Ein braves Kind ist nicht automatisch ein glückliches Kind

Ein braves Kind ist nicht automatisch ein glückliches Kind

Beim Familienessen sitzt die achtjährige Hannah still neben ihrer Großmutter. Sie hört zu, antwortet höflich und beschäftigt sich anschließend allein mit einem Buch. Ihr Cousin Jonas dagegen hat innerhalb von zehn Minuten fünf Fragen gestellt, zweimal seinen Stuhl verlassen und lautstark erklärt, warum er eine bestimmte Regel ungerecht findet. Am Ende des Nachmittags wird Hannah für ihre gute Erziehung gelobt. Über Jonas heißt es, seine Eltern müssten endlich strenger werden. Aber wer hat eigentlich entschieden, dass Ruhe eine Tugend und Lebhaftigkeit ein Fehler ist?

Wir Erwachsenen haben oft eine erstaunlich einfache Vorstellung davon, wie ein gut erzogenes Kind auszusehen hat. Es soll freundlich grüßen, nicht widersprechen, auf Aufforderung seine Spielsachen wegräumen und möglichst wenig Umstände machen. Besonders angenehm finden wir Kinder, die unsere Pläne nicht durcheinanderbringen.

Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, deren wichtigste Aufgabe darin besteht, unseren Alltag reibungslos zu gestalten.

Ein Mädchen, das sich nicht von einer entfernten Verwandten umarmen lassen möchte, ist nicht automatisch unhöflich. Ein Junge, der eine Anweisung hinterfragt, zeigt nicht zwangsläufig mangelnden Respekt. Und ein Kind, das in einer großen Gruppe schweigt, hat deshalb noch lange kein Problem mit seiner Persönlichkeit.

Vielleicht sollten wir weniger danach fragen, wie bequem ein Kind für seine Umgebung ist, und mehr danach, was es braucht, um gesund und selbstbewusst aufzuwachsen.

Wenn die Stille voller Gedanken ist

Hannah gehört zu den Kindern, die erst beobachten und dann handeln.

Auf dem Schulhof steht sie manchmal am Rand und schaut den anderen zu. Sie kann sich lange mit einer Zeichnung beschäftigen, entdeckt winzige Veränderungen in der Natur und erinnert sich an Gespräche, die Erwachsene längst vergessen haben.

Ihre Lehrerin sagt gelegentlich:

— Hannah, du musst dich mehr beteiligen.

Bei Familienfeiern hört sie:

— Geh doch endlich zu den anderen Kindern!

Und wenn sie auf eine Frage nicht sofort antwortet, kommt meistens noch:

— Nun sei doch nicht immer so schüchtern!

Dabei fühlt Hannah sich keineswegs ständig unwohl. Sie mag ihre zwei besten Freundinnen, liebt ihre Bücher und braucht nach einem anstrengenden Schultag einfach etwas Ruhe.

Natürlich sollte man aufmerksam werden, wenn ein Kind aus Angst schweigt, sich einsam fühlt oder unter seiner Zurückhaltung leidet. Dann braucht es Unterstützung.

Aber nicht jede Vorliebe für Stille ist ein Hilferuf.

Manche Menschen sammeln ihre Kraft im Gespräch, andere in der Ruhe. Manche erzählen sofort, was sie bewegt, andere müssen ihre Gefühle zunächst sortieren.

Warum sollte diese Vielfalt erst im Erwachsenenalter erlaubt sein?

Ein ruhiges Kind muss nicht zur lautesten Person im Raum werden, um später ein erfülltes Leben führen zu können.

Es braucht Menschen, die seine Gedanken ernst nehmen, ihm Sicherheit geben und ihm Zeit lassen, sich auf seine Weise zu öffnen.

Wenn ein Kind die Welt mit beiden Händen begreifen will

Jonas ist ganz anders.

Schon morgens möchte er wissen, warum die Straßenlaternen ausgehen, wie ein Aufzug funktioniert und weshalb Erwachsene manchmal Regeln aufstellen, an die sie sich selbst nicht halten.

Er baut, zerlegt, probiert aus. Beim Spaziergang entdeckt er jede Baustelle. Beim Abendessen erzählt er drei Geschichten gleichzeitig. Wenn ihm etwas ungerecht vorkommt, kann er ausgesprochen hartnäckig werden.

Seine Eltern hören regelmäßig:

— Der Junge braucht eine festere Hand.

— In seinem Alter konnten wir uns noch benehmen.

— Er muss lernen, seinen Mund zu halten.

Dabei bemüht sich Jonas durchaus. Nur fällt es ihm schwerer, seine Begeisterung zu bremsen, als einem Kind, das von Natur aus gelassener ist.

Das bedeutet nicht, dass man ihm alles durchgehen lassen sollte.

Wenn er jemanden unterbricht, muss er lernen zuzuhören. Wenn er wütend wird, darf er niemanden verletzen. Wenn er einen Fehler macht, gehört es dazu, Verantwortung zu übernehmen.

Doch zwischen Orientierung geben und einen Charakter unterdrücken liegt ein entscheidender Unterschied.

Ein lebhaftes Kind braucht Grenzen, aber auch Möglichkeiten, seine Energie sinnvoll einzusetzen.

Es braucht Bewegung, Aufgaben, Geduld und Erwachsene, die nicht jede unbequeme Frage als persönlichen Angriff verstehen.

Vielleicht wird Jonas später ein Mensch, der ungewöhnliche Lösungen findet. Vielleicht wird er sich für andere einsetzen, wenn alle schweigen. Vielleicht wird er einfach ein freundlicher Erwachsener, der noch immer viel lacht und gerne Neues entdeckt.

Niemand kann das heute wissen.

Aber seine Lebendigkeit sollte nicht erst verschwinden müssen, damit die Erwachsenen seine guten Seiten erkennen.

Die unsichtbaren Verletzungen durch Vergleiche

Viele Eltern vergleichen ihre Kinder, ohne verletzen zu wollen.

Manchmal geschieht es aus Erschöpfung. Manchmal aus Sorge. Und manchmal wiederholen sie einfach die Sätze, die sie selbst früher gehört haben.

— Deine Schwester hat in deinem Alter schon allein ihre Hausaufgaben gemacht.

— Schau dir deinen Freund an. Der macht nie solche Schwierigkeiten.

— Warum kannst du nicht wenigstens einmal so vernünftig sein wie die anderen?

Für Erwachsene sind es vielleicht nur unbedachte Bemerkungen.

Für ein Kind können daraus Überzeugungen entstehen, die es lange begleiten.

Es beginnt zu glauben, dass seine eigene Art nicht richtig ist. Dass es weniger wert ist als sein Bruder. Dass Liebe und Anerkennung davon abhängen, ob es die Erwartungen anderer erfüllt.

Besonders schmerzhaft ist das, wenn ein Kind ständig mit jemandem verglichen wird, dessen Temperament völlig anders ist.

Ein zurückhaltendes Mädchen kann sich noch so sehr bemühen: Es wird nicht plötzlich Freude daran finden, vor zwanzig Menschen zu sprechen.

Ein bewegungsfreudiger Junge kann sich zusammenreißen, aber sein Bedürfnis nach Aktivität verschwindet dadurch nicht einfach.

Natürlich können Kinder Fähigkeiten entwickeln und lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Doch Entwicklung braucht Ermutigung und keine ständige Botschaft, dass man als Mensch falsch sei.

Manche Erwachsene tragen solche Botschaften noch Jahrzehnte später mit sich herum.

Die Frau, die bei jeder Meinungsverschiedenheit schweigt, weil sie als Kind nie widersprechen durfte.

Der Mann, der seine Traurigkeit versteckt, weil sein Vater ihm beigebracht hat, Tränen seien Schwäche.

Oder die Mutter, die sich selbst dann noch schuldig fühlt, wenn sie eine Pause macht, weil sie früher nur für besondere Leistungen gelobt wurde.

Nicht jede Unsicherheit im Erwachsenenleben entsteht durch Erziehung. Aber Worte aus der Kindheit können tiefe Spuren hinterlassen.

Ein Kind lieben heißt nicht, jedes Verhalten gutzuheißen

Hier entsteht häufig ein Missverständnis.

Wer sagt, Kinder dürften unterschiedlich sein, meint damit nicht, dass Regeln überflüssig werden.

Ein Kind darf wütend sein. Es darf aber niemanden schlagen.

Es darf eine andere Meinung haben. Es muss trotzdem lernen, anderen zuzuhören.

Es darf eine Umarmung ablehnen. Es sollte zugleich lernen, Menschen respektvoll zu begrüßen.

Es darf enttäuscht sein, weinen und Fehler machen. Und es muss nach und nach verstehen, dass sein Handeln Folgen hat.

Erziehung bedeutet nicht, jedes Bedürfnis sofort zu erfüllen. Sie bedeutet, einem jungen Menschen dabei zu helfen, mit seinen Bedürfnissen und denen anderer verantwortungsvoll umzugehen.

Das gelingt besser, wenn Kinder wissen, dass die Beziehung zu ihren Eltern nicht bei jedem Fehler auf dem Spiel steht.

Stellen wir uns vor, ein Kind hat im Streit absichtlich das Spielzeug seines Bruders beschädigt.

Man kann sagen:

— Was du getan hast, war falsch. Wir müssen darüber sprechen, wie du den Schaden wiedergutmachen kannst.

Oder man kann sagen:

— Du bist wirklich ein schreckliches Kind. Mit dir hat man nur Ärger.

Im ersten Fall wird ein Verhalten kritisiert.

Im zweiten wird die ganze Person abgewertet.

Dieser Unterschied ist größer, als er auf den ersten Blick erscheint.

Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen Grenzen setzen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, sie seien wegen ihrer Fehler weniger liebenswert.

Auch Großeltern und Lehrer prägen das Selbstbild

Nicht nur Eltern tragen Verantwortung.

Eine Großmutter, die ihrem stillen Enkel aufmerksam zuhört, kann ihm mehr Selbstvertrauen schenken als zehn gut gemeinte Aufforderungen, endlich mutiger zu werden.

Ein Großvater, der mit seiner lebhaften Enkelin gemeinsam etwas repariert, zeigt ihr vielleicht zum ersten Mal, wie wertvoll ihre Neugier sein kann.

Und eine Lehrerin, die nicht ausschließlich die Kinder lobt, die sofort ruhig und ordentlich arbeiten, erkennt möglicherweise Fähigkeiten, die sonst verborgen bleiben.

Es geht nicht darum, jedes Verhalten zu bewundern.

Es geht darum, genauer hinzusehen.

Vielleicht ist das Kind, das ständig dazwischenruft, gerade überfordert und braucht Hilfe beim Warten.

Vielleicht schweigt ein anderes, weil es Zeit zum Nachdenken benötigt.

Vielleicht verweigert ein Kind eine Aufgabe nicht aus Trotz, sondern weil es Angst hat, zu scheitern.

Wer nur das Verhalten bewertet, übersieht manchmal den Menschen dahinter.

Unsere Welt braucht keine Menschen aus derselben Form

Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der niemand unangenehme Fragen stellt.

In der alle lieber schweigen, als eine neue Idee vorzuschlagen.

In der jeder versucht, möglichst unauffällig zu bleiben, um bloß keinen Fehler zu machen.

Wäre das wirklich eine bessere Welt?

Wir brauchen Menschen, die geduldig forschen, aufmerksam zuhören und sorgfältig planen.

Wir brauchen ebenso Menschen, die Neues wagen, eingefahrene Gewohnheiten hinterfragen und den Mut haben, Ungerechtigkeit anzusprechen.

Wir brauchen Künstler, Handwerkerinnen, Pflegekräfte, Wissenschaftler, Lehrerinnen, Erfinder und Menschen, die einfach für andere da sind.

Welche Fähigkeiten ein Kind später entwickeln wird, lässt sich nicht daran ablesen, wie lange es mit sieben Jahren still auf seinem Stuhl sitzen konnte.

Darum sollten wir vorsichtig sein mit schnellen Urteilen.

Bevor wir ein Kind als schwierig bezeichnen, könnten wir fragen, welche Situation ihm Schwierigkeiten bereitet.

Bevor wir seine Zurückhaltung kritisieren, könnten wir herausfinden, ob es sich sicher und verstanden fühlt.

Und bevor wir verlangen, es solle sich endlich wie alle anderen benehmen, könnten wir überlegen, ob wir wirklich möchten, dass alle Menschen gleich sind.

Was Kinder eines Tages mitnehmen

Irgendwann wird Hannah erwachsen sein. Vielleicht wird sie in einer Bibliothek arbeiten, vielleicht eine Familie gründen, vielleicht die Welt bereisen. Vielleicht entwickelt sie Interessen, die heute noch niemand erahnt.

Auch Jonas wird seinen eigenen Weg gehen. Möglicherweise wird er ruhiger, möglicherweise bleibt er ein Mensch voller Energie.

Was beide später genau tun, ist nicht entscheidend.

Wichtiger ist, welches Bild sie von sich selbst mitnehmen.

Erinnern sie sich an Erwachsene, die ihre Eigenheiten ständig als Fehler betrachteten?

Oder erinnern sie sich an Menschen, die ihnen halfen, ihre Stärken zu entdecken und mit ihren Schwächen umzugehen?

Kinder werden nicht durch grenzenlose Nachgiebigkeit stark. Aber auch nicht durch ständige Beschämung.

Sie wachsen, wenn sie Orientierung, Verlässlichkeit, Respekt und Zuneigung erfahren.

Unser Ziel sollte nicht sein, Kinder großzuziehen, die niemals widersprechen. Wir sollten ihnen helfen, verantwortungsbewusste Menschen zu werden, die selbstständig denken, andere achten, Mitgefühl zeigen und sich nicht dafür schämen, sie selbst zu sein.

❤️ Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger: dass ein Kind möglichst gehorsam ist oder dass es lernt, selbstbewusst und eigenständig durchs Leben zu gehen? Schreiben Sie Ihre Gedanken in die Kommentare.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

18 + eight =

Ein braves Kind ist nicht automatisch ein glückliches Kind