**Neue Schuhe in Brigittes Karton**
Brigitte zählt immer nach. Das ist ihr Tick, seit sie dreißig Jahre lang Kontoführerin bei der Sparkasse in Münster war, bis sie in Rente ging. Jetzt zählt sie Umzugskartons.
„Achtzehn", sagt sie zu Katja, ihrer Schwiegertochter, und deutet auf den Stapel im Flur. „Alle deine?"
Katja steht mit dem Baby auf der Hüfte da, Mia, acht Monate alt, die gerade beschlossen hat, an Brigittes Ohrring zu ziehen. „Das sind hauptsächlich Lukas' Sachen. Bücher vom Masterstudium."
„Ach." Brigitte verstummt. Sie hat eine Art, „ach" zu sagen, die viel aussagt.
Sie ziehen um – von Münster nach Hamm, weil dort die Miete normal ist und nicht zwölfhundert Euro für drei Zimmer, wie man sie ihnen an der Warendorfer Straße abverlangt hat. Lukas, ihr Sohn, arbeitet in der IT, aber nicht bei einem der großen Namen, sondern bei einem kleineren Betrieb, und was er verdient, deckt gerade so ab, dass Katja seit Mias Geburt in Elternzeit ist.
Brigitte ist gekommen, um „beim Packen zu helfen". Das hat sie am Telefon gesagt. Tatsächlich wandert sie zwischen den Kartons umher wie eine Zollbeamtin, öffnet sie einen nach dem anderen, prüft den Inhalt.
Im fünfzehnten Karton findet sie sie. Kinderschuhe, weiß, kaum getragen. Der Preis klebt noch auf der Sohle – neunundsechzig Euro.
„Katja." Ihre Stimme verändert sich. „Weißt du, was das kostet?"
Katja antwortet nicht sofort. Sie setzt Mia auf den Teppich, gibt ihr den bunten Beißring, den sie so gern kaut.
„Das ist ein Geschenk von meiner Mutter."
„Geschenk." Brigitte hält den Schuh, als sei er ein Beweisstück vor Gericht. „Schuhe für ein achtmonatiges Baby, das noch nicht läuft, für neunundsechzig Euro. Ich habe Lukas auf dem Flohmarkt am Hafen Schuhe für zwölf Euro gekauft, und dem ging es auch gut."
„Das ist nicht dasselbe, Brigitte."
„Warum ist das nicht dasselbe?"
Und Katja, die sonst schweigt, die sonst alles schluckt, schluckt es plötzlich nicht.
„Weil meine Mutter mir nicht vorgeschrieben hat, was ich mit meinem Gehalt mache, als ich zweiundzwanzig war. Du schon."
Es bricht aus ihr heraus wie etwas, das lange dort gelegen hat, in einer Ecke zusammengefaltet, wartend auf den richtigen Karton, der es ans Licht bringt.
Brigitte legt den Schuh zurück in den Karton. Langsam. Sie schaut Katja an, und Katja schaut zurück, ohne nachzugeben.
„Weißt du was", sagt Brigitte, „ich glaube, ich fahre jetzt nach Hause. Ich habe noch was zu erledigen."
Sie nimmt ihre Handtasche vom Stuhl, nicht die Jacke – die lässt sie liegen, als wäre das ein Vorwand zum Wiederkommen. Aber sie kommt nicht wieder. Nicht an diesem Tag, und auch nicht am nächsten.
Lukas ruft abends seine Mutter an. „Katja hat mir erzählt, was passiert ist."
„Sie war frech."
„Sie war ehrlich. Das ist ein Unterschied."
„Du nimmst ihre Seite."
„Ich nehme keine Seite. Ich sage dir, dass ich zweiunddreißig bin und Katja meine Frau ist, und du musst uns nicht die Kartons zählen."
Brigitte schweigt am Telefon zehn lange Sekunden. Auf ihrem Handy, zu Hause in Münster, liegt ein altes Foto von der Hochzeit – Lukas und Katja beim Tanzen, Brigitte am Rand, zuschauend.
„Ich mache mir nur Sorgen um euch."
„Du machst dir auf eine Art Sorgen, die Katja heute Abend in der Küche weinen ließ, ohne dass ich wusste warum, bis sie es mir erzählt hat. Das ist keine Sorge, Mama. Das ist Kontrolle."
***
Zwei Monate vergehen. Die Wohnung in Hamm ist jetzt eingerichtet, Mia steht schon am Sofa und versucht zu laufen, fällt hin, versucht es wieder. Brigitte kommt nicht zu Besuch. Sie schickt eine WhatsApp-Nachricht zu Mias Geburtstag, ohne vorbeizukommen.
Katja, die inzwischen wieder halbtags als Marketingleiterin bei einem kleinen Unternehmen in Dortmund arbeitet, bekommt mittags einen Anruf. Eine unbekannte Nummer.
„Katja? Hier ist Brigitte."
„Hallo."
„Ich… ich würde gerne Mia besuchen kommen. Wenn das in Ordnung ist."
Katja schaut auf die Uhr. Halb drei. Um drei hat sie noch ein Meeting.
„Warum jetzt?"
„Weil ich viel nachgedacht habe. Und ich glaube, ich habe mich geirrt. Nicht wegen der Schuhe – die finde ich immer noch wahnsinnig teuer, das verstehe ich wirklich nicht. Aber damit, dass es mir zustehe, das zu entscheiden. Das steht mir nicht zu. Das ist eure Sache, deine und Lukas'."
Sie sagt nicht „Entschuldigung". Brigitte sagt nie leichthin „Entschuldigung". Aber sie sagt: „Ich möchte lernen, Oma zu sein, nicht Aufsicht zu führen."
Katja schaut zu Mia hinüber, die inzwischen unter dem Tisch herumkrabbelt und versucht, das Stuhlbein zu fassen.
„Komm am Freitag. Zum Abendessen. Bring die Schuhe mit, die du Lukas damals auf dem Flohmarkt gekauft hast – Mia ist inzwischen groß genug für ihre Größe."
Brigitte lacht am Telefon, ein kleines Lachen, ein wenig überrascht von sich selbst.
Am Freitag kommt sie mit einer Tüte vom Wochenmarkt an, kleine braune Schuhe, vierzehn Euro im Angebot. Mia betrachtet sie, versucht, einen zu greifen und hineinzubeißen. Brigitte setzt sich auf den Teppich – nicht aufs Sofa, auf den Teppich, neben ihre Enkelin, und verliert den ganzen Abend kein Wort über den Preis von irgendetwas.
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