Vierzig Jahre Schichtarbeit für eine Rente von neunhundertzehn Euro

Als der Europa-Park 1975 seine Tore öffnete, kostete die Familienkarte für vier Personen ganze einundzwanzig Mark fünfzig. Das stand noch auf dem vergilbten Zettel, den Hannelore Brechtmann in der Keksdose unter ihrem Nähkasten aufbewahrte, zusammen mit der Lohnabrechnung ihres Mannes Dietmar vom selben Jahr: achthundertzwanzig Mark brutto bei Bosch in Stuttgart, Schichtzulage schon eingerechnet.

Heute, fünfzig Jahre später, sitzt Hannelore am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung in Esslingen, drei Stationen mit der S1 von Stuttgart entfernt, und rechnet zum wiederholten Mal nach, warum von neunhundertzehn Euro Rente am Ende des Monats nichts mehr übrig ist außer der Heizkostenabrechnung, die noch offen auf dem Tisch liegt. Der Fernseher läuft im Hintergrund, eine Vorabendserie, die sie gar nicht verfolgt, aber die Stimmen füllen die Wohnung, seit Dietmar vor drei Jahren gestorben ist.

Ihre Tochter Steffi, die in Fellbach eine Änderungsschneiderei betreibt, kommt jeden Dienstag vorbei, bringt Brötchen vom Bäcker Schmid und tut, als würde sie nur zufällig in der Nähe gewesen sein. Diesen Dienstag bringt sie außerdem einen Ausdruck mit, den sie im Internet gefunden hat: die Eintrittspreise für die Familienkarte im Europa-Park heute. Hundertneunundneunzig Euro für vier Personen, Tagesticket, ohne Parken.

„Schau mal, Mama." Steffi legt das Blatt neben die Keksdose. „Der Papa hat damals für die Karte nicht mal einen Tagesverdienst gebraucht. Heute müsste einer bei Mindestlohn zwei ganze Tage arbeiten. Zwei Tage, für vier Eintrittskarten."

Hannelore schiebt die Lesebrille zurecht, liest die Zahl zweimal. „Und der Mindestlohn ist zwölf Euro vierzig", sagt sie, ohne hinzuschauen, sie hat das in der Zeitung gelesen letzte Woche. „1975 hat der Dietmar fünf Mark fünfzig die Stunde gekriegt bei Bosch. Das war über dem Durchschnitt."

„Und die Butter kostete eine Mark zwanzig."

„Die Butter kostet jetzt zwei neunzig."

Sie rechnen beide im Kopf, jede für sich, während draußen ein Müllwagen rückwärts in die Straße einbiegt und der Warnton durch die Doppelglasfenster dringt. Steffi nimmt sich ein Brötchen, streicht keine Butter drauf, obwohl eine Packung im Kühlschrank steht, offen seit vier Tagen.

Der eigentliche Grund für den Besuch kommt erst, als Steffi die Teetasse schon gespült hat und an der Tür steht, die Jacke schon an. „Mama, der Herr Brückner von der Bank hat angerufen. Wegen der Nebenkostennachzahlung."

Hannelore wird ruhig auf eine Art, die nichts mit Gelassenheit zu tun hat. „Dreihundertvierzig Euro", sagt sie. „Ich weiß."

„Und du hast noch nichts überwiesen."

„Ich warte auf die Rente am Fünfundzwanzigsten."

Steffi schweigt einen Moment zu lang. Dann sagt sie das, was sie eigentlich die ganze Zeit sagen wollte: „Ich hab mit dem Kai gesprochen." Kai ist ihr Bruder, zwei Jahre jünger, Lagerleiter bei einem Versandhändler in Kornwestheim, verheiratet, zwei Kinder, ein Reihenhaus, das er zu achtzig Prozent der Bank gehört. „Er meint, du solltest die Wohnung verkaufen und zu ihm und der Birgit ziehen. Ins Gästezimmer. Dann sparst du die Miete."

„Die Wohnung gehört mir", sagt Hannelore. „Einundvierzig Jahre hab ich hier gewohnt, mit deinem Vater."

„Keiner will dir was wegnehmen, Mama. Aber neunhundertzehn Euro reichen nicht. Das weißt du selbst."

Hannelore sagt nichts mehr, bis die Tür zugefallen ist. Dann steht sie auf, holt die Keksdose, zählt die alten Zettel durch, als könnte eine Lohnabrechnung von 1975 irgendetwas an der Abrechnung von heute ändern.

Drei Wochen später kommt Kai persönlich, samstags, ohne vorherige Ankündigung, mit einem Ordner unter dem Arm. Er setzt sich an denselben Küchentisch, schlägt den Ordner auf, zeigt ihr einen Entwurf: Vollmacht, Maklerauftrag, schon mit einer Firma aus Stuttgart-Vaihingen, die er selbst recherchiert hat. „Die schätzen die Wohnung auf hundertachtzigtausend. Davon kannst du leben, Mama. Bei mir wohnst du umsonst."

„Und wenn ich nicht will."

„Dann zahlst du jeden Monat drauf, bis nichts mehr übrig ist. Die Nebenkosten steigen, die Rente steigt nicht. Das ist Mathematik, keine Gemeinheit."

Hannelore schaut auf den Ordner, auf die Unterschriftenzeile, die schon mit Bleistift markiert ist, dort, wo sie unterschreiben soll. Draußen fährt die S1 vorbei, man hört sie durch die Fenster, ein Geräusch, das sie seit vierzig Jahren kennt und das sich nie geändert hat, während sich alles andere geändert hat.

Sie steht auf, geht zum Küchenschrank, holt nicht den Ordner, sondern ihr eigenes Dokument hervor: den Mietvertrag ihrer Nachbarin aus dem dritten Stock, Frau Özkan, die seit Monaten einen Pflegeplatz sucht und ihre Wohnung in Esslingen-Mitte, zwei Zimmer, Balkon nach Süden, vermieten will, möbliert, weil sie selbst zu ihrer Tochter nach Köln zieht. Hannelore hatte vor zwei Wochen mit ihr gesprochen, beim Wäscheaufhängen im Hinterhof, und seitdem einen Plan im Kopf, den sie niemandem erzählt hat.

„Ich verkaufe die Wohnung nicht an einen Makler", sagt sie. „Ich vermiete sie. An die Özkans, die Enkelin braucht einen Platz in der Nähe der Uni. Siebenhundertfünfzig Euro im Monat, das hab ich schon mit dem Herrn Brückner besprochen, der macht mir den Mietvertrag kostenlos, weil er bei meiner Bank arbeitet und weiß, wie das läuft. Und ich selbst ziehe in die Wohnung von Frau Özkan, zwei Zimmer, hundertachtzig Euro Miete, weil die seit zwanzig Jahren keine Erhöhung gemacht hat."

Kai starrt auf den Ordner, auf die Unterschriftenzeile, die jetzt leer bleibt. „Das hast du dir einfach so ausgedacht?"

„Ich hab vierzig Jahre Schicht gemacht in der Küche von der Bosch-Kantine, Kai. Rechnen kann ich noch."

Mit der Miete von siebenhundertfünfzig Euro plus ihrer Rente von neunhundertzehn, minus den hundertachtzig für die neue Wohnung, bleiben ihr am Ende mehr übrig als vorher, zum ersten Mal seit Dietmars Tod ohne die Angst vor der nächsten Nebenkostenabrechnung. Sie klappt den Ordner zu, schiebt ihn über den Tisch zurück zu ihrem Sohn, und stellt die Keksdose mit den alten Lohnzetteln von 1975 zurück ins Regal, nicht als Beweis für etwas Verlorenes, sondern einfach, weil sie da schon immer gestanden hat.

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