Dreiundzwanzig Jahre bin ich jetzt Hausmeister in diesem Mehrfamilienhaus in der Keltenstraße in Augsburg, und ich habe gelernt, dass man an der Art, wie jemand den Müll hinunterträgt, mehr über eine Familie erfährt als aus jedem Gespräch im Treppenhaus. Herr Brummer aus der zweiten Etage zum Beispiel trägt seinen Müll immer so, als würde er eine Strafe verbüßen. Seine Schwiegermutter wohnt bei ihnen, Zimmer rechts vom Bad, und an dem Samstag, von dem ich erzählen will, hatte sie Geburtstag. Siebzig Jahre. Frau Erika Dollinger.
Ich hatte frei an dem Tag, aber die Heizungsanlage im Keller machte Ärger, so ein Pfeifen im Rohr, das man nachts durch zwei Stockwerke hört, und ich war schon um neun unten in der Werkstatt, als ich Stimmen aus dem Innenhof hörte. Die Küchenfenster im Erdgeschoss zur Gartenseite stehen im Sommer meistens offen, wegen der Hitze unter dem Dach drüber, und man kriegt mehr mit, als einem zusteht. Ich wollte eigentlich nur den Wasserhahn am Gartenschlauch abstellen.
Frau Dollinger plante diesen Tag seit Wochen. Das wusste ich, weil sie mich im Mai gefragt hatte, ob der Partyraum im Keller — den wir für Vereinsfeiern vermieten — an einem Samstag im Juli frei wäre. War er nicht, Vermietung an die Kegelclub-Damen aus der Nachbarschaft, also feierte sie eben oben in der Wohnung. Ich hörte ihre Stimme zuerst, hell, fast singend: „Sieben Jahrzehnte, Michael, da darf man doch mal erwarten, dass nicht aus dem Discounter aufgetischt wird."
Michael Brummer, ihr Schwiegersohn, murmelte etwas von „natürlich, Erika, alles wie du willst". Seine Frau Sabine — Frau Dollingers Tochter — war an dem Morgen gar nicht in der Wohnung. Sie arbeitet im Schichtdienst in der Notaufnahme am Klinikum Augsburg-Süd, und sie hatte, wie ich später erfuhr, die Sechs-Uhr-Schicht genommen, obwohl sie frei hätte tauschen können. Ich dachte mir nichts weiter dabei, bis ich die Liste sah. Oder besser: bis Michael sie mir zeigte, zwei Stunden später, als ich am Hauseingang stand und er mit dem Hund runterkam.
Ein Blatt Papier, zweimal gefaltet, in ordentlicher Schrift: Rinderroulade für achtzehn Personen, Kartoffelklöße selbstgemacht, Rotkohl nicht aus dem Glas, Schwarzwälder Kirschtorte mit echten Kirschen, keine Dose. Unten, unterstrichen: Fertig bis siebzehn Uhr, ich will nicht in meinem eigenen Fest in der Küche stehen.
„Sie hat das Sabine gar nicht gegeben", sagte Michael zu mir, während der Hund an der Leine zog. „Mir. Um halb acht. Bevor Sabine überhaupt aus dem Haus war." Er lachte nicht dabei. Er sah aus wie jemand, der eine Rechnung bekommen hat, von der er wusste, dass sie kommen würde, nur nicht an diesem Tag.
Ich kannte die Geschichte schon ein bisschen, aus Gesprächen im Treppenhaus über drei Jahre. Sabine und Michael waren vor drei Jahren eingezogen, mit der Mutter im Gepäck, weil die alte Wohnung in Friedberg zu teuer geworden war nach der Scheidung von Herrn Dollinger. Seitdem kochte, wenn eine Familienfeier war, nie Erika. Es kochte immer Sabine. Oder, seit einem Jahr ungefähr, zunehmend Michael, weil Sabine ihre Schichten nicht mehr so legen konnte.
Ich stellte den Wasserhahn ab und ging wieder hoch zur Heizung, aber ich konnte die Küche nicht ganz aus dem Kopf kriegen. Gegen Mittag, als ich noch mal unten im Hof war, um das Werkzeug wegzuräumen, hörte ich wieder was. Diesmal Erika alleine am Telefon, mit einer Freundin offenbar: „Natürlich hab ich der Sabine nichts gesagt, die hätte doch bloß wieder diese Ausreden gebracht mit der Arbeit. Der Michael macht das schon, der ist ja ganz brauchbar in der Küche, seit er's lernen musste."
Das Wort „musste" blieb mir im Ohr hängen.
Um halb vier kam ich noch mal am Haus vorbei, wegen der Post, die ich für zwei Parteien im dritten Stock reingenommen hatte. Michael stand auf dem Balkon im zweiten Stock, in Schürze, mit einem Handy am Ohr, und ich hörte nur Fetzen, weil der Verkehr auf der Keltenstraße laut war. Aber ich hörte: „Sabine, ich schaff das mit den Klößen nicht auch noch, ich hab doch die Roulade und den Rotkohl schon… Nein, ich will dich nicht aus der Arbeit holen, ich sag's nur." Dann, leiser, fast zu sich selbst: „Ich weiß nicht, wie lang ich das noch mittrage."
Sabine kam um Viertel nach vier nach Hause. Ich war gerade am Briefkastenschrank im Eingangsbereich und sah sie durch die Glastür die Treppe hochgehen, noch in der hellblauen Kasackjacke vom Klinikum, mit dem Dienstausweis am Band um den Hals. Keine Einkaufstüte, kein Geschenk in der Hand, nur ihre Tasche und ein Umschlag, den sie unter den Arm geklemmt hatte. Ich dachte, vielleicht eine Karte für die Mutter.
Michael hat mir am Montag danach erzählt, was oben geschah, als wir im Keller auf den Heizungstechniker warteten. Aber den Kern der Szene kann ich mir inzwischen so genau vorstellen, dass ich sie erzählen will, als wäre ich dabei gewesen.
Sabine kam in die Küche. Der Rotkohl köchelte seit zwei Stunden, der Deckel klapperte leicht im Dampf. Michael stand mit dem Kochlöffel am Herd, die Schürze vorgebunden. Erika saß am Küchentisch, die Tischkarten vor sich ausgebreitet, einen Stift in der Hand, und beschriftete gerade die letzte Karte in Schönschrift: Erika — Ehrenplatz. Sie schaute auf. „Na, du kommst ja gerade richtig, der Tisch muss noch gedeckt werden."
Sabine antwortete nicht. Sie legte den Umschlag auf den Tisch, genau auf die Tischkarte mit ihrem Namen, sodass die Buchstaben „Ehrenplatz" noch halb unter dem Papier hervorsahen. Dann ging sie in ihr Zimmer, zog die Kasackjacke aus, kam in einem anderen Oberteil zurück, setzte sich ihrer Mutter gegenüber und öffnete den Umschlag selbst, mit einem Griff, der Michael, wie er sagte, an ihre Arbeit in der Notaufnahme erinnerte — schnell, ohne Zögern, als ginge es um etwas, das keinen Aufschub vertrug.
In dem Umschlag war die Kündigung des Untermietverhältnisses. Erika wohnte nicht einfach bei ihrer Tochter — sie zahlte, seit drei Jahren, dreihundertzehn Euro im Monat für das Zimmer, offiziell als Untermieterin, mit eigenem Vertrag, den Sabine selbst aufgesetzt hatte, weil ihr Steuerberater das damals so empfohlen hatte. Sabine hatte die Kündigung schon vor zwei Wochen vorbereitet, mit einer Frist von drei Monaten, wie im Vertrag vorgesehen. Sie hatte nur gewartet, wie Michael mir sagte, auf einen Moment, in dem sie sicher war, dass sie es wirklich tun würde und nicht aus Wut.
Erika lachte zuerst, ungläubig, fragte, ob das ein Scherz zum Geburtstag sein solle. Sabine sagte, nein, das sei ernst, sie habe die Wohnung in Lechhausen schon besichtigt, für ihre Mutter, zwei Zimmer, Betreutes Wohnen mit Hausnotruf, finanzierbar aus der Rente und der Pflegestufe, die Erika seit dem letzten Jahr bewilligt bekommen, aber nie beantragt hatte, dass sie das übernehmen wolle. Und dass sie, Sabine, ab heute nicht mehr für den Haushalt dieser Wohnung zuständig sei, weder für Essen noch für Feiern noch für Listen auf gefalteten Zetteln.
Michael sagte, er habe in dem Moment nicht gewusst, wohin er schauen sollte, mit dem Kochlöffel noch in der Hand, während der Rotkohl im Topf hinter ihm weiterköchelte. Die Gäste kamen um fünf, achtzehn Personen, wie auf der Liste stand. Sabine saß beim Essen am Tisch, ruhig, redete mit den Nachbarn von der Kegelrunde, während ihre Mutter neben ihr kaum ein Wort sprach und immer wieder zu ihr hinsah, als warte sie darauf, dass die Tochter zurücknimmt, was sie gesagt hat.
Drei Wochen später sah ich den Umzugswagen, einen kleinen Möbeltransporter von einer Firma aus Haunstetten, vor dem Haus stehen. Sabine und Michael trugen gemeinsam die Kommode hinunter, während Erika mit zwei Koffern daneben wartete und den Fahrer anwies, wo er welches Möbelstück hinstellen solle.
Beim Seniorennachmittag im Herbst, den die Stadt organisiert, traf ich Erika wieder, am Rand des Festzelts, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Sie strich sich die Serviette auf dem Schoß glatt und fragte mich, ob ich glaube, dass es am Wochenende noch mal so warm werde wie heute.
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