Vierzehn Bewerbungen, eine Antwort

Sophie Brandt saß auf dem Boden ihres Zimmers in Leipzig, den Laptop auf den Knien, und zählte die Absagen in ihrem E-Mail-Postfach. Vierzehn. Die fünfzehnte lag noch unbeantwortet, seit drei Wochen, ein Praktikumsplatz bei einer Marketingagentur, für den sie "mindestens fünf Jahre Berufserfahrung" mitbringen sollte. Sie war 24, hatte ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften mit 1,7 abgeschlossen und arbeitete seit sieben Monaten als Kellnerin im Café an der Ecke, weil das Geld sonst nicht reichte.

Ihr Vater, Dieter, rief jeden Sonntag an. Immer dieselbe Frage, nur anders verpackt: Hast du dich schon mal bei der Sparkasse beworben? Die nehmen doch immer Leute. Er hatte seine Ausbildung zum Bankkaufmann 1987 gemacht, war bei derselben Filiale in Chemnitz geblieben, bis er vor zwei Jahren in Rente ging. Für ihn war das normal: Schule, Ausbildung, ein Job, eine Wohnung mit 28, irgendwann ein Reihenhaus. Er verstand nicht, warum seine Tochter mit einem Hochschulabschluss Milchkaffee servierte und trotzdem jeden Monat ihre Eltern um 200 Euro bitten musste, um die Miete für ihr WG-Zimmer zu zahlen.

"Du musst einfach mal zupacken", sagte er am Telefon, während im Hintergrund die Kaffeemaschine zischte. "Wir hatten auch nicht alles geschenkt."

Sophie presste die Fingernägel in die Armlehne des Sofas. Sie wollte ihm erklären, dass ihr BAföG-Studienkredit bei 19.000 Euro stand, dass eine Zweizimmerwohnung in Leipzig inzwischen 850 Euro kostete, dass die Stellenanzeigen für "Junior"-Positionen plötzlich drei Jahre Erfahrung in Projektmanagement-Software verlangten, die es vor drei Jahren noch gar nicht gab. Aber sie sagte nichts davon. Sie hatte es schon zu oft gesagt.

Ihre beste Freundin Elif, die in derselben WG wohnte, hatte Informatik studiert — eigentlich das Fach, von dem alle sagten, da sei man sicher. Vor einem Jahr noch hatte sie einen Junior-Entwicklerjob bei einem Softwarehaus in Berlin, 3.400 Euro brutto, ein Einstieg, mit dem sie zufrieden war. Im September wurde ihr Team auf vier Leute zusammengestrichen. Der Projektleiter hatte es offen gesagt, bei einem letzten Teammeeting über Zoom: Ein KI-Tool übernehme jetzt den Großteil der Code-Reviews und der einfachen Bugfixes, für die Elif eingestellt worden war. Sie bekam eine Abfindung von zwei Monatsgehältern und einen höflichen Dank.

Seitdem saß Elif abends am Küchentisch der WG und schickte Bewerbungen raus wie am Fließband, während Sophie am Herd stand und Nudeln kochte, weil das am billigsten war. Die beiden lachten manchmal bitter darüber, dass ihre Eltern ihnen mit zwanzig gesagt hatten: Studier was Vernünftiges, dann hast du's leicht.

Im November kam ein Brief von der Studienkredit-Bank. Die tilgungsfreie Zeit war vorbei, Sophie sollte ab Januar mit der Rückzahlung beginnen, 180 Euro monatlich. Sie rechnete es sich aus, auf einem Notizzettel, immer wieder: Kellnerjob, 1.100 Euro netto im Monat bei Vollzeit. Miete 430, ihr Anteil. Krankenkasse, falls sie aus der Familienversicherung rausfiel, weil sie bald 25 wurde. Essen. Fahrkarte für die Straßenbahn, 74 Euro im Monat, weil sie sich kein Auto leisten konnte, nicht mal einen Gebrauchtwagen für 3.000 Euro, den ihr Vater mit 22 von seinem ersten Gehalt gekauft hatte.

Es blieb nichts übrig. Nicht für Rücklagen, nicht für einen Umzug in eine eigene Wohnung, erst recht nicht für das, was ihre Eltern "irgendwann mal was Eigenes" nannten. Eine Eigentumswohnung in Leipzig kostete inzwischen das Zwanzigfache eines Jahresgehalts in ihrer Branche. Ihr Vater hatte sein Reihenhaus 1994 für vier Jahresgehälter gekauft.

An einem Samstag im Dezember fuhr Sophie nach Chemnitz, zum Geburtstag ihres Vaters. Am Kaffeetisch, zwischen Streuselkuchen und der Verwandtschaft, fragte ihre Tante Renate beiläufig: "Na, Sophie, wann wird's denn mal was mit einer richtigen Stelle?" Dieter nickte dazu, als wollte er die Frage unterstreichen.

Sophie legte ihre Gabel ab. Sie holte ihr Handy heraus, öffnete die E-Mail-App und zeigte ihrem Vater die lange Liste der Absagen, eine nach der anderen, scrollte durch, ohne ein Wort zu sagen. Dann öffnete sie die App ihrer Studienkredit-Bank, den Kontostand: 18.820 Euro Restschuld. Und schließlich eine Stellenanzeige, die sie am Morgen gefunden hatte: Junior Social-Media-Manager, Vollzeit, 2.100 Euro brutto, gefordert: "mehrjährige Erfahrung im Umgang mit KI-gestützten Redaktionstools."

"Papa", sagte sie, "ich zapacke seit sieben Monaten jeden Tag um sechs Uhr morgens Kaffeebecher. Ich hab mich vierzehnmal beworben, nur in diesem Monat. Und die Stelle, für die ich eigentlich ausgebildet bin, gibt's bald vielleicht gar nicht mehr, weil ein Programm das billiger macht."

Am Tisch wurde es ruhig. Renate rührte in ihrem Kaffee. Dieter sah auf das Handy, dann auf seine Tochter, und für einen Moment sagte er nichts.

Am Montag danach, zurück in Leipzig, setzte sich Sophie an den Küchentisch, neben Elif, und zog einen Ordner aus der Schublade: ihre Kreditunterlagen, ein Taschenrechner, ein leeres Blatt Papier. Sie rief bei der Studienkredit-Bank an und verhandelte eine reduzierte Monatsrate von 90 Euro über einen längeren Zeitraum, mit einem Mitarbeiter, der ihr erklärte, dass das inzwischen fast jeder zweite Anrufer unter 30 beantrage. Sie kündigte ihr Abo beim Streamingdienst. Und sie schrieb eine Liste mit drei Firmen, bei denen sie sich nicht mehr bewerben würde, weil die Anzeigen von vornherein unrealistisch waren — Zeit, die sie stattdessen in eine Fortbildung zu KI-Tools investierte, finanziert über ein Förderprogramm der Arbeitsagentur, das ihr eine Sachbearbeiterin zwei Tage später tatsächlich bewilligte.

Ihr Vater rief am Mittwoch an. Diesmal fragte er nicht, ob sie sich bei der Sparkasse beworben habe. Er fragte, wie hoch ihre Kreditrate jetzt sei, und blieb eine Weile still, als sie es ihm sagte. Dann sagte er, er überweise ihr die Fahrkarte für die nächsten drei Monate, einfach so, ohne dass sie fragen müsse. Es war keine Lösung für alles. Aber es war das erste Mal, dass er nach einer Zahl fragte, statt nach ihrem Willen.

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