Marieke Thielmann rechnet zum dritten Mal in dieser Woche dieselbe Zeile in ihrem Kontoauszug durch. Küche in Hamburg-Eppendorf, kurz vor sieben, draußen rattert die U-Bahn Richtung Niendorf, und auf dem Herd steht ein Topf Kartoffeln, die sie seit zehn Minuten vergessen hat.
Ihr Bruttogehalt als Projektleiterin bei einem Hamburger Logistikkonzern: hundertachtzigtausend Euro im Jahr. Fünfzehntausend brutto im Monat. Das klingt nach dem Leben, von dem ihre Eltern in Gelsenkirchen nie zu träumen gewagt hätten. Und trotzdem sitzt sie hier, Taschenrechner in der einen Hand, Kreditkartenabrechnung in der anderen, und es geht sich nicht aus.
Steuerklasse eins, Hamburg, keine Kinder. Nach Lohnsteuer, Soli, Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung bleiben ihr etwa achttausendzweihundert Euro netto. In München, hat sie nachgerechnet, wäre es kaum anders, vielleicht hundert Euro mehr, weil die Kirchensteuer dort niedriger liegt. In Sachsen, wo ihre Kollegin herkommt, zieht die Kirchensteuer noch mal zusätzlich. Wäre sie verheiratet und ihr Mann würde nichts verdienen, Steuerklasse drei, bliebe mehr übrig, vielleicht neuntausendfünfhundert. Aber ihr Mann ist seit vier Monaten ihr Exmann, und das ist eine andere Geschichte.
Von den achttausendzweihundert geht die betriebliche Altersvorsorge schon vorher ab, vierhundertzwanzig Euro, freiwillig, aber sie hat es damals unterschrieben, weil der Berater so überzeugend war. Bleiben siebentausendsiebenhundertachtzig.
Dann die Miete: Zweitausendeinhundert Euro für eine Vierzimmerwohnung, die sie eigentlich nicht mehr allein braucht, aber den Mietvertrag kann sie erst in acht Monaten kündigen. Kita für die Tochter, die bei ihr lebt vier Tage die Woche: siebenhundertfünfzig. Autoleasing für den Audi A4, den sie fürs Pendeln zum Büro in Harburg braucht: vierhundertneunzig. Krankenzusatzversicherung, private Altersvorsorge, die Unterhaltszahlung an den Exmann für die gemeinsame Zeit mit der Tochter, dazu Lebensmittel, die in den letzten zwei Jahren spürbar teurer geworden sind.
Ihre Schwester Pia, die als Erzieherin in Lübeck arbeitet und mit ihrem Mann zusammen auf fünfundsechzigtausend im Jahr kommt, hatte am Telefon gesagt: Du jammerst mit vollem Mund. Und Marieke hatte nichts erwidert, weil sie wusste, dass es von außen genau so aussieht.
Nach Pew-Research-Definition, die Marieke bei einer Recherche für einen Kundenworkshop zufällig gelesen hat, zählt ein Haushalt zur Mittelschicht, wenn er zwischen zwei Drittel und dem Doppelten des mittleren Einkommens verdient, je nach Haushaltsgröße. Für Deutschland, mit dem mittleren Nettoeinkommen von Alleinstehenden bei etwa zweitausendvierhundert Euro im Monat, läge die Obergrenze für einen Zwei-Personen-Haushalt bei ungefähr siebentausend Euro netto. Marieke liegt mit ihren achttausendzweihundert theoretisch darüber. Auf dem Papier gehört sie zu den Gutverdienenden.
Nur sagt das Papier nichts über Hamburg. In Gelsenkirchen, wo ihre Eltern wohnen, bekäme man für zweitausendeinhundert Euro Miete ein Einfamilienhaus mit Garten. Hier bekommt sie dafür eine Wohnung, in der die Heizung im Winter klappert und der Nachbar jeden Morgen um sechs seinen Hund auf dem Flur bellen lässt, bevor er zur Arbeit am Hafen fährt.
Am Freitagabend klingelt ihr Handy. Der Exmann, Jonas. Er will die Unterhaltszahlung neu verhandeln, weil er seit der Trennung in eine teurere Wohnung in Altona gezogen ist und findet, sie könne sich das locker leisten, bei ihrem Gehalt. Marieke hält das Telefon einen Moment von sich weg, legt es auf die Anrichte neben die Kartoffeln, die inzwischen völlig verkocht sind, und atmet durch, bevor sie wieder hingeht.
Sie sagt ihm, dass sie mit ihrem Steuerberater sprechen wird, bevor sie irgendetwas unterschreibt, und dass sie ihm die aktuellen Zahlen schickt, damit er sieht, wie viel von den fünfzehntausend brutto tatsächlich bei ihr ankommt. Jonas lacht kurz, sagt, das sei doch nur Buchhaltung, Haarspalterei, er kenne ihr Gehalt, das stehe doch im Scheidungsvergleich. Marieke sagt, dass genau deshalb der Vergleich jetzt auf den Prüfstand kommt, weil er von Bruttozahlen ausging, die niemand jemals auf dem Konto sieht.
Am Montag sitzt sie bei ihrem Steuerberater in der Mönckebergstraße, eine Mappe mit Gehaltsabrechnungen der letzten zwölf Monate vor sich auf dem Tisch. Er rechnet ihr vor, schwarz auf weiß, was von den hundertachtzigtausend Euro brutto im Jahr tatsächlich übrig bleibt, wenn man Steuern, Sozialabgaben, betriebliche Vorsorge und die fixen Lebenshaltungskosten einer Großstadt wie Hamburg abzieht. Am Ende der Rechnung steht eine Zahl, die weit unter dem liegt, was Jonas sich vorgestellt hat, und weit unter dem, was Pia am Telefon vermutet hatte.
Marieke lässt sich die Aufstellung ausdrucken, steckt sie in einen cremefarbenen Umschlag und schickt sie per Einschreiben an Jonas' neue Adresse in Altona, zusammen mit einem kurzen Brief, in dem sie schreibt, dass die bisherige Unterhaltsvereinbarung ab dem ersten Dezember angepasst wird, orientiert an den tatsächlichen, nicht den vermuteten Zahlen, und dass sie bereit ist, über eine faire Lösung zu sprechen, aber nicht über eine Fantasiezahl.
Drei Tage später steht Jonas vor ihrer Wohnungstür in Eppendorf, den Umschlag in der Hand, und fragt, ob das ihr Ernst sei. Marieke lässt ihn nicht hinein. Sie steht im Türrahmen, erklärt ihm in zwei Sätzen, dass die neue Zahl ab Dezember gilt, dass sein Anwalt die Unterlagen bereits bekommen hat, und dass sie jetzt die Kartoffeln vom Herd nehmen muss, bevor auch die zweite Portion verkocht.
Sie schließt die Tür. Im Topf auf dem Herd sind die Kartoffeln diesmal noch zu retten.
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