Marlene Brauer war siebenundfünfzig, als ihre Mutter starb, und genau elf Tage später stand ihr Stiefbruder Konrad mit einem Aktenordner unter dem Arm in der Apotheke am Lindenplatz in Rendsburg.
"Wir müssen über die Nachfolge reden", sagte er und stellte sich zwischen sie und den Verkaufstresen, als gehöre ihm schon der Platz dahinter.
Die Apotheke hatte Marlenes Mutter, Ingrid Brauer, vor achtunddreißig Jahren gegründet. Marlene hatte als Pharmazeutisch-Technische Assistentin dort angefangen, mit zwanzig, direkt nach der Ausbildung in Kiel. Sie kannte jeden Stammkunden mit Namen, wusste, wer sein Blutdruckmittel montags brauchte und wer donnerstags zur Dialyse musste und auf dem Rückweg noch Traubenzucker holte. Konrad war der Sohn aus Ingrids zweiter Ehe, zwölf Jahre jünger, hatte Wirtschaftsrecht studiert und in München eine Kanzlei für Insolvenzberatung aufgebaut, der es, wie man hörte, nicht besonders gut ging.
"Es gibt keine Nachfolge zu regeln", sagte Marlene. "Ich führe die Apotheke seit sieben Jahren. Mutter hat mir die Approbation als Betriebsleiterin übertragen, als sie in Rente ging."
"Formal schon." Konrad öffnete den Ordner auf dem Tresen, direkt neben der Kasse, wo noch eine Packung Ibuprofen von der letzten Kundin lag. "Aber das Grundstück und das Gebäude stehen im Testament auf meinen Namen. Mutter hat es vor vier Jahren ändern lassen, bei einem Notar in Hamburg."
Marlene griff nach der Ibuprofen-Packung, räumte sie ins Regal, nur um ihre Hände zu beschäftigen. Draußen vor dem Schaufenster rollte der Bus der Linie 2 vorbei, Richtung Conrad-Peutinger-Schule, die Bremsen quietschten wie jeden Tag um diese Zeit.
"Das Gebäude gehört zur Apotheke", sagte sie. "Man kann das eine nicht vom anderen trennen."
"Doch, kann man." Konrad schob ihr ein Blatt hin, die Kopie eines notariellen Testaments, Aktenzeichen und Stempel der Notarin Dr. Falkenberg aus der Mönckebergstraße. "Du bekommst die Betriebserlaubnis, den Warenbestand, die Kundendatei. Ich bekomme die Immobilie. Und ich habe bereits einen Käufer – eine Drogeriekette will hier eine Filiale eröffnen. Die zahlen gut. Du müsstest ausziehen, sagen wir, zum ersten März."
Das Wartezimmer nebenan, wo die Kunden auf ihre Rezepte warteten, war in diesem Moment leer bis auf Herrn Wessel, der sich mit seinem Rollator an die Wand neben dem Blutdruckmessgerät gelehnt hatte und jedes Wort mithörte, auch wenn er so tat, als läse er die Packungsbeilage seines Hustensafts.
Marlene dachte an die Nächte, in denen sie mit ihrer Mutter im Lager Inventur gemacht hatte, an das Jahr, in dem sie ihren eigenen Hochzeitstermin verschoben hatte, weil die Apothekerkammer eine Nachschulung verlangte und jemand den Betrieb hätte schließen müssen. Sie dachte an Konrad, der zu Weihnachten anrief, wenn er etwas brauchte, und sonst nie.
"Vier Jahre", sagte sie, mehr zu sich selbst. "Vier Jahre vor ihrem Tod hat sie das geändert. Als die Chemotherapie anfing."
"Das spielt keine Rolle. Es ist rechtskräftig."
Sie nahm das Blatt, faltete es einmal, zweimal, steckte es in die Tasche ihres weißen Kittels. "Gut. Dann gehört dir das Gebäude."
Konrad blinzelte, als hätte er eine andere Reaktion erwartet, vielleicht Tränen, vielleicht ein Angebot. "Das war's? Keine Diskussion?"
"Es gibt nichts zu diskutieren, wenn ein Notar es beglaubigt hat." Sie band ihre Kittelschnüre neu. "Aber bevor du die Drogeriekette anrufst – komm morgen um zehn in mein Büro. Ich zeige dir etwas, das du vielleicht übersehen hast."
Am nächsten Morgen saß Konrad im kleinen Büro über der Apotheke, zwischen Aktenregalen, in denen die Betäubungsmittelbücher der letzten fünfzehn Jahre standen, verschlossen und nummeriert, wie es das Gesetz vorschreibt. Marlene legte drei Dokumente auf den Schreibtisch.
Das erste war der Mietvertrag zwischen dem Gebäudeeigentümer und der Apotheke Lindenplatz OHG – ein Vertrag, den ihre Mutter 2019 mit einer Laufzeit von zwanzig Jahren unterschrieben hatte, mit einer festgeschriebenen Kaltmiete von achthundertzwanzig Euro monatlich und einer Klausel, die eine Kündigung vor Vertragsende nur bei groben Pflichtverstößen erlaubte.
"Du hast das Gebäude geerbt", sagte Marlene. "Aber die Apotheke hat einen bestehenden Mietvertrag mit zwanzig Jahren Laufzeit, von denen noch vierzehn übrig sind. Du kannst mich nicht einfach rauswerfen, nur weil dir das Haus gehört. Du bist jetzt der Vermieter – und ich zahle dir achthundertzwanzig Euro, bis 2039."
Das zweite Dokument war die Konzession der Approbation, die ihr die Landesapothekerkammer Schleswig-Holstein als Betriebsleiterin erteilt hatte – unabhängig vom Eigentum am Gebäude. Ohne diese Konzession durfte in diesen Räumen niemand eine Apotheke betreiben, auch keine Drogeriekette, die ohnehin gesetzlich gar keine verschreibungspflichtigen Medikamente verkaufen durfte.
Das dritte war eine Aufstellung, die Marlenes Steuerberaterin in Rendsburg innerhalb von zwei Tagen zusammengestellt hatte: der Buchwert des Warenlagers, der Kundenstamm mit über zweitausendvierhundert aktiven E-Rezept-Profilen, die Umsatzzahlen der letzten drei Jahre. Die Apotheke allein, ohne das Gebäude, war mehr wert, als Konrad mit dem Verkauf des Hauses je bekommen hätte.
"Mutter wusste das", sagte Marlene. "Sie hat dir das Gebäude vermacht, weil sie dachte, du brauchst Bargeld, schnell, für deine Kanzlei. Aber sie hat mir die Konzession und den Mietvertrag gesichert, damit niemand mir die Arbeit meines Lebens unter dem Hintern wegziehen kann. Sie hat mit mir darüber gesprochen, im Krankenhaus in Kiel, drei Wochen vor ihrem Tod. Sie wollte, dass du dein Geld bekommst – aber nicht auf meine Kosten."
Konrad starrte auf die Zahlen der Umsatzaufstellung, rechnete sichtlich im Kopf, was eine Drogeriekette für das leere Gebäude zahlen würde gegen das, was die vierzehn Jahre Mieteinnahmen aus einem laufenden Betrieb bedeuteten – sicher, planbar, ohne Leerstandsrisiko.
"Ich brauche das Geld jetzt", sagte er schließlich leiser. "Die Kanzlei steht vor der Insolvenz. Vierzigtausend Euro, bis Ende des Jahres, sonst ist es vorbei."
Marlene schwieg einen Moment. Draußen fuhr wieder der Bus vorbei, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Kaffee, den Frau Jessen von der Reinigungsfirma jeden Morgen um neun kochte.
"Ich kaufe dir das Gebäude ab", sagte sie dann. "Marktwert, von einem unabhängigen Gutachter in Kiel bestimmt, nicht von deiner Drogeriekette diktiert. Das wird um die hundertdreißigtausend Euro liegen, schätze ich. Du bekommst sofort fünfzigtausend als Anzahlung, den Rest in Raten über drei Jahre, mit Grundschuld als Sicherheit für dich."
"Und wenn ich nein sage?"
"Dann zahle ich vierzehn Jahre Miete an dich, pünktlich jeden Ersten, und du bekommst nie den Gesamtpreis auf einmal. Deine Entscheidung."
Konrad unterschrieb den Kaufvorvertrag am folgenden Montag, in der Kanzlei von Dr. Falkenberg selbst, die inzwischen auch Marlenes Fall übernommen hatte. Die fünfzigtausend Euro überwies Marlene von dem Konto, das sie all die Jahre für den Ausbau der Apotheke zurückgelegt hatte, ohne es Konrad je zu erzählen.
Als die Übertragung notariell beglaubigt war, stand Marlene zum ersten Mal als vollständige Eigentümerin hinter ihrem eigenen Tresen – Gebäude, Konzession, Warenlager, alles auf ihren Namen. Herrn Wessel, der an jenem ersten Tag mitgehört hatte, kam am Freitag wie immer wegen seines Hustensafts, und sie reichte ihm die Packung über den Tresen, so wie sie es seit sieben Jahren tat, als wäre nichts geschehen.
Konrad rief zu Weihnachten an. Er fragte, ob sie die letzte Rate schon überwiesen habe. Sie sagte: ja, pünktlich, wie immer. Dann legte sie den Hörer auf und drehte sich zu den Betäubungsmittelbüchern im Regal um, zählte sie durch, wie jeden Abend, bevor sie das Licht löschte.
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