Siebenundzwanzig Jahre – der Preis, den Mareike Vollbrecht nie zahlen wollte

Mareike Vollbrecht stand am Fenster ihrer Wohnung in der Prenzlauer Allee, eine Tasse Pfefferminztee in der Hand, die längst kalt geworden war. Draußen rumpelte die Straßenbahn Richtung Greifswalder Straße, und irgendwo im Hinterhof bellte der Hund der Nachbarin, dieser kleine braune Mischling, der jeden Mittwoch um sieben anfing und erst aufhörte, wenn die Mülltonnen rausgestellt wurden.

Sie hatte den Anruf vor drei Stunden bekommen. Von der Rechtsmedizin Berlin.

Ihr Sohn Jonas war tot. Siebenundzwanzig Jahre alt. Gefunden in einer Entzugsklinik am Rande von Potsdam, am Sonntagmorgen, von einer Pflegerin, die die Frühstücksrunde machte. Die Todesursache: noch unklar. Eine Obduktion war angesetzt, aber niemand konnte ihr sagen, wann die Ergebnisse kommen würden.

Mareike war selbst kein Mensch der Öffentlichkeit, aber ihr Name hatte Gewicht – sie führte seit zwanzig Jahren eine Werbeagentur in Mitte, hatte Kampagnen für zwei DAX-Konzerne gemacht, war auf Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen gewesen. Jonas war früh ins Modelgeschäft gegangen, mit sechzehn, gegen ihren Rat. Er hatte für Hugo Boss gearbeitet, für eine italienische Kampagne, die ihn über Nacht bekannt gemacht hatte, später für ein Berliner Streetwear-Label, das sein Gesicht auf U-Bahn-Plakate klebte.

Nach außen hin: ein Junge, dem alles in den Schoß fiel. Nach innen: einer, der mit neunzehn zum ersten Mal in eine Klinik ging, weil er drei Tage nicht geschlafen hatte und seiner Mutter am Telefon erzählte, er höre ein Summen, das nicht aufhöre.

Mareike hatte das nie öffentlich gemacht. Aber Jonas selbst hatte es irgendwann getan – in einem Interview, in einem Post, den er um zwei Uhr nachts schrieb und am nächsten Tag nicht löschte, obwohl seine Managerin ihn darum bat. Er schrieb über die Depression, über die Nächte, in denen er sich die Arme ansah und nicht wusste, warum. Die Leute im Netz reagierten gespalten: die einen mit Mitgefühl, die anderen mit dem üblichen Zynismus – was hat der schon für Probleme, bei dem Gesicht, bei dem Geld.

Mareike setzte die Tasse ab. Sie ging zum Schreibtisch, zog die unterste Schublade auf. Dort lag ein Ordner, grau, mit einem Aufkleber, auf dem in Jonas' krakeliger Schrift stand: „Für Mama, falls."

Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht geöffnet.

Jonas hatte ihn ihr gegeben, nachdem er aus der dritten Klinik kam, in einem ruhigen Moment, als er klar war und nüchtern und fast wieder der Junge, der mit zwölf Legotechnik-Sets zusammenbaute und seine Mutter fragte, ob er Ingenieur werden könne, bevor Scouts ihn auf einer Modemesse in Düsseldorf entdeckten und alles kippte.

Im Ordner: eine Vollmacht. Eine Lebensversicherung über vierhunderttausend Euro, deren Begünstigter nicht Mareike war, sondern eine Stiftung, die Jonas selbst gegründet hatte, ohne dass sie es wusste. Der Name der Stiftung: „Summen". Nach dem Geräusch, das er gehört hatte, in den schlimmsten Nächten.

Daneben ein Brief. Handschriftlich, vier Seiten.

Mareike las ihn am Fenster stehend, mit dem Rücken zur Straße, während draußen die Straßenbahn ein zweites Mal vorbeifuhr.

Jonas schrieb, dass er wisse, wie es aussehen würde, wenn er sterben sollte – wie ein weiterer Promi, der an zu viel Geld und zu wenig Problemen zugrunde gegangen sei. Er schrieb, dass das nicht stimme. Er schrieb über das Management, das ihn mit fünfzehn in Verträge gesteckt hatte, die sein Vater – von dem er sonst nichts wollte – nie unterschrieben hätte, wenn er gefragt worden wäre. Er schrieb über eine Agentin, Frau Dessau, die ihm fünf Jahre lang Schlafmittel aus dem Ausland besorgt hatte, weil „ein müdes Gesicht keine Kampagne verkauft". Er schrieb, dass die Stiftung dafür da sein solle, dass andere junge Models eine Vertrauensperson bekämen, die nichts mit der Agentur zu tun habe. Eine echte.

Am Ende der vierten Seite, in anderer Tinte, als hätte er es Wochen später nachgetragen: „Mama, wenn du das liest, ruf nicht bei Dessau an und schrei sie nicht an. Mach es leiser. Mach es so, dass es bleibt."

Mareike faltete den Brief nicht wieder zusammen. Sie legte ihn auf den Schreibtisch, glatt, und griff zum Telefon.

Nicht zu Frau Dessau. Zu ihrem Anwalt, Herrn Brettschneider, den sie seit der Agenturgründung kannte.

„Ich brauche einen Termin für morgen früh", sagte sie. „Es geht um eine Stiftungsgründung und um die Kündigung eines Vertrags, den mein Sohn mit sechzehn unterschrieben hat."

Die Beerdigung fand neun Tage später statt, auf dem Friedhof an der Bergmannstraße, klein, nur die Familie und ein paar Freunde aus Jonas' Kindheit, keiner aus der Modebranche, obwohl drei Agenturen angerufen hatten, um Blumen schicken zu dürfen. Mareike hatte abgelehnt. Keine Kränze von Leuten, die ihn gebucht, aber nie gefragt hatten, wie er schlief.

Vier Wochen danach saß Mareike im Konferenzraum der Agentur Dessau Models, am Kurfürstendamm, im zwölften Stock. Herr Brettschneider neben ihr, eine Mappe vor sich, dünn, aber schwer genug.

Frau Dessau kam zehn Minuten zu spät, parfümiert, in einem Blazer, der nach der neuen Kollektion aussah, die sie selbst noch vertrieb.

„Frau Vollbrecht", sagte sie, „ich bin zutiefst –"

„Ich bin hier wegen des Vertrags", unterbrach Mareike. Keine Lautstärke. Keine Tränen. Genau das, was Jonas geschrieben hatte. Leiser machen.

Brettschneider legte die Dokumente auf den Tisch: die Kopie des Managementvertrags von vor elf Jahren, unterschrieben von einem Minderjährigen ohne gültige Erziehungsberechtigten-Unterschrift – Mareike hatte nie unterschrieben, ihr Ex-Mann hatte es getan, von dem bekannt war, dass er zu dem Zeitpunkt das alleinige Sorgerecht längst nicht mehr hatte. Der Vertrag war nichtig gewesen. Fünfhunderttausend Euro an Provisionen, die über elf Jahre geflossen waren, standen zur Rückforderung offen.

Und die Sache mit den Schlafmitteln. Rezepte aus einer Prager Apotheke, die Dessau über einen Kurierdienst hatte liefern lassen, ohne deutsche Verordnung. Jonas hatte Fotos der Verpackungen gemacht und sie im Ordner abgelegt, mit Datum.

Frau Dessau wurde blass unter dem Make-up.

„Das war vor Jahren", sagte sie. „Er war erwachsen, er hat selbst entschieden –"

„Er war fünfzehn, als der Vertrag unterschrieben wurde", sagte Mareike. „Und zwanzig, als Sie ihm das erste Mal etwas aus Prag geschickt haben. Das steht alles hier."

Sie forderte kein Geld für sich. Das machte Brettschneider klar: die gesamte Rückforderung, abzüglich der Anwaltskosten, ging direkt in die Stiftung „Summen", die seit drei Wochen offiziell im Vereinsregister Berlin-Charlottenburg eingetragen war. Erste Maßnahme der Stiftung: eine unabhängige Vertrauensstelle für minderjährige Models, finanziert für die nächsten acht Jahre, unabhängig von jeder Agentur.

Frau Dessau verlor ihre Lizenz nicht sofort. Aber die Modekammer leitete ein Verfahren ein, nachdem Brettschneider die Unterlagen weiterreichte, und drei Kundinnen der Agentur kündigten innerhalb des Monats.

Mareike erfuhr das alles nicht mit Genugtuung. Sie saß wieder an ihrem Fenster, Monate später, im Frühling, als die Kastanien vor dem Haus blühten und der Hund der Nachbarin aus irgendeinem Grund aufgehört hatte zu bellen – vielleicht war er alt geworden, vielleicht war er nur müde.

Auf dem Schreibtisch lag der graue Ordner, jetzt leer, die Papiere längst bei Brettschneider archiviert. Daneben ein neues Dokument: die Satzung der Stiftung, mit Jonas' vollem Namen im Titel, unterschrieben von Mareike als Vorsitzender.

Sie strich mit dem Finger über die Unterschriftszeile, wo sein Name gedruckt stand, und stellte die Teetasse, die sie seit dem Anruf nie wieder richtig heiß getrunken hatte, zurück auf den Tisch.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

five × one =

Siebenundzwanzig Jahre – der Preis, den Mareike Vollbrecht nie zahlen wollte