Ich heiße Jonas Brandt, bin vierunddreißig und betreibe seit sechs Jahren einen kleinen Baustoffhandel am Stadtrand von Dortmund, gleich hinter dem Gewerbegebiet an der Rheinischen Straße, wo nachts die Lkw der Spedition nebenan rangieren und man den Diesel noch durchs Lagertor riecht. Zementsäcke, Fliesenkleber, Estrich – alles, was die Handwerker aus dem Ruhrgebiet brauchen, wenn sie morgens um sechs schon auf der Baustelle stehen wollen.
Seit drei Wochen suche ich einen Lagerhelfer für die Auslieferung. Zwanzig Euro die Stunde, Bar auf die Hand am Freitag, zwölf bis dreizehn Adressen am Tag, zweihundert Säcke, manchmal zweihundertfünfzig, dafür gibt's dann zehn bis fünfzehn Euro extra. Ich dachte, das Angebot reißt mir die Bude ein. Stattdessen habe ich in drei Wochen vier Leute verschlissen. Keiner hält länger als zwei, drei Tage durch.
Der Erste war Dejan, ein Serbe, kräftig wie ein Kleiderschrank, hat beim Bau in Essen gearbeitet. Montag kam er, hat die Säcke geschultert wie Kartoffelsäcke, am Mittwoch war er weg. Hat nur eine SMS geschrieben: „Tut mir leid, Chef, das ist nichts für mich." Keine Erklärung. Ich dachte noch, vielleicht hat er was Besseres gefunden, vielleicht zahlt wer anders mehr.
Dann kam Pawel. Polnischer Staplerfahrerschein, Mitte zwanzig, durchtrainiert. Der hat es bis Donnerstag geschafft. Am Freitagmorgen stand er nicht vor dem Tor. Ich hab angerufen, er ist nicht rangegangen. Erst zwei Stunden später eine Nachricht: „Sorry Jonas, das war zu viel."
Was soll an zweihundert Säcken zu viel sein? Ich selbst habe die Tour vorher ein Jahr lang allein gefahren, bevor der Laden so gewachsen ist, dass ich mich aufs Büro und die Bestellungen konzentrieren musste. Klar, am Abend taten mir die Schultern weh. Aber „zu viel"? Das hat mich beschäftigt, auch nachts, wenn ich im Lager noch die Lieferscheine sortiert habe und die Leuchtstoffröhre über der Rampe wie immer nur auf halber Flamme flackerte, weil ich das defekte Vorschaltgerät immer noch nicht ausgetauscht hatte.
Dritter Kandidat: ein Student aus Bochum, Felix, wollte sich was dazuverdienen fürs Semester. Der hat nicht mal den ersten Tag zu Ende gebracht. Mittags, nach der vierten Adresse, hat er die Handschuhe auf den Beifahrersitz geworfen und gesagt, er müsse dringend heim, ihm sei schlecht. Ich hab ihn trotzdem bezahlt, für die halbe Tour, war ja nicht seine Schuld, dass ich ihn nicht gewarnt hatte – wovor eigentlich, wusste ich zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht genau.
Nummer vier war Herr Ateş, ein Mann um die fünfzig, hatte früher bei der Spedition am Flughafen Dortmund gearbeitet, kannte sich mit Rücken und Hebetechnik aus wie kaum einer. Der hat zwei Tage geschafft. Am dritten Morgen stand er im Hof, Kaffeebecher in der Hand, und hat mir ruhig gesagt: „Jonas, ich sag's dir offen, damit du's für den Nächsten weißt. Es liegt nicht an den Säcken."
Ich hab ihn gefragt, woran dann.
Er hat auf meinen Lieferplan gezeigt, den ich an die Pinnwand im Büro geheftet hatte, zwölf Kreuzchen, zwölf Adressen quer durch Dortmund und bis raus nach Lünen und Kamen. „Du rechnest zwanzig Minuten pro Stopp. Entladen, hochtragen, Lieferschein unterschreiben lassen. Bei dir im Kopf geht das auf dem Papier auf. In der Praxis stehst du bei jeder dritten Baustelle vor einem Aufzug, der seit zwei Wochen kaputt ist, und trägst fünfzig Kilo über vier Stockwerke, weil der Bauleiter dir erst vor Ort sagt, dass der Lift nicht geht."
Das wusste ich. Ehrlich gesagt hatte ich es verdrängt. Weil ich die Tour vor zwei Jahren selbst gefahren bin, als der Hof noch kleiner war und ich nur sechs, sieben Stopps hatte, alle in der Nähe, fast alle ebenerdig. Seitdem ist der Kundenstamm gewachsen, die Strecke länger geworden, die Häuser höher – und ich bin nicht mehr mitgefahren, um das selbst zu merken.
Er hat noch mehr gesagt, und das hat mich wirklich getroffen: „Du zahlst zwanzig Euro die Stunde, das ist ordentlich Geld, keine Frage. Aber du rechnest mit acht Stunden, und daraus werden zehn, manchmal elf, weil die Wege zwischen den Baustellen bei dir im Plan mit zehn Minuten stehen, in echt sind's zwanzig, wegen der Baustellenampeln an der B1. Am Ende kommt einer nach Hause, hat die Hände so aufgerissen, dass er den Löffel beim Essen kaum halten kann, und hat umgerechnet vielleicht siebzehn Euro die Stunde verdient. Das merkt jeder erst am zweiten, dritten Tag, wenn der Körper die Rechnung aufmacht, die der Kopf vorher nicht gemacht hat."
Ich hab ihm nicht widersprochen. Ich wollte es erst, aber dann hab ich die Blasen an meinen eigenen Handflächen gesehen, von damals, die Narben sind noch da, kleine weiße Stellen am Handballen. Ich hatte sie einfach vergessen.
Am Nachmittag bin ich selbst mitgefahren, zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder auf Tour, mit Herrn Ateş zusammen, der freundlicherweise noch den letzten Tag durchgezogen hat, aus Anstand, wie er sagte, nicht wegen des Geldes. Wir sind nach Kamen gefahren, zu einem Rohbau an der Werner Straße, dritter Stock, Aufzug tatsächlich außer Betrieb, ein handgeschriebener Zettel klebte dran: „Defekt, Techniker kommt Dienstag." Fünfzig Zementsäcke, à fünfundzwanzig Kilo, vier Etagen, kein Geländer im Treppenhaus, nur grobe Bretter als Stufen. Nach der zehnten Ladung hat mein Rücken sich gemeldet, wie ein alter Bekannter, den ich lange nicht gesehen hatte.
Unten am Lkw stand der Bauleiter, ein Typ namens Krüger, hat kurz auf die Uhr geschaut und gesagt, wir seien spät dran, er hätte uns schon vor einer Stunde erwartet. Herr Ateş hat nur trocken erwidert: „Dann sagen Sie das nächste Mal dem Chef da, dass der Aufzug kaputt ist, bevor er die Zeit für die Tour plant." Krüger hat nichts mehr gesagt, ist in seinen Bauwagen verschwunden.
Auf der Rückfahrt, im Stau an der Anschlussstelle Dortmund-Ost, hinter einer Kolonne von Betonmischern, die ewig nicht vorwärtskam, hab ich Herrn Ateş gefragt, was ich ändern müsste, damit überhaupt noch jemand bleibt.
Er hat geantwortet, ohne zu zögern, als hätte er das schon lange vorbereitet: „Erstens: realistische Zeiten, nicht die aus deinem Wunschdenken. Zweitens: wer zwei defekte Aufzüge am Tag erwischt, kriegt das extra ausgezahlt, nicht erst nachträglich verhandelt. Drittens – und das ist das Wichtigste – du fährst einmal im Monat selbst mit. Nicht als Kontrolle. Damit du weißt, wovon du redest, wenn du den nächsten Mann einstellst."
Ich hab ihm am Ende der Woche ein neues Angebot gemacht: fester Stundenlohn von dreiundzwanzig Euro, dazu eine Pauschale von fünfzehn Euro für jede Lieferung mit kaputtem Aufzug oder ohne Parkmöglichkeit direkt vorm Haus, und – das war sein eigener Vorschlag – eine Vier-Tage-Woche statt fünf, damit der Rücken sich erholen kann. Er hat zugesagt. Arbeitet seit sechs Wochen bei mir, hat inzwischen selbst einen Kumpel mitgebracht, einen gewissen Herrn Özkan, der die zweite Tour fährt.
Letzte Woche saß ich abends im Büro, die Zahlen vom Monat vor mir auf dem Bildschirm, Umsatz runter um elf Prozent, weil ich die Preise für die Lieferung anheben musste, um die Pauschalen zu decken. Meine Frau hat gefragt, ob sich das lohnt. Ich hab ihr die Kündigungen der letzten vier Männer gezeigt, die ich aus Prinzip alle noch digital abgespeichert hatte, und dann die Unterschrift von Herrn Ateş unter dem neuen Vertrag, und gesagt: Ja. Lohnt sich.
Den alten Lieferplan von der Pinnwand hab ich runtergenommen und in den Aktenordner mit den Rechnungen vom letzten Jahr gesteckt, ganz unten, zusammen mit der Quittung für das Vorschaltgerät, das ich endlich austauschen ließ. Die Rampe ist jetzt hell. Man sieht, wer morgens wirklich mit angepackten Ärmeln rauskommt, und wer nach zwei Tagen gar nicht mehr erscheint.
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