Die Flasche hinterm Ersatzrad

Ich heiße Jonas Brenner, bin 38 und war zwölf Jahre lang verheiratet mit einer Frau, die ihre Flaschen besser versteckt hat als ich meine Steuerunterlagen. Das muss ich so sagen, weil ich es erst Jahre später begriffen habe – damals dachte ich, meine Schwiegermutter Renate hätte einfach ein Alkoholproblem, von dem die ganze Familie wusste und über das niemand redete. Ich war derjenige, der es ausgesprochen hat. Und dafür wurde ich am Küchentisch in Freiburg jahrelang wie der Buhmann behandelt.

Renate war Ende fünfzig, als meine Frau Carolin und ich zusammenzogen. Eine resolute Frau, früher Verwaltungsangestellte bei der Stadt, Rente mit sechzig wegen „gesundheitlicher Gründe", wie es offiziell hieß. Die Wahrheit kannte ich erst zwei Jahre später: Sie hatte im Reservereifen ihres alten Opel Corsa eine Plastiktüte mit Flachmännern liegen. Wodka, meistens. Zwei bis drei Liter am Tag, hat sie mir selbst gestanden, als es schon zu spät war, um noch höflich darüber zu schweigen.

Ich kam ihr auf die Schliche, weil ich an einem Samstag im November ihr Auto zum TÜV nach Emmendingen fuhr – sie hatte sich den Fuß verstaucht, konnte nicht selbst fahren. Der Prüfer hat mich gebeten, den Ersatzreifen rauszunehmen, weil irgendwas am Unterboden klapperte. Da lag die Tüte. Acht leere Flaschen, zwei volle. Ich erinnere mich noch an den Geruch des Gummis vom Reifen, vermischt mit diesem süßlichen Alkoholdunst, als ich die Tüte in der Hand hielt und nicht wusste, wohin damit.

Ich habe nichts gesagt. Monatelang. Hab einfach zugesehen, wie Carolin ihrer Mutter jeden Sonntag das Mittagessen brachte und dabei tat, als wäre alles normal – obwohl Renate um zwei Uhr nachmittags schon lallte und die Soße über den Tischrand goss. Meine Schwiegermutter hatte einen Trick: Sie trug immer einen Flachmann im BH, genäht war da sogar eine kleine Innentasche, das hab ich erst erfahren, als sie es mir selbst erzählte. Ihre eigene Schneiderin aus der Kaiserstraße hatte ihr das umgenäht, ohne zu fragen, wofür.

Der Punkt, an dem ich nicht mehr schweigen konnte, war an Carolins vierzigstem Geburtstag im Mai. Wir hatten einen Tisch im „Oberkirch" reserviert, zwölf Leute, und Renate kam schon betrunken an, fiel beim Hinsetzen fast über den Stuhl, schlug ihr Weinglas um, und als der Kellner es wegwischen wollte, hat sie ihn angeschrien, er solle seine Finger von ihrem Tisch lassen. Carolin ist rausgelaufen, auf die Toilette, und hat fünfzehn Minuten geweint. Ich bin ihr gefolgt und hab gesagt: Entweder reden wir jetzt mit deiner Mutter, oder ich tu's allein.

Wir haben es gemeinsam getan. Zwei Wochen später, an einem Dienstagabend, saßen wir zu dritt in Renates Wohnung in der Günterstalstraße, und ich hab die Tüte aus dem Reservereifen auf den Tisch gelegt. Ich hab nicht geschrien. Ich hab nur gesagt: Renate, ich weiß es seit sechs Monaten, und ich kann nicht mehr zusehen, wie du dich umbringst, während meine Frau glaubt, sie hält die Familie zusammen, indem sie schweigt. Renate hat mich angeschrien, ich solle mich raushalten, das sei nicht meine Mutter, nicht meine Sache. Carolin hat zum ersten Mal in diesem Streit nicht ihre Mutter verteidigt, sondern mich.

Renate ist nicht sofort in Behandlung gegangen. Es hat noch einen Herbst gedauert, einen Sturz auf der Treppe, eine Nacht im Universitätsklinikum Freiburg mit einem Blutalkoholwert von 2,8 Promille, bei dem der Arzt zu uns sagte, beim nächsten Mal überlebe sie das vielleicht nicht. Erst dann hat sie zugestimmt, für acht Wochen in die Fachklinik nach Bad Herrenalb zu gehen.

Ich hab sie dort einmal besucht, im Januar, es hat geschneit, der Parkplatz war vereist und ich bin fast hingefallen mit der Tüte Mandarinen, die ich ihr mitbringen wollte. Sie saß im Aufenthaltsraum, dünner als ich sie je gesehen hatte, und hat mich gefragt, warum ich überhaupt gekommen sei, nach allem, was sie mir an den Kopf geworfen hatte. Ich hab gesagt: Weil Carolin dich braucht, und weil ich dich auch nicht tot sehen will, so blöd das klingt nach allem.

Renate ist jetzt seit drei Jahren trocken. Sie hat ihren Führerschein freiwillig abgegeben – aus eigenem Entschluss, nicht weil sie musste – und fährt seitdem mit dem Bus oder lässt sich von Carolin zum Einkaufen fahren. Sie hat ihre Rente von der Stadt neu geordnet: Sie hat eine Vorsorgevollmacht aufsetzen lassen bei einer Notarin in der Bertoldstraße, in der Carolin und ich gemeinsam als Bevollmächtigte eingetragen sind, für den Fall, dass es noch einmal einen Rückfall gibt und sie selbst nicht mehr entscheiden kann. Das Dokument liegt in einer grauen Mappe in ihrem Küchenschrank, zweiter Fach von oben, neben den Kaffeefiltern.

Was mich am meisten überrascht hat: Sie hat mir letztes Jahr im Dezember die Tüte aus dem Reservereifen zurückgegeben – gewaschen, gefaltet, in einem Geschenkpapier. Dazu eine Karte, drei Sätze lang, in denen stand, dass sie mir nie verzeihen wollte, dass ich sie bloßgestellt hatte, und dass sie heute jeden Tag froh ist, dass einer in der Familie den Mund aufgemacht hat, obwohl es nicht seine Aufgabe war. Die Tüte liegt jetzt bei uns im Keller, im Regal mit den alten Fotoalben. Ich hab sie nie weggeworfen.

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