Vierhundertzwölf Euro. So viel stand unter dem neuen Posten auf Jonas Brechts Gehaltsabrechnung, als er sie im Pausenraum der Spedition Wendlinger in Augsburg aufklappte. Draußen nieselte es auf den Parkplatz, drei Lkw standen abgestellt, einer mit laufendem Kühlaggregat, das seit Stunden brummte wie ein schlecht gelaunter Kühlschrank.
Jonas war seit elf Jahren Fuhrparkleiter bei Wendlinger. Er kannte jeden Reifen, jede Bremsscheibe, jeden Fahrer mit Vornamen. Und er kannte den Betriebsleiter, Herrn Dallmeier, seit genauso langer Zeit – einen Mann, der gern von „Wertschätzung" sprach, wenn er das Weihnachtsessen ankündigte, und genauso gern schwieg, wenn es um Zahlen ging.
„Zweikommafünf Prozent", sagte Dallmeier, als Jonas eine Woche später in sein Büro kam. Er sagte es, ohne aufzublicken, als würde er eine Lieferscheinnummer vorlesen. „Mehr geht dieses Jahr nicht. Die Dieselpreise, die Mauten, Sie wissen ja."
Jonas wusste. Er wusste auch, dass sein Vermieter die Nebenkostenabrechnung im Februar um achtzig Euro monatlich erhöht hatte. Dass die Packung Gouda, die seine Frau Steffi früher für zwei neunzig kaufte, jetzt vier zwanzig kostete. Dass er an der Aral-Tankstelle an der B17 im letzten Jahr noch für fünfundsechzig Euro vollgetankt hatte und heute für neunzig.
„Herr Dallmeier", sagte Jonas, „zweikommafünf Prozent sind bei meinem Gehalt ungefähr vierzig Euro netto. Die Inflation lag letztes Jahr bei knapp sechs Prozent. Das ist keine Erhöhung. Das ist ein Verlust mit Quittung."
Dallmeier legte den Kugelschreiber hin. „Jonas, das ist, was das Budget zulässt."
„Das Budget", wiederholte Jonas. Er dachte an die drei neuen Sattelzüge, die letztes Jahr angeschafft worden waren. An den Bonus, von dem die Sekretärin, Frau Pichler, erzählt hatte, dass die Geschäftsführung ihn im Sommer bekommen hatte. Er sagte nichts davon. Er nickte nur und ging.
Zuhause, in der Küche ihrer Dreizimmerwohnung in Augsburg-Lechhausen, saß Steffi mit der Steuererklärung am Tisch, der Taschenrechner lag neben einem angebissenen Vollkornbrot. Sie arbeitete halbtags in einer Kinderarztpraxis, rechnete seit Monaten jeden Euro zweimal um. Als Jonas ihr die Zahl nannte, legte sie den Stift hin, nicht wütend, nur müde, und sagte: „Dann zahlen wir die Klassenfahrt von Finn eben in Raten."
Das saß tiefer als jede Beschwerde. Finn, zwölf, in der sechsten Klasse, hatte die Anmeldung für die Skifreizeit nach Südtirol schon drei Wochen auf dem Kühlschrank hängen, mit einem Magneten in Form einer Tomate festgeklebt. Dreihundertzwanzig Euro. Eine Zahl, die vorher kein Problem gewesen wäre.
Jonas begann zu rechnen, nicht aus Trotz, sondern aus Gewohnheit – er rechnete beruflich jeden Tag Verbrauch, Standzeiten, Wartungskosten. Er legte sich einen Zettel neben den Toaster und schrieb auf, was alles teurer geworden war: Strom, Gas, der Kindergartenbeitrag für die kleine Lotte, die Kfz-Versicherung für seinen zwölf Jahre alten Passat. Am Ende der Woche hatte er eine Liste mit elf Posten und eine Summe, die höher war als die angekündigte Erhöhung.
Er ging nicht mit Wut zu Dallmeier zurück. Er ging mit der Liste.
„Ich will nicht verhandeln wie beim Flohmarkt", sagte Jonas, als er dem Betriebsleiter das Blatt auf den Tisch legte. „Ich will, dass Sie sich das einmal ansehen. Elf Positionen. Alles Dinge, die ich nicht erfunden habe."
Dallmeier überflog die Liste, mit dem gleichen Gesicht, das er beim Lieferschein gemacht hatte. „Das ist privat, Jonas. Damit kann ich hier nichts anfangen."
„Dann sagen Sie mir, was Sie damit anfangen können", sagte Jonas. „Weil ich fünfunddreißig neue Fahrer eingearbeitet habe in elf Jahren. Weil die Lkw stehen, wenn ich krank bin, weil keiner außer mir weiß, welcher Sattelzug welchen TÜV-Termin hat. Sie können mir sagen, dass ich zu viel verlange. Aber sagen Sie es mir ins Gesicht, nicht über eine Prozentzahl im Lohnbüro."
Es blieb ruhig im Büro, nur das Tippen der Heizung, die gerade ansprang. Dallmeier schob die Liste ein Stück von sich weg, wie ein Teller, den er nicht mehr essen wollte.
„Ich rede mit der Geschäftsführung", sagte er schließlich. „Mehr kann ich jetzt nicht versprechen."
Zwei Wochen passierte nichts. Jonas machte seine Arbeit, disponierte die Touren, reparierte mit dem Kollegen Özkan die Bremsleitung am Sattelzug mit dem Kennzeichen A-WS 712, aß sein Mittagsbrot im Pausenraum, wo das Kühlaggregat inzwischen repariert war und endlich schwieg. Er wartete nicht demonstrativ. Er wartete, wie man auf einen Werkstatttermin wartet – mit der Gewissheit, dass man nachfragen wird, wenn sich keiner meldet.
Am Freitag der dritten Woche rief Herr Pfundner an, der Geschäftsführer selbst, den Jonas sonst nur beim Betriebsausflug zu Gesicht bekam. „Herr Brecht, kommen Sie kurz hoch."
Oben, im Besprechungsraum mit dem Blick auf die Lagerhalle, saß Pfundner mit einer Mappe vor sich. „Dallmeier hat mir Ihre Liste gezeigt", sagte er. „Ich habe mir das angeschaut. Sie haben recht mit der Inflation. Wir haben recht mit den Dieselkosten. Beides ist wahr, und keins davon hilft Ihnen beim Einkaufen."
Er schob die Mappe über den Tisch. Sechs Prozent, rückwirkend zum Jahresanfang. Keine vierzig Euro mehr im Monat – gut hundertzwanzig.
„Das ist immer noch nicht, was Sie verdient hätten für elf Jahre", sagte Pfundner. „Aber es ist, was ich zahlen kann, ohne dass es eine leere Versprechung wird."
Jonas unterschrieb nicht sofort. Er las die Zahlen zweimal, so wie er jeden Lieferschein zweimal liest, bevor er ihn freigibt. Dann nahm er den Stift.
Zuhause legte er den Zettel vom Kühlschrank, die Anmeldung für Finns Skifreizeit, vor Steffi auf den Tisch, neben den angebissenen Toast, der seit dem Morgen dort lag. „Schreib Finn an. Die Fahrt ist bezahlt. In einer Summe, nicht in Raten."
Steffi nahm den Zettel, drehte ihn einmal in der Hand, als müsse sie prüfen, ob die Zahl echt war. Dann ging sie zum Kühlschrank, löste den Tomatenmagneten, steckte die Anmeldung in einen Umschlag und schrieb Finns Namen darauf, in Druckbuchstaben, so wie sie es bei wichtigen Dingen immer tat.
![]()






