ihrem Rücken darüber lustig gemacht hatten, dass ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hatte.
An diesem Tag packte sie den Kaffeeservice weg, den sie für die Treffen gekauft hatte, und stellte ihn zum Verkauf auf eBay. Dreiundachtzig Euro hat er gebracht.
Seitdem lässt sie kaum jemanden hinter den Vorhang ihres Ladens. Ihre Kundinnen kommen zum Anprobieren, bezahlen, gehen. Höflich, aber ohne das Gezwitschere von früher. Nur zwei Menschen hat sie in all den Jahren wirklich nahe an sich herangelassen: ihre alte Studienfreundin Marlene, die in Karlsruhe eine Apotheke führt, und ihr Nachbar Dieter, der ihr letzten Winter um fünf Uhr morgens die Autobatterie überbrückt hat, ohne zu fragen, warum sie um diese Zeit zum Flughafen musste.
Die Frauen vom Stammtisch nennen sie seitdem „die Eisige". Sie hat es einmal gehört, durch die Wand ihres eigenen Ladens, als zwei von ihnen draußen auf dem Bürgersteig standen und auf den Bus warteten. Sie hat nicht reagiert, hat den Faden befeuchtet, ihn durchs Nadelöhr gefädelt und den Saum eines Rocks weitergesteckt, eine Stecknadel nach der anderen, bis die Worte draußen im Motorenlärm des einfahrenden Busses untergingen. Was sollte sie auch sagen? Dass sie sich nicht einsam fühlt, wenn sie abends allein die Jalousien runterlässt? Dass sie lieber mit sich selbst schweigt, als mit ihnen zu lachen und dabei zu wissen, dass es nicht echt ist?
Im September rief Marlene an. Ihre Tochter Antonia sollte heiraten, in Baden-Baden, im Oktober, ein kleines Fest mit vielleicht vierzig Gästen. Ob Helga das Brautkleid nähen würde, so wie früher, als sie beide noch Studentinnen waren und sich gegenseitig die Kleider für die Semesterabschlussfeiern geschneidert hatten.
Helga sagte zu, ohne zu überlegen. Sie nahm sich zwei Wochen frei vom Laden – etwas, das sie seit Jahren nicht gemacht hatte –, kaufte Seide in Lyon-Weiß bei einem Stoffhändler in Stuttgart und arbeitete jeden Abend bis Mitternacht. Kein Auftrag, kein Geld dafür verlangt. Nur die Nadel, der Stoff, und die Erinnerung an ein Mädchen von zwanzig, das mit ihr am Küchentisch gesessen und über Jungs gelacht hatte, bevor das Leben beide in verschiedene Städte verteilte.
Drei Tage vor der Hochzeit stand Frau Reinwald plötzlich vor der Ladentür. Sie hatte gehört – natürlich hatte sie gehört, sie hörte immer alles –, dass Helga ein Kleid für die Hochzeit in Baden-Baden nähte, und sie wollte eingeladen werden. Sie habe doch Marlene auch mal gekannt, sagte sie, früher, auf einem Sommerfest. Könnte Helga nicht ein gutes Wort einlegen.
Helga stand hinter dem Ladentisch, die Schere noch in der Hand, und maß die Frau mit den Augen, die vor elf Jahren mit den anderen über ihre Scheidung gelacht hatte.
„Ich lege keine Worte für Menschen ein, die ich nicht mehr kenne", sagte sie. Mehr nicht. Dann drehte sie sich um und legte die Schere zurück in die Schublade.
Die Hochzeit fand im Kurhaus statt, unter den alten Stuckdecken, mit Kerzenlicht und einem Streichquartett, das Mendelssohn spielte. Antonia trug das Kleid, und als sie den Saal entlangging, blieb Marlene stehen, legte die Hand auf Helgas Arm und sagte nur: „Danke, dass du geblieben bist, als alle anderen gingen."
Nach der Feier, draußen vor dem Gebäude, in der kühlen Oktoberluft, zog Helga ihr Telefon heraus. Eine Nachricht von unbekannter Nummer: Frau Reinwald, die fragte, ob sie am Montag vorbeikommen könne, um „die Sache zu klären". Helga las die Nachricht, blockierte die Nummer, und steckte das Telefon zurück in die Handtasche.
Dieter wartete mit dem Auto am Straßenrand, Motor an, Scheinwerfer gegen den Nebel gerichtet. Sie stieg ein, ohne ein Wort über die Nachricht zu verlieren. Er fragte auch nicht. Auf der Fahrt zurück nach Freiburg redeten sie über das Streichquartett, über den viel zu süßen Wein, über die Tatsache, dass Antonia beim Jawort gestolpert war und trotzdem gelacht hatte.
Am Montagmorgen öffnete Helga ihren Laden wieder um halb neun. Sie legte das Terminbuch auf den Tresen, schlug die neue Woche auf und trug nur zwei Namen ein: Marlene, für die Anprobe des nächsten Kleides – diesmal für sich selbst, zu Antonias erstem Hochzeitstag im nächsten Jahr. Und Dieter, der versprochen hatte, ihr beim Schaufenster-Dekorieren zu helfen.
Den Rest der Woche ließ sie frei.
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