Ein Platz, der niemand anderem gehört

Ein Platz, der niemand anderem gehört
Als meine Mutter an jenem Sonntagnachmittag die kleine Schachtel mit den Katzenfotos auf dem Küchentisch entdeckte, verzog sie das Gesicht. Ich hatte gerade Kaffee gekocht, während mein vierjähriger Sohn Emil im Wohnzimmer mit seinen Bauklötzen spielte.

— Miriam, du kannst doch nicht ewig um dieses Tier trauern. Vier Monate sind vergangen, und du verhältst dich noch immer, als wäre jemand gestorben.

Ich stellte die Kaffeekanne ab, ohne ihr zu antworten, denn meine Mutter hatte nie verstanden, weshalb mir ein Kater so viel bedeuten konnte. Für sie waren Tiere eine zusätzliche Belastung, während ich schon als kleines Mädchen davon geträumt hatte, irgendwann ein Zuhause mit einer Katze zu teilen.

Erst mit dreißig hatte ich mir diesen Wunsch erfüllt, nachdem meine Ehe mit Stefan zerbrochen war. Mein Mann hatte mich monatelang belogen und sich mit einer anderen Frau getroffen, während ich unseren kleinen Sohn versorgte und vergeblich darauf wartete, dass er wieder Zeit für uns fand.

Meine Mutter hatte damals verlangt, ich solle ihm verzeihen, weil ein Kind schließlich einen Vater brauche. Dass Stefan seinen Sohn kaum beachtete, schien sie weniger zu stören als die Vorstellung einer geschiedenen Tochter.

Wenige Wochen nach seinem Auszug holte ich einen grau getigerten Kater aus einem Tierheim bei Hannover. Ich nannte ihn Fiete, und schon am ersten Abend schlief er neben Emils Bett, als hätte er verstanden, dass wir beide jemanden brauchten, der blieb.

Fiete wurde unser kleiner Schatten, der morgens meine Hausschuhe durch den Flur schob und sich abends schnurrend auf meinen Schoß legte. Wenn Emil weinte, setzte er sich neben ihn, bis mein Sohn wieder lachte.

Dann kam jener Septembermorgen, an dem meine Mutter mit zwei schweren Einkaufstaschen vor der Tür stand. Während ich Emil im Badezimmer die Hände wusch, ließ sie die Wohnungstür einen Spalt offen, und Fiete verschwand unbemerkt ins Treppenhaus.

Wir suchten ihn überall, hängten Zettel in Geschäften auf und fragten sogar bei den Tierarztpraxen der Umgebung nach. Meine Freundin Kathrin half mir an den Wochenenden, doch mit jeder erfolglosen Suche wurde die Angst größer, dass Fiete vielleicht nie zurückkommen würde.

— Du hast schließlich noch deinen Sohn, sagte meine Mutter eines Tages. — Kauf ihm ein Stofftier, und hör endlich auf, dich deswegen fertigzumachen.

Ich wollte ihr erklären, dass Liebe nicht weniger wird, nur weil man noch jemanden anderen liebt. Aber ich wusste, dass sie auch diesmal nicht zuhören würde.

An diesem Sonntagnachmittag nahm sie eines der Fotos aus meiner Hand und betrachtete es kopfschüttelnd. Dann legte sie es mit einer solchen Gleichgültigkeit zurück, dass mir die Tränen in die Augen stiegen.

— Wenn du unbedingt eine Katze brauchst, besorg dir eine neue. Die sehen doch sowieso alle ähnlich aus, und Emil merkt den Unterschied bestimmt nicht.

Gerade als ich antworten wollte, klingelte mein Telefon, und auf dem Display erschien Kathrins Name. Ich nahm ab, während meine Mutter ungeduldig auf ihre Uhr schaute.

— Miriam, ich habe einen völlig verwahrlosten Kater gefunden, flüsterte Kathrin aufgeregt. — Er sitzt in meiner Transportbox, ist furchtbar abgemagert und hat ein verletztes Ohr. Kannst du ihn wenigstens vorübergehend aufnehmen?

Noch bevor ich etwas sagen konnte, beugte sich meine Mutter über den Tisch und sah mich streng an.

— Du wirst doch wohl nicht wieder irgendein fremdes Tier ins Haus holen! Wenn du das tust, brauchst du dich über meine Hilfe mit Emil nicht mehr zu freuen!

Ich hielt das Telefon noch immer am Ohr, während meine Mutter mich mit verschränkten Armen ansah. Aus dem Wohnzimmer hörte ich Emil lachen, und plötzlich erinnerte ich mich daran, wie Fiete früher bei jedem Geräusch meines Sohnes neugierig den Kopf gehoben hatte.

— Kathrin, bring den Kater bitte her, sagte ich schließlich. — Wenn er verletzt ist, braucht er jemanden, der sich um ihn kümmert, und wir werden schon eine Lösung finden.

Meine Mutter schob ihren Stuhl so heftig zurück, dass die Kaffeetasse auf dem Tisch klirrte. Sie begann wieder davon zu sprechen, wie schwierig mein Leben ohnehin sei, doch diesmal ließ ich sie nicht ausreden.

— Mama, ich bin dir dankbar, wenn du mir mit Emil hilfst, aber du kannst nicht jedes Mal damit drohen, sobald ich etwas anders mache, als du es möchtest. Und wenn dieser Kater niemanden hat, werde ich ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen.

Eine halbe Stunde später stand Kathrin mit einer Transportbox vor meiner Wohnungstür. Darin kauerte ein schmutziges, erschreckend dünnes Tier, dessen Fell stellenweise verklebt war und dessen Augen mich aus dem Halbdunkel aufmerksam beobachteten.

— Ich habe ihn hinter einer alten Bäckerei entdeckt, erzählte Kathrin leise. — Eine Frau sagte, er würde dort schon seit Tagen herumstreunen und sich kaum noch an Menschen herantrauen.

Ich stellte die Box im Badezimmer ab und öffnete vorsichtig die Klappe, während Kathrin frisches Wasser holte. Der Kater zögerte zunächst, doch als ich meine Hand ausstreckte, begann er plötzlich so laut zu schnurren, dass ich überrascht innehielt.

— Na, mein Kleiner, was hast du denn alles durchgemacht?, flüsterte ich und strich über seinen schmalen Rücken. — Jetzt bekommst du erst einmal etwas zu essen, und morgen lassen wir dich untersuchen.

Doch anstatt zum Futternapf zu gehen, stellte sich der Kater auf die Hinterbeine und legte beide Vorderpfoten an meine Brust. Dann drückte er seinen Kopf unter mein Kinn, ganz genauso, wie Fiete es früher jeden Abend getan hatte.

Mein Herz begann schneller zu schlagen, aber ich wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Schließlich gab es viele getigerte Katzen, und die Hoffnung hatte mir in den vergangenen Monaten schon oft einen grausamen Streich gespielt.

Als ich das verklebte Fell mit einem feuchten Tuch vorsichtig reinigte, entdeckte ich unter seinem Kinn einen kleinen weißen Fleck. Ich kannte diese ungewöhnliche Zeichnung, denn Emil hatte sie immer scherzhaft Fietes Milchbart genannt.

— Kathrin, komm bitte einmal her, brachte ich mühsam hervor. — Schau dir diesen Fleck an, und sag mir, ob ich mir das nur einbilde.

Meine Freundin kniete sich neben mich, während der Kater erneut versuchte, auf meinen Schoß zu klettern. Als ich schließlich seinen Namen aussprach, hob er sofort den Kopf und antwortete mit jenem eigentümlich heiseren Miauen, das ich unter Hunderten erkannt hätte.

— Fiete? Mein Gott, Fiete, bist du das wirklich?

Ich begann zu weinen, noch bevor Kathrin etwas sagen konnte, und hielt den abgemagerten Kater vorsichtig an mich gedrückt. Am nächsten Morgen bestätigte die Tierärztin anhand seines registrierten Mikrochips, was mein Herz längst wusste: Unser Fiete war nach vier Monaten wieder zu Hause.

Als Emil ihn sah, setzte er sich zunächst sprachlos auf den Teppich, bevor er seine kleinen Arme ausbreitete. Fiete ging langsam zu ihm, ließ sich streicheln und rollte sich schließlich neben seinen Beinen zusammen, als wäre er nur einen Nachmittag fort gewesen.

Meine Mutter kam zwei Tage später vorbei und blieb lange in der Wohnzimmertür stehen, während Emil ihr begeistert erzählte, dass sein Freund wieder da sei. Sie betrachtete den Kater, der friedlich auf seiner alten Decke schlief, und strich sich verlegen über die Hände.

— Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass er noch lebt, sagte sie schließlich. — Und schon gar nicht, dass ausgerechnet deine Freundin ihn findet.

Ich erwartete eine weitere Bemerkung darüber, wie viel Geld und Mühe uns das Tier kosten würde, doch meine Mutter schwieg. Stattdessen fragte sie vorsichtig, ob Fiete nach seiner langen Zeit draußen überhaupt wieder richtig fressen könne.

Eine Woche später brachte sie eine kleine Tüte mit seinem gewohnten Katzenfutter mit, das sie eigens in einem Geschäft auf der anderen Seite der Stadt besorgt hatte. Als Emil sich darüber freute, lächelte sie unsicher und stellte die Tüte neben den Napf.

Am Abend saß ich mit meinem Sohn auf dem Sofa, während Fiete zwischen uns schlief und seine Pfote auf Emils Hand ruhte. Ich betrachtete die beiden und dachte daran, wie oft man mir gesagt hatte, ich müsse endlich loslassen und vergessen.

Vielleicht hatte meine Mutter an diesem Tag zum ersten Mal verstanden, dass ein geliebtes Wesen nicht einfach ersetzt werden kann. Und ich wusste, dass ich Fiete auch dann weitergeliebt hätte, wenn Kathrin ihn niemals gefunden hätte.

Denn manche Plätze in unserem Herzen bleiben für immer besetzt, selbst wenn diejenigen, denen sie gehören, längst nicht mehr bei uns sind. Und manchmal geschieht das beinahe Unglaubliche, und jemand, auf den wir schon nicht mehr zu hoffen wagten, findet doch noch den Weg nach Hause.

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