Werkstatt in Flammen

Jens Dettmann hatte die Autowerkstatt am Rande von Osnabrück seinem Sohn Karsten vor sieben Jahren übergeben, mit der Auflage, sie zu erhalten, zu pflegen, weiterzuführen. Jetzt stand er auf dem Hof, zwischen den aufgebockten Wagen, und sah seinen Sohn an einer Tafel in der Werkhalle herumfuchteln, auf der ein Raumschiff gemalt war.

„Wir bauen ein Rettungsboot, Papa. Für die Menschheit."

Karsten hatte die Werkstatt zu neunzig Prozent an einen Investor aus München verkauft, einen gewissen Herrn Brauer, der von „multiplanetarer Zukunft" sprach, als wäre das etwas, das man an der Tankstelle kaufen könnte. Mit dem Geld sollte eine Firma für Satellitenkomponenten entstehen. Die Werkstatt, in der drei Mechaniker arbeiteten, die seit Jens' Zeiten dort waren, war nur noch Sicherheit für den Kredit.

Jens hatte zwei Söhne gehabt. Der ältere, Matthias, war vor vier Jahren bei einem Autounfall auf der B51 gestorben, kurz nach dem Mauerfall-Jubiläum, das sie noch zusammen gefeiert hatten. Karsten war der Jüngere, der Nachzügler, der eigentlich Ingenieur hatte werden wollen und sich nie ganz mit Öl und Kupplungsscheiben abfinden konnte.

„Du redest von Rettungsbooten", sagte Jens, „aber du lässt drei Männer mit Familien im Stich, die seit zwanzig Jahren jeden Morgen um sieben hier die Rolltore hochziehen."

„Das ist kurzsichtig gedacht, Papa. In fünfzig Jahren wird hier vielleicht gar keine Werkstatt mehr stehen. Die Erde wird—"

„Die Erde wird in fünfzig Jahren noch da sein", unterbrach Jens. „Und Herbert Lücke, der seit 1998 bei uns die Bremsen macht, wird in drei Monaten arbeitslos sein, wenn Brauer die Halle zumacht, um Platz für seine Satellitenteile zu schaffen."

Karsten schwieg einen Moment, den Filzstift noch in der Hand, rot verschmiert bis zum Handgelenk.

„Du verstehst das nicht", sagte er dann leiser. „Ich will nicht hier enden wie—"

Er brach ab. Aber Jens wusste, wie der Satz weitergehen sollte. Wie Matthias. Festgewachsen in Osnabrück, in einer Werkstatt, auf einer Landstraße, die ihn am Ende das Leben gekostet hatte.

Zwei Wochen später saß Jens im Büro seines alten Freundes und Notars, Dr. Wenzel Pahl, dessen Kanzlei über einer Bäckerei in der Altstadt lag; es roch nach Zimtschnecken bis ins zweite Stockwerk. Auf dem Schreibtisch lag der Übergabevertrag von vor sieben Jahren.

„Es gibt eine Klausel", sagte Pahl und tippte mit dem Finger auf Paragraph vier. „Rückfallrecht, wenn die Werkstatt innerhalb von zehn Jahren zu mehr als fünfzig Prozent an Dritte veräußert wird, ohne dass der ursprüngliche Betrieb fortgeführt wird. Du hast dir das damals absichern lassen, Jens. Weißt du das noch?"

Jens wusste es noch genau. Er hatte es sich nicht wegen Karsten absichern lassen. Er hatte es sich abgesichert, falls einer seiner Söhne — er hatte dabei an Matthias gedacht, nicht an Karsten — die Werkstatt eines Tages verspielen würde. Das Leben hatte die Rollen vertauscht.

„Neunzig Prozent an Brauer", sagte Jens. „Das ist mehr als fünfzig."

„Dann greift die Klausel. Die Werkstatt fällt an dich zurück. Komplett. Karsten verliert seinen Anteil, Brauer verliert seine Sicherheit für den Kredit — der Vertrag mit ihm wird nichtig, weil Karsten gar nicht das Recht hatte, mehr als fünfzig Prozent zu veräußern."

Jens unterschrieb nicht sofort. Er fuhr zurück zur Werkstatt, blieb im Auto sitzen, vierzig Minuten lang, und sah durch die Windschutzscheibe zu, wie Herbert Lücke eine Ölwanne unter einem Passat herauszog, so routiniert, als hätte er es nicht zum zehntausendsten, sondern zum ersten Mal gemacht. Im Radio lief ein Wetterbericht, Nebel über dem Wiehengebirge, minus zwei Grad in der Nacht. Auf dem Beifahrersitz lag die Thermoskanne mit dem Kaffee, den seine Frau ihm jeden Morgen einfüllte, seit über vierzig Jahren, egal was passierte.

Am Montag kam Brauer persönlich aus München angereist, in einem silbergrauen BMW, den Mantel über dem Arm, weil er die Papiere nicht ohne Jens' Unterschrift auf dem letzten Dokument abschließen konnte. Er traf Karsten in der Werkhalle, vor der Tafel mit dem Raumschiff, und beide warteten auf Jens, der mit einer braunen Mappe unter dem Arm aus seinem Wagen stieg.

„Herr Dettmann", sagte Brauer und lächelte, als wäre das Geschäft bereits besiegelt, „ich habe gehört, es gibt eine kleine Formsache mit dem alten Vertrag."

„Keine Formsache", sagte Jens und legte die Mappe auf die Werkbank, zwischen Schraubenschlüssel und einem offenen Ölkanister. „Paragraph vier. Rückfallklausel. Sie haben neunzig Prozent gekauft, mein Sohn durfte höchstens fünfzig verkaufen. Der Notar hat es heute Morgen bestätigt. Die Werkstatt gehört wieder mir. Vollständig."

Brauer verlor für einen Moment die Farbe im Gesicht, griff nach seinem Telefon, als könnte ein Anruf die Lage noch retten. Karsten stand da, der Filzstift immer noch in der Tasche seiner Jacke, und sagte nichts.

„Das kannst du nicht machen", sagte er schließlich. „Das Geld ist schon—"

„Das Geld geht an Brauer zurück, abzüglich dessen, was bereits verbraucht wurde. Das steht alles im Vertrag, den du unterschrieben hast, ohne ihn richtig zu lesen." Jens öffnete die Mappe, zog ein Blatt heraus, legte es auf die Werkbank. „Herbert, Dirk und Nino behalten ihre Stellen. Ab morgen zahle ich wieder die Löhne. Und Brauer — Ihre Satellitenfirma wird einen anderen Standort brauchen."

Brauer sagte nichts mehr. Er nahm seinen Mantel, ging zu seinem BMW, und man hörte den Motor noch, als er schon aus dem Hof gefahren war.

Karsten blieb zurück, mit der leeren Tafel im Hintergrund, auf der das Raumschiff langsam verwischte, weil jemand mit dem Ärmel dagegengestoßen war.

„Du hast mir die Werkstatt genommen", sagte er.

„Ich habe sie den Leuten zurückgegeben, die sie am Laufen halten", sagte Jens. „Wenn du zum Mars willst, Karsten, dann geh zum Mars. Aber die Männer hier, die jeden Tag um sieben die Rolltore hochziehen, nimmst du nicht mit auf die Reise."

Draußen zog Herbert Lücke seine Handschuhe aus, trat an die offene Hallentür und rief hinein, es sei Zeit für die Kaffeepause. Niemand hatte ihm gesagt, dass heute etwas Besonderes passiert war. Für ihn war es einfach Dienstag, zehn nach neun, und der Passat wartete noch auf die neue Ölwanne.

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