Es war ein nasser Novembermorgen in Mannheim, als Konrad Bregenz begriff, dass ihn die Polizei nicht mehr aus den Augen lassen würde. Seine Frau Ilse war seit elf Monaten verschwunden – ausgegangen an einem Dienstag, um angeblich ihre Schwester in Heidelberg zu besuchen, und nie zurückgekehrt. Ihr silberner Audi A6 war drei Tage später auf einem Supermarktparkplatz am Rheinufer gefunden worden, Schlüssel noch im Zündschloss, aber ohne Handtasche, ohne Ausweis, ohne Handy.
Konrad besaß eine Reihe von Speditionsfirmen im Rhein-Neckar-Gebiet, die offiziell Möbel transportierten. Was wirklich in den Lastwagen lag, interessierte die Kriminalpolizei seit Jahren – doch erst mit Ilses Verschwinden hatten sie endlich einen Hebel. Die Haushälterin sagte aus, das Ehepaar habe sich kurz vorher mehrfach laut gestritten; der Gärtner erinnerte sich an einen Satz, den Ilse am Telefon gesagt hatte: dass sie genug habe und mit allem zur Staatsanwaltschaft gehen werde. Beweise gegen Konrad gab es keine. Nur Verdacht, dicht wie Nebel über dem Neckar.
Also stellten sie ihm Zivilfahrzeuge vor die Toreinfahrt seines Hauses in Feudenheim. Sie befragten seine Buchhalterin dreimal in derselben Woche. Sie folgten seinem Mercedes durch die halbe Stadt, so offensichtlich, dass es fast eine Beleidigung war. Am Anfang fand Konrad das amüsant. Nach zehn Monaten trieb es ihn an den Rand seiner Geduld.
An jenem Morgen stand sein Wagen an der roten Ampel am alten Großmarkt, dort wo sonntags noch der Flohmarkt stattfindet und wo es nach nassem Karton und Dieselabgasen riecht. Konrad sah durchs Fenster, eigentlich nur, um die Zeit zu vertreiben, bis ihm der Blick an einer Gestalt hängen blieb, die an der Hauswand eines leerstehenden Gebäudes kauerte.
Ein Mädchen. Schmutziger Parka, durchlöcherte Turnschuhe, Haar, das ihr fast bis zur Hüfte reichte und in Strähnen verfilzt war. Und trotz allem – trotz des eingefallenen Gesichts, trotz der Kälte darin – ein Gesicht, das Ilse gehörte. Dieselbe Nase. Derselbe Mund.
„Halt den Wagen", sagte Konrad zum Fahrer, schon im Aussteigen.
Das Mädchen wich zurück, als sie den Maßanzug sah und die zwei Männer, die hinter ihm auftauchten. „Ich hab nichts gestohlen", sagte sie sofort. „Ich stand hier nur."
„Wie heißt du?"
„Nadja."
„Wo wohnst du?"
Sie sah auf ihre Schuhe. „Nirgends richtig. Manchmal in der Unterkunft an der Augustenburgstraße, wenn ein Bett frei ist."
Konrad betrachtete sie eine ganze Weile, ohne etwas zu sagen, und in diesem Schweigen formte sich ein Plan, der ihm selbst unheimlich war. Wenn die Stadt, wenn die Polizei Ilse wieder lebendig sähe – auf dem Wochenmarkt, beim Bäcker, am Steuer ihres Wagens –, dann würde der Verdacht zusammenbrechen wie ein nasses Kartonhaus. Die Augenbrauen waren bei dem Mädchen etwas dichter, eine kleine Narbe saß am Kinn, und das Haar müsste ab. Alles Dinge, die sich reparieren ließen. Für Geld ließ sich fast alles reparieren.
„Ich kann dir mehr Geld zahlen, als du je in der Hand gehalten hast", sagte er. „Aber zuerst musst du ein paar Bedingungen erfüllen."
„Was für welche."
„Du lässt dich herrichten. Anderes Haar, andere Sprache, ein anderer Gang. Du gibst für eine Weile eine andere Person."
„Welche."
„Meine Frau."
Nadja hielt das für einen schlechten Scherz und wollte gehen. Konrad hinderte sie nicht daran. „Ich zwinge dich zu nichts. Neunzigtausend Euro, neue Papiere, eine Wohnung in Käfertal. Danach kannst du verschwinden und mich nie wiedersehen."
Sie blieb stehen. Neunzigtausend Euro – davon ließe sich eine Ausbildung bezahlen, eine Kaution, ein ganzes anderes Leben. Nach langem Schweigen nickte sie.
Konrad brachte sie in den teuersten Salon der Innenstadt, in der Nähe des Wasserturms. Die regulären Kundinnen wurden an diesem Tag reihenweise vertröstet, die Jalousien heruntergelassen. Er zahlte dem Inhaber eine Summe, die diesen für Monate ruhigstellte, damit sich drei seiner besten Leute ausschließlich um Nadja kümmerten. Als sie mit ihrem alten Parka und den durchgelaufenen Schuhen durch die Tür kam, wechselten die Angestellten Blicke der Verwunderung. Manche musterten sie mit Mitleid, andere fragten sich still, warum einer der mächtigsten Männer der Stadt eine Obdachlose hierhergeschleppt hatte.
„Sie soll aussehen wie die Frau auf diesem Foto", sagte Konrad und legte ein Porträt Ilses auf die Ablage. „Frisur, Haarfarbe, Make-up, alles."
Nadja presste ihr Haar schützend an die Brust. „Muss es wirklich ab?"
„Sonst funktioniert nichts."
Sie setzte sich in den Stuhl und ließ die Friseurin die Schere ansetzen. Büschel fielen auf den weißen Umhang, immer mehr, bis am Boden ein kleiner Haufen entstand, der aussah wie ein totes Tier. Nadja schloss die Augen nicht. Sie beobachtete im Spiegel, wie aus ihrem Gesicht ein fremdes wurde.
Zwei Wochen lang arbeitete eine ganze Maschinerie an ihr: ein Logopäde, der ihr den Dialekt austrieb und ihr Ilses leicht nasale Hochsprache beibrachte; eine Kosmetikerin, die die Narbe am Kinn mit Make-up und später mit einer kleinen Korrektur verschwinden ließ; ein Stylist, der ihr zeigte, wie Ilse den Kopf gehalten, wie sie die Teetasse angefasst, wie sie beim Lachen die Hand vor den Mund gelegt hatte – aus alten Videos, die Konrad heimlich zusammenschneiden ließ. Nadja lernte schnell. Zu schnell, dachte Konrads Chauffeur einmal, aber er sagte nichts.
In Konrads Villa in Feudenheim gab es ein Zimmer, das seit Ilses Verschwinden niemand betreten hatte. Ihre Parfümflakons standen noch auf der Kommode, der Duft nach Iris und nassem Stein hing noch in den Vorhängen. Als Nadja dort zum ersten Mal übernachtete, roch sie an einem der Flakons und musste husten – zu süß, zu fremd. Sie öffnete das Fenster einen Spalt, trotz der Novemberkälte, nur um wieder atmen zu können.
Was Konrad nicht wusste: Die Haushälterin, Frau Brettschneider, die seit achtzehn Jahren im Haus arbeitete, erkannte sofort, dass diese Frau nicht Ilse war. Nicht wegen des Gesichts – das war erschreckend genau. Sondern weil Nadja beim Kaffeetrinken den Löffel links neben die Tasse legte, während Ilse ihn immer rechts hingelegt hatte. Eine Kleinigkeit, die niemandem außer einer Frau auffällt, die seit achtzehn Jahren denselben Frühstückstisch abräumt.
Frau Brettschneider sagte zunächst nichts. Sie beobachtete. Und drei Wochen nach Nadjas erstem öffentlichen Auftritt – ein genau choreografierter Spaziergang über den Wochenmarkt am Marktplatz, mit zwei Bodyguards in Sichtweite und einem Lokaljournalisten, dem man zufällig den Tipp gegeben hatte – klingelte bei der Polizei das Telefon.
Nicht Frau Brettschneider rief an. Es war Nadja selbst.
Sie hatte in den sechs Wochen in der Villa etwas gefunden, das Konrad für immer verschwunden glaubte: einen USB-Stick, eingeklebt unter der untersten Schublade von Ilses Schreibtisch, mit Kontoauszügen, verschlüsselten Nachrichten und einem Dokument, in dem Ilse selbst notiert hatte, wohin sie fliehen wollte und warum – nach Rotterdam, zu ihrer Cousine, weg von einem Mann, der sie zur Geisel seiner Geschäfte gemacht hatte. Ilse war nicht ermordet worden. Sie war geflohen, lebte seit elf Monaten unter einem anderen Namen in den Niederlanden, zu verängstigt, um sich zu melden, weil sie wusste, was Konrads Leute mit Zeugen machten.
Nadja verstand in diesem Moment, warum man sie ausgerechnet dieser Frau so ähnlich gemacht hatte, und was mit ihr geschehen würde, sobald sie ihre Rolle ausgespielt hatte. Hundertfünfzigtausend Euro waren viel Geld. Aber nicht genug, um das Gewicht dessen aufzuwiegen, was sie da in den Händen hielt.
Sie rief nicht die Polizeiwache an, die Konrad seit Monaten bestochen glaubte, sondern direkt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg, eine Nummer, die sie aus einer alten Zeitung abgeschrieben hatte, die unter Ilses Bett gelegen hatte.
Die Verhaftung fand an einem Donnerstagvormittag statt, vor dem Haus in Feudenheim, während Konrad gerade in seinen Wagen steigen wollte, um zu einer Besprechung mit seiner Spedition zu fahren. Zwei Zivilfahrzeuge, die ihn seit Monaten verfolgt hatten, parkten diesmal nicht gegenüber, sondern direkt vor der Ausfahrt. Kommissarin Elfriede Sachs stieg aus, den USB-Stick in einer durchsichtigen Beweistüte in der Hand, und hinter ihr Nadja – nicht mehr im seidenen Ilse-Kostüm, sondern in Jeans und einer schlichten Jacke, das nachgewachsene Haar zu einem kurzen Zopf gebunden.
„Herr Bregenz", sagte die Kommissarin, „wir müssen über Ihre verschwundene Frau sprechen. Und über die Frau, die Sie als Ihre Frau ausgegeben haben."
Konrad sah an Nadja vorbei, als könnte er sie durch Nichtbeachten zum Verschwinden bringen. Sie hielt seinem Blick stand, ohne ein Wort.
Drei Wochen später saß Ilse Bregenz – mittlerweile unter polizeilichem Schutz aus Rotterdam zurückgeholt – im Büro einer Anwältin in der Augustaanlage, mit einem Ordner vor sich, der ihren echten Ehevertrag enthielt. Sie unterschrieb die Scheidungsklage mit ruhiger Hand, legte den Kugelschreiber neben den Ordner, nicht links, nicht rechts, einfach gerade, und bat die Anwältin, die Kopie direkt an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten, als Teil der Beweismittel gegen ihren Mann.
Nadja bekam ihre neunzigtausend Euro trotzdem – Ilse bestand darauf, als eine Art Schmerzensgeld, ausgezahlt aus dem eingefrorenen Firmenkonto, sobald die Justiz es freigab. Sie nahm das Geld, mietete eine kleine Wohnung in Käfertal, wie ursprünglich versprochen, ließ sich die Haare schneiden, diesmal von sich aus, kurz, praktisch, und begann eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Den Flakon mit dem Iris-Parfüm, den sie aus der Villa mitgenommen hatte, ohne genau zu wissen warum, stellte sie auf ihr neues Fensterbrett – nicht als Erinnerung an Ilse, sondern weil es nach etwas roch, das endlich wirklich ihr gehörte.
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