Die fremde Frau am Grab meines Sohnes

Die fremde Frau am Grab meines Sohnes

Als ich die fremde Frau mit den Blumen meines Sohnes in der Hand sah, war ich so wütend, dass ich kaum sprechen konnte. Ich hatte die gelben Sonnenblumen erst am Vortag auf sein Grab gestellt, und nun wollte jemand ausgerechnet dieses kleine Stück Erinnerung mitnehmen.

Mein Sohn Florian wäre am Dienstag sechsunddreißig geworden. Seit seinem tödlichen Verkehrsunfall im vergangenen Frühjahr hatte ich keinen einzigen Morgen erlebt, an dem ich nicht wenigstens für einen Augenblick vergessen hatte, dass er nie wieder durch meine Küchentür kommen würde.

Früher brachte er mir zum Geburtstag immer Sonnenblumen mit, obwohl er wusste, dass ich lieber Rosen mochte. Er behauptete lachend, Rosen seien viel zu vornehm für unsere gemütliche Küche, während Sonnenblumen selbst an einem verregneten Novembertag ein bisschen Sommer ins Haus holten.

Am Morgen nach seinem Geburtstag fuhr ich noch einmal zum Friedhof in der Nähe von Kassel, weil ich eine kleine Laterne vergessen hatte. Schon vom Kiesweg aus bemerkte ich eine ältere Frau, die zwischen den Grabsteinen umherging und Blumen in einen abgenutzten Einkaufskorb legte.

Zunächst hielt ich sie für eine Friedhofsmitarbeiterin, doch dann sah ich, wie sie sich über Florians Grab beugte. Sie nahm zwei Sonnenblumen aus der Vase, strich vorsichtig über deren Blütenblätter und wickelte die Stiele in ein feuchtes Tuch.

— Was machen Sie denn da? Diese Blumen gehören meinem Sohn!

Die Frau fuhr erschrocken zusammen, und beinahe wäre ihr der Korb aus den Händen gefallen. Als ich näher kam, bemerkte ich darin Rosen, Nelken und mehrere sorgfältig zusammengebundene Sträuße, die offensichtlich von verschiedenen Gräbern stammten.

— Bitte entschuldigen Sie mich, ich wollte niemandem wehtun, sagte sie mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern war.

— Sie nehmen Blumen von den Gräbern fremder Menschen und glauben, eine Entschuldigung reicht aus? Mein Junge liegt hier seit acht Monaten, und diese Sonnenblumen habe ich ihm zu seinem Geburtstag gebracht!

Meine Hände zitterten, während ich die Blumen zurückforderte, und plötzlich liefen mir Tränen über die Wangen. Die Fremde reichte sie mir sofort, doch anstatt sich zu verteidigen, betrachtete sie lange den Namen auf dem Grabstein.

— Florian Berger, sagte sie schließlich leise. — Ich weiß, wer Ihr Sohn war.

Mir wurde unangenehm kalt, obwohl die Novemberluft an diesem Vormittag ungewöhnlich mild war. Ich hatte diese Frau noch nie gesehen, und trotzdem sprach sie seinen Namen mit einer Vertrautheit aus, die mich zutiefst erschreckte.

— Woher kennen Sie meinen Sohn?, fragte ich und umklammerte die Sonnenblumen so fest, dass ein Stiel zerbrach.

Sie öffnete ihren Korb und zog einen kleinen Umschlag hervor, auf dem in sorgfältiger Handschrift mein Familienname stand. Dann sah sie mich mit geröteten Augen an und sagte etwas, das mich völlig aus der Fassung brachte.

— Ich bewahre schon seit Monaten etwas von Ihrem Florian auf, Frau Berger, und eigentlich wollte ich warten, bis ich den Mut finde, es Ihnen zu geben. Aber nachdem Sie mich heute erwischt haben, muss ich Ihnen endlich zeigen, was ich mit seinen Blumen gemacht habe.

Ich starrte die Frau an, während sie den Umschlag wieder behutsam in ihren Korb legte. Der Gedanke, dass eine Unbekannte heimlich Dinge von Florians Grab mitgenommen hatte, machte mich wütend, doch gleichzeitig wollte ich unbedingt wissen, was sie vor mir verbarg.

— Mein Name ist Marianne Vogt, erklärte sie schließlich. — Ich wohne gleich hinter der Friedhofsmauer, und wenn Sie mir zwanzig Minuten schenken, werden Sie verstehen, warum ich diese Blumen mitnehme.

Widerwillig folgte ich ihr zu einem kleinen Backsteinhaus, dessen Garten voller leerer Blumentöpfe stand. In einem hellen Zimmer öffnete Marianne einen Schrank, und was ich darin entdeckte, ließ mich sprachlos werden.

Auf mehreren Regalen standen wunderschöne Bilderrahmen mit getrockneten Blumen, die unter einer glasklaren Schicht aus Kunstharz für immer bewahrt waren. Neben jedem Rahmen lag ein Zettel mit einem Namen, einem Datum und manchmal wenigen liebevollen Worten.

— Mein Sohn Matthias ist vor drei Jahren gestorben, begann Marianne mit zitternder Stimme. — Als seine Geburtstagsblumen eines Tages im Abfallcontainer landeten, habe ich stundenlang geweint, weil ich das Gefühl hatte, auch das letzte Geschenk an ihn verloren zu haben.

Damals hatte sie begonnen, einzelne Blüten zu trocknen und in kleine Erinnerungsstücke zu verwandeln. Später bemerkte sie, wie viele liebevoll niedergelegte Blumen auf dem Friedhof verwelkten, und begann, einige davon heimlich mitzunehmen, obwohl sie inzwischen selbst wusste, dass sie vorher hätte fragen müssen.

— Ich wollte den Angehörigen etwas zurückgeben, das nicht nach wenigen Tagen vergeht, erklärte sie. — Aber ich habe mich geschämt, fremde Menschen anzusprechen, und deshalb einen großen Fehler gemacht.

Dann nahm sie einen schlichten Holzrahmen aus dem untersten Fach. Darin leuchtete eine einzelne Sonnenblume, deren Blütenblätter so sorgfältig erhalten waren, als hätte jemand einen warmen Sommertag darin eingeschlossen.

Unter dem Glas stand Florians Name, und daneben lag ein Brief, den Marianne für mich geschrieben hatte. Sie erklärte darin, dass sie mich oft am Grab gesehen hatte und hoffte, mir eines Tages ein kleines Stück meiner Erinnerungen zurückgeben zu können.

Ich musste mich auf einen Stuhl setzen, weil meine Knie plötzlich nachgaben. Vor mir lag eine Sonnenblume, die ich Florian Wochen zuvor gebracht hatte, und zum ersten Mal seit seinem Tod konnte ich sie ansehen, ohne ausschließlich an den Friedhof zu denken.

— Er hat mir immer solche Blumen mitgebracht, erzählte ich unter Tränen. — Selbst als er kaum Geld hatte, stand er mit einem Strauß vor meiner Tür und behauptete, meine Küche brauche dringend etwas Sonnenschein.

Marianne setzte sich schweigend neben mich und legte ihre Hand auf meine. Wir saßen lange beieinander, zwei Mütter, die ihre Söhne nicht mehr umarmen konnten und trotzdem verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, ihnen weiterhin Liebe zu schenken.

Schließlich bat ich sie, künftig keine Blumen mehr ohne Erlaubnis mitzunehmen, und versprach, ihr beim Gespräch mit anderen Angehörigen zu helfen. Marianne nickte erleichtert und schenkte mir den Rahmen mit Florians Sonnenblume.

Zu Hause stellte ich ihn auf die Fensterbank neben seinem alten Lieblingsbecher, den ich seit Monaten nicht wegzuräumen wagte. Als die Nachmittagssonne durch das Glas fiel, leuchteten die gelben Blüten so warm, dass ich unwillkürlich lächelte.

Ich strich mit den Fingerspitzen über den Holzrahmen und flüsterte, dass seine Blumen nun endlich einen Platz gefunden hätten, an dem sie bleiben durften. Und obwohl mein Sohn niemals wieder nach Hause kommen würde, hatte ich zum ersten Mal seit acht Monaten das Gefühl, dass neben meiner Trauer auch wieder etwas anderes wohnen konnte: eine stille, dankbare Liebe, die nicht verwelkte.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

20 − sixteen =

Die fremde Frau am Grab meines Sohnes