Der Zinseszins, der zwei Brüder trennte

Als Opa Hennings Uhrmacherwerkstatt in der Münchner Au einging, blieb nicht viel übrig außer einer alten Werkbank, ein paar Kundenlisten und zwölftausend Euro auf einem Sparbuch. Die beiden Söhne, Jonas und Felix Henning, standen sich am Küchentisch gegenüber, und zwischen ihnen lag ein Umschlag mit der Aufteilung.

Jonas, zweiundzwanzig, hatte gerade seine Ausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen. Er nahm seinen Anteil, sechstausend Euro, und tat etwas, was sein Bruder für lächerlich hielt: Er eröffnete ein Depot bei der Comdirect und zahlte von da an jeden Monat dreihundert Euro in einen MSCI-World-ETF ein. Kein Auto, keine Reise nach Mallorca, keine neue PlayStation. Nur dieser eine Dauerauftrag, der am Fünften jeden Monats abging, egal ob Jonas Geburtstag hatte oder die Werkstatt, in der er mittlerweile arbeitete, kurzzeitig schließen musste.

Felix, zwölf Jahre älter, hatte andere Pläne. Er wollte erst mal "ankommen im Leben", wie er es nannte. Er kaufte sich einen gebrauchten BMW 3er, renovierte die Mietwohnung in Schwabing, ging zweimal im Jahr in den Urlaub. Das Geld seines Vaters war nach drei Jahren aufgebraucht. Als Jonas ihm vorschlug, doch auch mit dem Sparen anzufangen, nur hundert Euro im Monat, winkte Felix ab: "Ich hab jetzt andere Prioritäten. Mit dreiunddreißig fängt man nicht an, für die Rente zu sparen, das mach ich mit vierzig."

Die Jahre vergingen, wie sie das eben tun, ohne dass man es merkt, bis man plötzlich die Weihnachtskarten von vor zehn Jahren wiederfindet und sich fragt, wo die Zeit hin ist. Jonas heiratete, bekam zwei Kinder, zog in ein Reihenhaus in Unterhaching. Sein Dauerauftrag lief weiter, dreihundert Euro, jeden Monat, ohne Unterbrechung, auch in den Monaten, in denen der Markt einbrach und sein Depot auf dem Papier zwanzig Prozent im Minus stand. Er schaute nicht mal hin, wenn er ehrlich war. Er hatte Wichtigeres zu tun, Kindergeburtstage, die Werkstatt, die er inzwischen selbst leitete.

Felix dagegen fing mit vierzig tatsächlich an zu sparen, wie er es angekündigt hatte. Er packte hundertfünfzig Euro im Monat in einen Fonds, den ihm sein Bankberater in der Sparkasse am Rosenheimer Platz empfohlen hatte, mit einem Ausgabeaufschlag von fünf Prozent, was er damals gar nicht richtig verstand.

Der Riss zwischen den Brüdern kam nicht wegen des Geldes direkt, sondern wegen etwas anderem, Jahre später, als die Mutter ins Pflegeheim musste und die Kosten geteilt werden sollten. Vierhundertachtzig Euro im Monat extra, zusätzlich zur Rente der Mutter. Felix sagte, er könne nicht, seine Frau hatte gerade die Stunden reduziert, der Leasingvertrag für den neuen Passat lief noch zwei Jahre. Jonas übernahm es allein, ohne groß zu diskutieren, aber etwas blieb zwischen ihnen stehen, eine Rechnung, die nie offen ausgesprochen wurde.

Mit fünfundsechzig saßen beide wieder an einem Tisch, dieses Mal in einem Café am Gärtnerplatz, wegen der Erbschaftsfrage um das Grundstück der Eltern in Rosenheim. Felix hatte seinen Anteil schon gedanklich verplant, eine Anzahlung für eine kleinere Wohnung, weil seine Altersvorsorge, wie er zugab, "knapper ausgefallen ist als gedacht". Er rechnete vor Jonas vor, fast beiläufig, was er an Rente bekommen würde, zusammen mit dem, was in seinem Fonds steckte: etwa hundertzehntausend Euro Gesamtvermögen, nach allem.

Jonas rührte in seinem Kaffee und sagte nichts dazu. Er hatte sein Handy dabei, öffnete die Comdirect-App, drehte den Bildschirm zu seinem Bruder. Vierhundertneunzigtausend Euro. Keine Erbschaft dazugerechnet, kein Lottogewinn, nur dreihundert Euro im Monat, dreiundvierzig Jahre lang, durch Höhen und Tiefen des Marktes hindurch, während der Zinseszins im Hintergrund weiterarbeitete, Jahr für Jahr, ungesehen.

Felix starrte auf die Zahl, rechnete im Kopf nach, verglich sie mit seinem eigenen Kontostand, und für einen Moment sagte keiner der beiden ein Wort. "Das kann nicht sein, wir haben doch fast das Gleiche eingezahlt, über die Jahre", murmelte er schließlich. "Nein", antwortete Jonas, "du hast später angefangen. Zehn Jahre später. Und genau die hat gefehlt." Er klappte sein Handy zu, legte es neben die Kaffeetasse. "Das Grundstück teilen wir wie im Testament steht, fifty-fifty, daran ändert sich nichts. Aber ich zahl ab jetzt nicht mehr automatisch die halbe Pflege von Mama, wenn du in zwei Jahren wieder knapp bist. Das war einmal, aus Rücksicht. Nicht mehr."

Felix öffnete den Mund, wollte widersprechen, schloss ihn wieder. Draußen vor dem Café bimmelte die Trambahn Richtung Sendlinger Tor, ein Hund bellte irgendwo, ganz normal, als wäre gerade nichts passiert. Aber zwischen den beiden Brüdern lag jetzt eine Zahl auf dem Tisch, die niemand mehr wegdiskutieren konnte, vierhundertneunzigtausend gegen hundertzehntausend, zehn Jahre, die man nicht nachkaufen kann, egal wie viel man später einzahlt.

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