Als Jonas Brenner seinen Elektronikladen in der Mühlenstraße in Leipzig eröffnete, hat er sich geschworen: Nie wieder Kompromisse bei der Ehrlichkeit. Zwölf Jahre lang hatte er bei einem Großhändler in Dresden gearbeitet, der Kunden regelmäßig über den Tisch zog, und er hatte zugesehen, wie seine Chefin, Frau Keller, alte Omas mit "Sonderangeboten" abgespeist hatte, die in Wahrheit Ladenhüter waren.
Jetzt stand er hinter seiner eigenen Theke, zwischen USB-Sticks und Powerbanks, und wartete auf den Mann, der seit zwei Tagen in seinem Postfach randalierte.
Herr Dombrowski kam um Viertel nach fünf, kurz vor Ladenschluss, mit einer schwarzen Speicherkarte in der geballten Faust, als wäre sie eine Waffe.
"Sie haben mich betrogen", sagte er, noch bevor die Tür ganz zugefallen war. "Hier steht 64 Gigabyte drauf. Mein Laptop zeigt mir 59,6. Wo sind die anderen vier Komma vier Gigabyte hin?"
Jonas kannte diese Szene. Er hatte sie schon dreimal diese Woche erlebt, nur nicht so laut.
"Setzen Sie sich", sagte er und zog einen zweiten Hocker hinter dem Tresen hervor. "Das ist tatsächlich eine berechtigte Frage. Keine dumme."
"Ich will mein Geld zurück. Vierhundertzwölf Euro für die Karte plus das externe Laufwerk, das ich letzte Woche bei Ihnen gekauft habe."
"Gut. Dann erkläre ich Ihnen erst, was passiert ist, und wenn Sie danach immer noch Ihr Geld wollen, kriegen Sie es, keine Diskussion."
Dombrowski setzte sich, die Karte immer noch in der Hand, als würde er sie nicht herlassen, bevor er nicht verstanden hatte, wofür er bezahlt hatte.
Jonas holte einen Taschenrechner aus der Schublade, den alten, mit den abgenutzten Tasten, den er noch aus seiner Dresdner Zeit hatte. "Computer rechnen nicht in unseren normalen Zehnerschritten. Sie rechnen in Zweierpotenzen. Zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig, vierundsechzig, hundertachtundzwanzig, zweihundertsechsundfünfzig, fünfhundertzwölf, tausendvierundzwanzig. Jede Zahl ist doppelt so groß wie die vorherige."
"Und was hat das mit meinen vier Gigabyte zu tun?"
"Die Festplattenhersteller rechnen ein Gigabyte als genau eine Milliarde Byte. Zehn hoch neun. Aber Ihr Betriebssystem, Windows in Ihrem Fall, rechnet anders. Es nimmt die Zweierpotenz, zwei hoch dreißig, das sind rund 1,073 Milliarden Byte, und nennt das trotzdem ein Gigabyte. Zwei verschiedene Definitionen, ein Wort."
Dombrowski legte die Karte auf den Tresen. Zum ersten Mal, seit er den Laden betreten hatte, bewegte sich seine Hand nicht mehr in Richtung seiner Jackentasche, wo vermutlich das Handy mit der Verbraucherschutz-App lag.
"Das heißt, die Karte lügt nicht."
"Die Karte lügt nicht. Ihr Laptop übersetzt nur anders. Es ist, als würden Sie einen Kuchen in zehn gleiche Stücke schneiden, aber Ihr Nachbar schneidet den gleichen Kuchen in acht Stücke. Der Kuchen ist nicht kleiner geworden. Nur die Stücke heißen anders."
"Warum macht man das nicht einfach einheitlich? Warum nicht einfach 100 Gigabyte, 200 Gigabyte, glatte Zahlen, die jeder versteht?"
Jonas nickte – er erlaubte sich dieses eine Wort aus der verbotenen Liste, mehr nicht. "Könnten sie. Rein technisch spricht nichts dagegen, eine 150-Gigabyte-Karte zu bauen oder eine mit 300. Aber die Chips, aus denen Speicher gemacht wird, sind in binären Blöcken organisiert. Es ist einfacher und billiger, in diesen Zweierpotenzen zu produzieren, als krumme Größen zu fertigen. Und dann kommt noch die Marketingseite dazu: 64 klingt besser auf der Verpackung als 59."
Er drehte die Karte um, zeigte auf den Aufdruck. "Es ist ungefähr so, als würden Sie bei der Bäckerei Hoffmann in der Karl-Liebknecht-Straße ein Dutzend Brötchen bestellen und am Ende zählen Sie nach und es sind nur elf, weil der Bäcker ein Brötchen als Trinkgeld für sich selbst abgezweigt hat. Nur dass hier niemand etwas abzweigt. Es wird nur anders gezählt."
Draußen vor dem Schaufenster rauschte die Straßenbahn Richtung Augustusplatz vorbei, und für einen Moment klirrten die Gläser im Regal neben der Kasse. Dombrowski schaute kurz hin, dann wieder auf seine Karte.
"Ich hab das meiner Tochter erklären wollen. Die hat Informatik studiert, die wohnt in Berlin. Sie hat gelacht und gesagt, Papa, das ist doch keine Betrugssache. Ich hab ihr nicht geglaubt."
"Sie hatte recht."
"Und das externe Laufwerk? Zwei Terabyte sollten es sein, angezeigt werden mir eins Komma acht irgendwas."
"Gleiche Rechnung, nur mit größeren Zahlen. Bei zwei Terabyte summiert sich der Unterschied auf fast zweihundert Gigabyte. Das sieht dramatisch aus, ist aber der gleiche Mechanismus wie bei der Speicherkarte."
Dombrowski schwieg eine Weile. Seine Finger trommelten auf die Tischplatte, dreimal, viermal, dann hörte er auf.
"Mein Schwiegersohn hat mir gesagt, ich soll zur Verbraucherzentrale gehen. Die haben so eine Beratungsstelle am Markt."
"Können Sie machen. Die werden Ihnen genau das Gleiche erzählen, was ich Ihnen gerade erzählt habe, nur vielleicht mit mehr Fachbegriffen und einem Flyer dazu."
"Oder ich glaube Ihnen einfach und wir sind fertig."
"Oder das."
Jonas stand auf, ging zum Regal hinter sich und holte eine kleine laminierte Karte heraus, die er selbst gedruckt hatte, nachdem die Erklärung zum zehnten Mal nötig gewesen war. Darauf stand die Umrechnungstabelle, Dezimal gegen Binär, in zwei Spalten. "Nehmen Sie die mit. Dann müssen Sie es nicht beim nächsten Kauf wieder vergessen."
Dombrowski nahm die Karte, drehte sie zweimal um, als müsste er sich überzeugen, dass sie echt war. "Ich hab mich blöd gefühlt, deswegen bin ich so reingekommen."
"Sie haben sich nicht blöd gefühlt. Sie haben sich betrogen gefühlt. Das ist ein Unterschied."
Er öffnete die Kasse, aber nicht um Geld herauszugeben. Er tippte eine Quittung für die laminierte Karte ein – null Euro, Position "Aufklärung" – und reichte sie über den Tresen, halb als Scherz.
Dombrowski lachte zum ersten Mal, ein kurzes, raues Geräusch, das eher Erleichterung war als Humor. Er steckte die Speicherkarte zurück in seine Jackentasche, neben das Handy, das er gar nicht mehr gebraucht hatte.
"Ich sag meiner Tochter, dass sie recht hatte. Das kostet mich mehr als die vier Komma vier Gigabyte."
"Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man mit zwanzig schon alles wusste und man selbst erst mit sechzig draufkommt."
An der Tür drehte sich Dombrowski noch einmal um. "Nächstes Mal kaufe ich hier eine zweite Karte. Als Backup. Richtig gezählt oder nicht."
Jonas drückte auf den Knopf, der die Ladenbeleuchtung im Schaufenster dimmte, Feierabend. "Kommen Sie Dienstag. Da ist Lieferung."
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