Der Parkplatz an der Frauenklinik, dreizehn Jahre später

Ich bin einundvierzig, und die Beziehung, die ich heute führe, hätte vor dreizehn Jahren fast ein halbes Dutzend Leben durcheinandergebracht. Damals war ich siebenundzwanzig und arbeitete als Physiotherapeutin in einer Reha-Praxis in Freiburg, gleich neben einem Ingenieurbüro, in dem Jonas als Statiker anfing. Unsere Teams gingen mittags oft in dieselbe Kantine, und irgendwann kannte man sich einfach.

Ich war damals seit fast vier Jahren mit Tobias zusammen. Jonas lebte seit fünf Jahren mit Nadine. Zwischen uns ist nie etwas passiert – kein Kuss, keine Nacht, nichts, was man hätte beichten müssen. Aber es wäre gelogen zu sagen, da sei nichts gewesen. Es gab diese Blicke, die eine Sekunde zu lang dauerten. Gespräche, auf die wir beide insgeheim gewartet hatten. Und dieses alberne Kribbeln, wenn man wusste, dass gleich jemand zur Tür reinkommt, auf den man eigentlich gar nicht so sehr warten sollte.

Einmal, nach einer Weihnachtsfeier der Praxis, standen wir zu zweit auf dem Parkplatz vor der Frauenklinik, wo Jonas' Auto stand. Es hatte gerade angefangen zu nieseln, die Scheibenwischer eines fremden Wagens liefen noch, obwohl der Motor längst aus war. Jonas fragte, ganz unvermittelt: „Spürst du das auch, zwischen uns?" Ich sagte: „Ja." Das war das einzige Mal, dass wir offen darüber sprachen. Wir einigten uns darauf, dass es wohl nur Anziehung sei, etwas Neues, das sich nur deshalb so groß anfühlt, weil es verboten ist. Und dass es absurd wäre, zwei funktionierende Beziehungen wegen etwas zu zerstören, das wir selbst nicht benennen konnten. Er sagte noch, wir könnten uns ja einmal küssen und dann feststellen, dass es die Aufregung gar nicht wert war. Wir haben gelacht. Ich erinnere mich, dass irgendwo eine Standheizung brummte. Dann sind wir gegangen, jeder in sein Auto, ohne uns zu küssen.

Kurz danach wechselte Jonas die Stelle, zog nach Stuttgart, und wir verloren uns aus den Augen. Ich heiratete Tobias zwei Jahre später, standesamtlich in Freiburg, mit anschließendem Essen im Gasthaus meiner Schwiegereltern im Schwarzwald. Unsere Tochter Lea kam 2015. Auch Jonas heiratete Nadine, sie bekamen zwei Söhne. Von gemeinsamen Bekannten hörte ich hin und wieder von ihm – dass er Vater geworden war, dass die Familie ein Haus gebaut hatte, dass er beruflich viel unterwegs war. Einmal sah ich ein Foto von ihm bei Facebook, mit seinen Jungs am Bodensee. Ich war kurz neugierig. Mehr nicht. Ich hatte meine eigene Ehe, meine eigenen Probleme, meine Tochter, ein völlig anderes Leben.

Mit der Zeit ging meine Ehe auseinander – nicht wegen Jonas, sondern wegen ganz eigener Gründe, die mit ihm nichts zu tun hatten. Später erfuhr ich, auch er habe sich scheiden lassen. Fast zwei Jahre nach meiner Trennung sahen wir uns wieder, auf dem sechzigsten Geburtstag eines gemeinsamen alten Bekannten, in einem Landgasthof kurz vor Titisee. Ich sah ihn zur Tür hereinkommen, den Mantel noch nass vom Regen, und dachte nur: Die Zeit hat ihm ziemlich gutgetan. Er entdeckte mich, kam direkt herüber. Wir redeten eine Weile am Rand der Tanzfläche, während irgendwo im Hintergrund ein Cover von einem Herbert-Grönemeyer-Song lief. Dann sah er mich an und fragte: „Erinnerst du dich an den Parkplatz vor der Frauenklinik?" Ich musste so laut lachen, dass klar war: Er hatte es auch nicht vergessen.

Diesmal waren wir beide frei. Aber wir sind nicht übereinander hergefallen, als hätten wir fünfzehn Jahre aufeinander gewartet. Wir waren keine Siebenundzwanzigjährigen mehr, sondern zwei geschiedene Erwachsene mit Kindern, Jobs, Verpflichtungen und einem ganzen Leben im Rücken. Es begann mit einem Kaffee im Café am Freiburger Münster. Dann ein Abendessen. Dann Guten-Morgen-Nachrichten, Telefonate abends, wenn die Kinder schon schliefen. Irgendwann hörten wir einfach auf, so zu tun, als sei das nur Freundschaft.

Er hat sein Haus und seine Söhne, ich meine Wohnung und Lea. Es gibt Wochen, in denen wir uns fast täglich sehen, und andere, in denen Arbeit und Termine kaum Zeit für ein gemeinsames Abendessen lassen. Manchmal bleibt mein Handy zwei Tage ungelesen auf dem Küchentisch liegen, neben der Post, die ich nicht sortiert habe. In diesem Alter glaubt man nicht mehr, dass Liebe zwangsläufig bedeutet, am nächsten Tag schon Schlüsselbunde, Konten, Kinder und Kleiderschränke zusammenzulegen. Uns gefällt, was wir haben. Die Kinder wissen von uns. Aber wir haben es nicht eilig.

Manchmal sprechen wir über damals. Über den Parkplatz, den Nieselregen, die brummende Standheizung. Darüber, was gewesen wäre, hätten wir damals etwas riskiert. Vielleicht wären wir zusammengeblieben. Vielleicht hätten wir zwei Beziehungen für eine Schwärmerei zerstört, die keine drei Monate gehalten hätte. Vielleicht haben wir uns einfach im falschen Moment getroffen, und hätten wir damals angefangen, könnten wir uns heute nicht mal mehr riechen.

Das werden wir nie wissen. Aber eines weiß ich: Ich bin froh, dass diese zwei Siebenundzwanzigjährigen damals genug Verstand hatten, aus Anziehung keinen Verrat zu machen. Unsere Ehen sind Jahre später aus Gründen zerbrochen, die miteinander nichts zu tun hatten. Und aus diesen Ehen sind Lea und seine beiden Jungs hervorgegangen.

Vor drei Wochen saßen wir bei ihm in der Küche, Lea machte Hausaufgaben am selben Tisch, sein jüngster Sohn fütterte nebenan den Hund mit Resten vom Sonntagsbraten. Jonas legte seinen Schlüsselbund neben meinen auf die Anrichte – nicht als großes Zeichen, einfach weil es praktisch war, weil wir am nächsten Morgen beide früh los mussten. Ich sah die beiden Bunde nebeneinander liegen und dachte an den Parkplatz vor dreizehn Jahren, an den Regen auf der Windschutzscheibe eines fremden Wagens. Nichts von dem, was wir damals nicht getan haben, tut mir leid. Nicht jede Geschichte muss in dem Moment beginnen, in dem der erste Funke überspringt. Manchmal ist das Schönste, dass zwei Menschen es schaffen zu warten – bis die Liebe kein fremdes Leben mehr verbrennen muss, um existieren zu dürfen.

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