Mein Kollege nimmt mich jeden Morgen mit zur Arbeit. Sollte ich mich an den Spritkosten beteiligen?
Seit einigen Monaten beginnt mein Arbeitstag nicht mehr an der Bushaltestelle, sondern auf dem Beifahrersitz im Auto eines Kollegen. Wir wohnen nur ein paar Straßen voneinander entfernt und arbeiten im selben Büro. Für ihn bedeutet es kaum einen Umweg, mich morgens einzusammeln.
Angefangen hat alles an einem regnerischen Montag. Ich kam völlig durchnässt zur Arbeit, weil mein Bus wieder einmal Verspätung hatte. Mein Kollege Thomas bekam das mit und meinte ganz selbstverständlich:
— Warum quälst du dich eigentlich jeden Morgen mit dem Bus? Ich fahre doch sowieso bei dir vorbei. Komm einfach mit!
Zunächst wollte ich sein Angebot nicht ständig annehmen. Ich hatte Sorge, ihm zur Last zu fallen. Doch Thomas versicherte mir mehrmals, dass es ihm überhaupt nichts ausmache.
Aus gelegentlichen gemeinsamen Fahrten wurde irgendwann eine feste Gewohnheit.
Heute stehe ich jeden Morgen pünktlich vor dem Haus. Thomas hält kurz an, ich steige ein, und zwanzig Minuten später sind wir im Büro.
Manchmal unterhalten wir uns über unsere Familien, manchmal ärgern wir uns gemeinsam über die Nachrichten im Radio. An anderen Tagen genießen wir einfach die Ruhe.
Es ist eine angenehme Routine geworden. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber.
Doch letzte Woche brachte mich ein Gespräch mit meiner Nachbarin zum Nachdenken.
Als ich ihr erzählte, wie unkompliziert ich inzwischen zur Arbeit komme, fragte sie plötzlich:
— Und was gibst du ihm dafür?
— Wie meinst du das?
— Na, für das Benzin! Du wirst ihm doch etwas bezahlen?
Ich musste zugeben, dass ich ihm bisher keinen einzigen Euro gegeben hatte.
Meine Nachbarin sah mich erstaunt an.
— Er fährt dich fünfmal die Woche! Findest du nicht, dass du dich wenigstens an den Kosten beteiligen solltest?
Seit diesem Gespräch habe ich ein schlechtes Gewissen.
Bisher hatte ich unsere Fahrgemeinschaft als nette Geste unter Kollegen betrachtet. Schließlich fährt Thomas ohnehin jeden Morgen ins Büro. Er muss nicht früher aufstehen, um mich abzuholen, und seine Strecke verlängert sich nur um wenige Minuten.
Aber bedeutet das automatisch, dass seine Hilfe nichts wert ist?
Ein Auto kostet schließlich Geld. Benzin, Reifen, Wartung und Reparaturen bezahlen sich nicht von allein. Während ich Monat für Monat meine Fahrkarten spare, übernimmt Thomas sämtliche Kosten.
Und auch wenn er mich nie um Geld gebeten hat, heißt das nicht unbedingt, dass er sich über ein Angebot nicht freuen würde.
Ich habe sogar schon überlegt, ihm jeden Monat einen festen Betrag zu überweisen.
Dann kam mir allerdings ein anderer Gedanke: Was, wenn er sich dadurch beleidigt fühlt?
Vielleicht sieht er unsere gemeinsamen Fahrten als freundschaftliche Selbstverständlichkeit. Vielleicht würde er denken, ich wolle seine Hilfsbereitschaft mit ein paar Euro abgelten.
Andererseits möchte ich auch nicht die Kollegin sein, die jeden Morgen selbstverständlich ins Auto steigt und irgendwann nicht einmal mehr Danke sagt.
Natürlich könnte ich ihn gelegentlich zum Kaffee einladen, ihm etwas vom Bäcker mitbringen oder mich revanchieren, wenn er einmal Unterstützung braucht.
Doch reicht das wirklich aus, wenn jemand mich praktisch das ganze Jahr über zur Arbeit fährt?
Ich glaube inzwischen, dass es weniger um die genaue Summe geht als um die Haltung dahinter.
Niemand sollte das Gefühl bekommen, dass seine Freundlichkeit ausgenutzt wird.
Deshalb habe ich beschlossen, Thomas ganz offen anzusprechen:
— Du, ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich jeden Morgen mitnimmst. Ich spare dadurch viel Zeit und Geld. Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich mich künftig am Benzin beteilige?
Wenn er das Angebot annimmt, ist die Sache geklärt.
Wenn er ablehnt, werde ich seine Entscheidung respektieren und mich auf andere Weise erkenntlich zeigen.
Und natürlich werde ich niemals erwarten, dass er jederzeit für mich verfügbar ist. Wenn er Urlaub hat, später anfängt oder einfach allein fahren möchte, ist das selbstverständlich sein gutes Recht.
Denn aus einem freundlichen Angebot darf keine stillschweigende Verpflichtung werden.
Trotzdem interessiert mich, wie andere Menschen darüber denken.
Ist es selbstverständlich, dass man sich an den Spritkosten beteiligt, wenn ein Kollege einen regelmäßig mitnimmt? Oder macht man eine nette Geste dadurch unnötig kompliziert?
Würdet ihr von einem Kollegen Geld nehmen, wenn ihr ihn ohnehin auf eurem Arbeitsweg mitnehmen könntet?




