Ernas verlorenes Paket aus Bayreuth

Mein Sohn hat mir gesagt, ich solle zu seiner Hochzeit nach München nicht kommen. Ich war am Telefon und habe nur "ist gut, Lukas" gesagt und dann aufgelegt, bevor meine Stimme gezittert hat.

Ich heiße Renate, bin sechzig-drei, und ich fahre seit vierzig Jahren im Straßenbahndepot in Leipzig die Linie 4. Mein Mann ist vor elf Jahren gestorben, Herzinfarkt, mitten in der Werkstatt, und seitdem gibt es nur noch Lukas und mich. Oder gab es.

Lukas ist mit zweiundzwanzig nach Bayern gezogen, wegen eines Praktikums bei einer großen Baufirma. Am Anfang hat er jeden Sonntag angerufen, pünktlich um sieben, wenn der Tatort noch nicht lief. Dann wurde es jeden zweiten Sonntag. Dann nur noch, wenn er etwas brauchte – einmal eine Steuerbescheinigung, einmal die Adresse von Opas altem Rentenbescheid.

Ich habe nicht gefragt, warum. Ich wollte nicht die Mutter sein, die am Telefon klebt und fragt, ob er genug isst. Ich wusste, dass er sich hocharbeitet, dass er jetzt bei einem Architekturbüro in München angestellt ist, Projektleiter mittlerweile. Ich war stolz. Als er sagte, er käme Weihnachten nicht, habe ich "verstehe ich, Junge" gesagt und den Hörer schnell weggelegt.

Dann kam Verena ins Spiel. Er hat vorsichtig von ihr erzählt, so als würde er Eis testen, ob es trägt. Dass sie Architektin sei. Dass ihre Eltern ein Haus am Starnberger See hätten. Dass der Vater Chefarzt an der Uniklinik sei und die Mutter früher eine Galerie am Odeonsplatz geleitet habe. Ich habe zugehört und gemerkt, wie etwas in mir hart wurde – keine Eifersucht, kein Zorn, nur eine stille Unruhe. Als würde Lukas mir Stück für Stück ein Puzzle vorlegen, aus dem eine Welt entstand, zu der ich nicht eingeladen war.

"Mama, ich muss dir was sagen", hat er eines Abends angefangen, und ich wusste schon, es würde nichts Gutes. Nicht weil er mir weh tun wollte. Sondern weil seine Stimme auf einmal so leise wurde.

Sie würden im Juli heiraten. Im Garten der Eltern von Verena, am Starnberger See. Ganz klein, nur engster Familienkreis.

"Ich bin der engste Familienkreis", habe ich gesagt.

Stille. Diese Art von Stille, in der man hört, wie der andere nach Worten sucht und keine findet.

"Mama, die sind… aus einer anderen Welt. Da werden Ärzte sein, Architekten, Leute, die ständig verreisen. Ich will nicht, dass du dich unwohl fühlst."

Ich stand in der Küche, eine Hand auf der Anrichte. Draußen roch es nach dem Flieder vom Nachbargrundstück, so intensiv, fast betäubend. Und ich dachte: er lädt mich nicht ein, nicht weil er mich nicht liebt. Er schämt sich für mich.

"Ist das für dich oder für mich?", habe ich leise gefragt.

"Mama, bitte, mach das nicht."

Ich habe es nicht gemacht. Ich habe aufgelegt, mich an den Tisch gesetzt und eine Stunde die Wand angestarrt. Geweint habe ich nicht. Dazu war ich zu betäubt.

In den Tagen danach habe ich versucht, es zu verstehen. Lukas war nie ein grausames Kind. Als Kleiner hat er mir Löwenzahn vom Bahndamm mitgebracht, in Zeitungspapier eingewickelt, als wäre es ein Blumenstrauß vom Floristen. Im Gymnasium, als die anderen über seine alten Turnschuhe gelacht haben, war er es, der sie zur Ordnung gerufen hat. Er war kein schlechter Mensch. Er war einer, der irgendwann angefangen hatte, Menschen mit dem Maßstab anderer zu messen, und sich dabei selbst verloren hatte.

Meine Nachbarin Brigitte, der einzigen, der ich davon erzählt habe, hat den Kopf geschüttelt: "Fahr trotzdem hin. Ohne Einladung. Zeig's ihm."

Aber ich konnte nicht. Was, wenn er recht hatte? Was, wenn ich dort sitzen würde, in meinem einzigen guten Kleid vom Ausverkauf bei Ernsting's family, mit der Handtasche vom Flohmarkt am Hauptbahnhof, und nicht wüsste, wie man ein Sektglas hält? Was, wenn Verena mich ansehen und denken würde: das ist also Lukas' Mutter?

Also bin ich nicht gefahren. Den Hochzeitstag habe ich zu Hause verbracht. Ich habe einen Grützpudding gekocht, für niemanden eigentlich. Ein Stück habe ich gegessen, den Rest zu Brigitte gebracht. Abends habe ich geschrieben: "Alles Gute, mein Junge. Ich wünsche euch nur das Beste." Er hat mit einem Herz-Emoji geantwortet. Sonst nichts.

Eine Woche später lag das Paket auf der Türmatte, als ich vom Edeka kam. Ein brauner Karton, an den Ecken etwas eingedrückt, mit Briefmarken, die ich nicht lesen konnte. Der Absender in einer ordentlichen, leicht schräg geneigten Handschrift. Ich habe ihn vorsichtig hochgehoben, als könnte er explodieren.

Auf eine Weise ist er das auch.

Unter Seidenpapier lag ein Schal. Zartviolett, mit einem feinen Lochmuster, das ich sofort erkannt habe – genau das Muster, das ich vor zwanzig Jahren selbst gestrickt hatte, aus dem alten Handarbeitsheft meiner Mutter. Darunter lag ein Umschlag. Weiß, mit einer Karte in kleiner, geübter Schrift. Auf Englisch.

Ich habe den Brief in die Hand genommen, das Herz schlug schnell. Vielleicht jedes fünfte Wort habe ich verstanden. "Son." "Knitting." "Sorry." "Summer." Der Rest war für mich Chinesisch.

Ich bin zu Brigitte gegangen. Brigitte hatte noch Französisch in der Schule gehabt, aber ihre Enkelin Mia, sechzehn, mit lackierten Fingernägeln in drei Farben, hatte immer Einser in Englisch. Wir haben sie per Videoanruf erreicht, sie saß im Schulbus, und sie hat mir den Brief übersetzt, den die Mutter meiner Schwiegertochter geschrieben hatte:

Liebe Renate, ich heiße Ingrid. Es tut mir sehr leid, dass wir uns bei der Hochzeit unserer Kinder nicht kennengelernt haben. Lukas hat mir erzählt, dass Sie wunderschöne Dinge stricken. Ich stricke mein ganzes Leben schon, und seit Jahren habe ich niemanden mehr, mit dem ich darüber sprechen kann. Mein Mann hält es für Zeitverschwendung, meine Tochter interessiert sich nicht dafür. Ich habe diesen Schal extra für Sie gemacht. Das Muster habe ich in einem alten Buch gefunden, ich hoffe, es gefällt Ihnen. Falls Sie einmal im Sommer kommen möchten – wir haben ein Gästezimmer und einen Garten voller Rosen. Es wäre mir eine Freude.

Mia hat den Brief zu Ende gelesen und gesagt: "Oma Brigitte, die Frau ist echt stark."

Und ich bin in Brigittes Küche sitzen geblieben, den Schal im Schoß, und habe geweint. Nicht aus Schmerz. Aus Erleichterung. Aus diesem seltsamen Gefühl, dass irgendwo in Bayern eine Frau lebt, die genau wie ich ist. Die sich abends mit Nadeln und einem Wollknäuel hinsetzt, und niemand schätzt sie dafür. Die nicht "aus einer anderen Welt" ist, sondern aus genau derselben.

Abends habe ich Lukas angerufen. "Ich habe ein Paket von deiner Schwiegermutter bekommen", habe ich ruhig gesagt.

Stille. Dieselbe wie vorher.

"Mama…"

"Weißt du was, Lukas? Dreiunddreißig Jahre lang dachte ich, ich hätte dich gut erzogen. Und ich glaube, das habe ich auch, weil du ein guter Mensch geworden bist, einer, der lieben kann und geliebt werden. Aber irgendwann auf dem Weg hast du etwas verwechselt. Du hast Scham mit Rücksicht verwechselt."

Er hat nicht sofort geantwortet. Ich habe ihn atmen gehört. Schwer, tief, so wie damals mit acht Jahren, wenn er nach einem Streit mit einem Freund nicht weinen wollte.

"Es tut mir leid", hat er geflüstert.

"Ich weiß", habe ich gesagt. "Und ich glaube, ich fahre diesen Sommer nach Bayern."

Am nächsten Tag bin ich ins Wollgeschäft in der Innenstadt gegangen und habe drei Knäuel in Lavendelblau gekauft, dieses tiefe Blau, wie der Himmel über Leipzig im Juli. Ich habe angefangen, einen Schal für Ingrid zu stricken. Dasselbe Muster, das alte, klassische aus dem Heft unserer Mütter.

Fünf Wochen später saß ich tatsächlich in Ingrids Garten am Starnberger See, eine Teetasse in der Hand, der Schal fertig in meiner Tasche, und Lukas stand am Gartentor, als käme er zu spät zu etwas, das längst ohne ihn begonnen hatte. Ingrid hat mich an der Hüfte gedrückt, als würde sie mich schon ewig kennen, und gesagt: "Endlich." Verena hat daneben gestanden und nichts gesagt, aber ihre Augen waren rot gerändert.

Lukas hat sich zu mir gesetzt, auf die Gartenbank, und lange nichts gesagt. Dann hat er meine Hand genommen, die mit den rissigen Fingerkuppen vom vielen Stricken, und hat sie festgehalten, bis Ingrid den Tee nachgeschenkt hat und gefragt hat, welches Muster das sei, das ich da gerade anfange.

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