Verspätung im achten Stock

Ich bin Hausmeister in einem Wohnblock an der Rigaer Straße in Leipzig, seit elf Jahren, und ich sage Ihnen: man sieht mehr, wenn man den Müllraum putzt, als wenn man in der Kneipe sitzt und zuhört. Frau Brandt aus dem achten Stock kannte ich schon, bevor sie zur "komischen Alten mit dem Hund" wurde, wie die Jugendlichen im Hof sie später nannten. Erst kannte ich sie als die Frau, die immer pünktlich um sieben mit drei Mülltüten runterkam, weil sie ihre drei Töchter großgezogen hatte, ganz allein, und Pünktlichkeit bei ihr so etwas wie Religion war.

Sie war neunundfünfzig, als der Mann von der Fünf, ein gewisser Herr Kowalski, ihr geraten hat, sich einen Hund zuzulegen. Nicht er direkt – die Töchter waren es, die sie überredet hatten, das habe ich später von der Kassiererin im Netto gegenüber erfahren, die alles über jeden im Haus weiß. Frau Brandt hatte abgelehnt. "Ich mache doch nur Ärger, wenn ich einem Tier mein Leben aufbürde", hat sie zur Kowalski-Frau am Briefkasten gesagt, ich stand daneben und habe die Post sortiert.

Und dann, keine zwei Wochen später, stand sie plötzlich mit einem zitternden braunen Etwas im Arm im Hausflur, das nasse Pfoten auf ihren beigen Mantel drückte. Ich fragte, ob sie Hilfe brauche mit der Tür, sie hatte ja die Hände voll. Sie lächelte nicht – sie hat gelacht, richtig gelacht, zum ersten Mal seit ich sie kannte, mit einem Klang, als würde jemand eine alte Fensterscheibe aufreißen, die jahrelang festgeklemmt war. "Der hat mich gefunden, Herr Ziegler, nicht ich ihn", sagte sie. Sie nannte ihn Bruno.

Was danach kam, weiß ich nur in Fetzen, weil ich es aus dem Hof beobachtet habe, während ich die Fahrräder im Keller sortierte oder die Laubbläser wartete. An einem Dienstagnachmittag, es muss Ende September gewesen sein, denn die Kastanien fielen schon vom Baum vor dem Spielplatz, hörte ich Geschrei. Ein Mann, vielleicht Mitte sechzig, in einer viel zu dünnen Windjacke für die Kälte, hatte sich über Bruno gebeugt und wollte ihn packen. Frau Brandt stand mit hochrotem Kopf da und hielt die Leine fest wie ein Ankertau.

"Das ist mein Hund! Ich such den seit einer Woche!", brüllte der Mann. "Der heißt Karlchen, nicht Bruno!"

Ich bin näher gekommen, weil ich dachte, ich muss vielleicht schlichten, aber die Auseinandersetzung war schon in vollem Gange, und ehrlich – so viel Leben hatte ich in diesem Hof seit dem Wasserschaden im Treppenhaus nicht mehr erlebt. Zwanzig Minuten stritten die beiden, bis ihnen offenbar gleichzeitig die Puste ausging, und sie sich auf die Bank neben der Sandkiste setzten, mit anderthalb Metern Abstand zueinander, wie zwei Boxer nach der letzten Runde.

Da hab ich mich zurückgezogen, ich habe schließlich Arbeit, aber die Kowalski-Frau, die mit ihrem Enkel auf dem Spielplatz war, hat mir am nächsten Tag alles erzählt, Wort für Wort, so gut sie es eben aus dreißig Metern Entfernung mitbekommen hatte. Der Mann hieß Herr Reinhardt und wohnte drei Straßen weiter, Richtung Connewitz. Er hatte den Welpen vor Monaten aus einem Gully gezogen, mit bloßen Händen, mitten in der Nacht, weil das Tier vor Kälte fast erstarrt war. Vor einer Woche war der Hund bei einem Feuerwerk – irgendein verfrühter Kracher zum Herbstfest im Kleingartenverein – durchgegangen und nicht wiedergekommen. Herr Reinhardt hatte seitdem jeden Abend die Straßen abgesucht, mit einer Taschenlampe und einem Foto in der Jackentasche.

Frau Brandt erzählte ihrerseits, wie sie den Hund zitternd vor dem Hauseingang gefunden hatte, halb unter dem Fahrradständer, und wie sie ihn nicht mehr hergeben wollte, weil er in zwei Wochen mehr Wärme in ihre Wohnung gebracht hatte als die letzten zehn Jahre zusammen.

Ich hab das alles mit Bierdeckelgenauigkeit aus zweiter Hand, gebe ich zu. Aber was ich selbst gesehen habe, das war Folgendes: Herr Reinhardt kam von da an jeden Nachmittag um vier in den Hof. Erst hab ich gedacht, er will den Hund doch noch holen, vielleicht mit Anwalt oder so einem Blödsinn – man erlebt ja alles als Hausmeister. Aber er kam nur, um mit ihr zusammen die Gassirunde zu drehen. Ich hab die beiden gesehen, wie sie über den Hof zum Rewe-Parkplatz gingen, er mit der Leine, sie mit einer Tüte Hundekeksen, und wie sich das Gangbild von Frau Brandt veränderte – sie ging nicht mehr mit hängenden Schultern, sondern aufrecht, fast wie eine Frau, die zu einer Verabredung geht.

Die Töchter kriegten das erst Wochen später mit. Ich weiß es, weil an einem Samstagvormittag drei Frauen mit einer Bäckereitüte von der Konditorei am Connewitzer Kreuz bei mir im Flur standen und fragten, ob ihre Mutter zu Hause sei – sie wollten sie überraschen. Ich hab bloß gesagt: "Ich glaub, die hat gerade Besuch", mehr wollte ich nicht verraten, das ist nicht meine Aufgabe. Fünf Minuten später hörte ich durch die dünne Wohnungstür im achten Stock erst Stille, dann drei Stimmen durcheinander: "Mama, wer ist das?"

Am Abend, ich hatte gerade den Hausflur gewischt, kam Frau Brandt runter, um die Mülltüten zu bringen wie immer um sieben, nur diesmal mit Herrn Reinhardt an ihrer Seite und Bruno – oder Karlchen, wie man's nimmt – an der Leine zwischen ihnen. Sie erzählte mir, beiläufig, während sie den Deckel der Biotonne aufhielt, dass die Töchter am Anfang skeptisch gewesen seien, wegen der ganzen Betrüger, die es angeblich auf einsame Rentnerinnen abgesehen hätten – das hatte wohl die Älteste, Franziska, glaube ich, aus dem Fernsehen aufgeschnappt. Aber dann hätten sie gesehen, wie Herr Reinhardt ihre Mutter ansah, wenn sie in die Küche ging, um Tee nachzugießen, und da sei ihnen die Sorge vergangen.

Zwei Monate später, an einem Freitag im November – ich erinnere mich, weil ich gerade die Laubhaufen vor dem Hauseingang zusammenkehrte und der erste Frost auf den Autoscheiben lag –, stand Herr Reinhardt vor der Haustür, in einem Anzug, der ihm eine Nummer zu groß war, mit einer Sonnenblumensträuß in der Hand, die um diese Jahreszeit sicher ein Vermögen gekostet hatten. Ich hab ihm die Tür aufgehalten und ihn hochgehen lassen, ohne zu fragen.

Zwanzig Minuten später kam Bruno die Treppe runter gerannt, allein, mit der Leine hinter sich herschleifend, direkt in den Innenhof, wo er sich freudig im nassen Laub wälzte. Ich musste ihn einfangen und wieder hochbringen. Als ich klingelte, öffnete Frau Brandt mit rotem Gesicht und einem Ring am Finger, den ich vorher nicht gesehen hatte. "Wir haben gerade", sagte sie, und mehr brauchte sie nicht zu sagen.

Die Hochzeit war im Frühling, standesamtlich, im Neuen Rathaus, mit vielleicht fünfzehn Leuten, ich war nicht eingeladen, das wäre auch komisch gewesen, aber die Kowalski-Frau schon, und die hat mir hinterher erzählt, dass Frau Brandt – jetzt Frau Reinhardt – ein hellblaues Kostüm trug und dass Bruno mit einer kleinen Schleife um den Hals brav neben dem Standesbeamten saß, bis zu dem Moment, als das Brautpaar sich küsste, da hat er einmal kurz gebellt und ist dann zufrieden unter den Stuhl gekrochen.

Zwei Wochen danach kam Frau Reinhardt bei mir im Hausflur vorbei, mit einem Ordner unter dem Arm – Meldebescheinigung, neue Krankenversicherungskarte, so einen Papierkram eben, den man nach einer Hochzeit erledigen muss. Sie erzählte mir, fast im Vorbeigehen, dass sie ihre alte Wohnung im achten Stock nicht aufgibt, sondern vermietet, an die Nichte der Kowalski-Frau übrigens, weil sie zu Herrn Reinhardt in seine größere Wohnung mit Balkon zieht, drei Straßen weiter. Sechshundertzehn Euro Kaltmiete wird sie dafür bekommen, hat sie mir erzählt, während sie den Ordner fester an sich drückte, als wäre er das Wichtigste, was sie je unterschrieben hat. "Elf Jahre hab ich hier allein gewohnt", sagte sie, "jetzt zahlt die Wohnung für sich selbst." Dann hat sie mir noch einen Schlüssel dagelassen, für den Fall, dass die neue Mieterin mal ausgesperrt ist, und ist die Treppe runter, mit dem Hund an der Leine, der schon an der Tür zum Hof zerrte, weil er wusste, dass draußen sein Herrchen mit dem Auto wartete.

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