Der Becher, der nicht kippen wollte

In Freiburg im Breisgau, in einer Küche mit Blick auf die Weinberge des Schlossbergs, saß Opa Rudolf jeden Morgen am selben Platz. Kaffee, zwei Stück Zucker, ein Schluck Milch. Seine Hände zitterten seit vier Jahren – Parkinson, sagte der Arzt, und damit war für die Erwachsenen in der Familie das Thema meistens erledigt. Man kaufte ihm einen Becher mit Deckel, wie für Kleinkinder, und jedes Mal, wenn er ihn aus dem Schrank holte, schob er ihn erst zur Seite und trank lieber vorsichtig aus der normalen Tasse, bis wieder etwas auf der Tischdecke landete.

Seine Enkelin Paula war acht. Sie fand den Kindergeschirr-Becher albern und sagte das auch so direkt heraus, beim Frühstück, mit Nutellabrot in der Hand: „Der sieht aus wie für Babys, Opa. Das ist nicht fair."

Sie hatte keine Ahnung von Statik, von Schwerpunkten, von Materialkunde. Sie ging in die dritte Klasse der Grundschule am Sternwald und rechnete gerade das kleine Einmaleins. Aber sie beobachtete etwas, worüber die Erwachsenen längst hinweggesehen hatten: Wenn der Kaffeebecher drei Beine hätte statt eines runden Bodens, würde er dann nicht viel schwerer umkippen?

Sie fragte ihren Vater Matthias, Schreiner mit eigener Werkstatt in Herdern, ob er ihr helfen könne, das auszuprobieren. Er hätte sie auch vertrösten können – Samstagabend, die Werkstatt war eigentlich zu, die Maschinen liefen nicht mehr. Stattdessen holte er einen alten Joghurtbecher aus dem Küchenschrank und einen Klumpen Modelliermasse, die eigentlich für Paulas Schulprojekt gedacht war.

Sie klebten drei kleine Füße unter den Becher. Krumm, ungleich lang, das Ganze eher ein Wackelding als eine Erfindung. Beim ersten Test kippte er sofort um – schlimmer noch als der normale Becher. Paula war kurz davor, das Ganze in den Mülleimer zu werfen. Matthias hielt sie davon ab, nicht mit großen Worten, sondern indem er einfach fragte: „Was war diesmal falsch?"

Sie verlängerte einen der Füße. Verkürzte einen anderen. Verschob den Schwerpunkt näher zum Boden. Nach dem sechsten Versuch, an einem Sonntagnachmittag, mit Kaffeeflecken auf dem Küchentisch und Modelliermasse unter den Fingernägeln, stand der Becher. Sie stieß ihn mit dem Finger an – er wackelte, kippte aber nicht zurück in die Ausgangslage.

Paulas Tante, Krankenschwester im Universitätsklinikum Freiburg, sah den Becher bei einem Familienessen und drehte ihn zweimal in der Hand, bevor sie ihn abstellte. „So etwas bräuchten wir auf meiner Station. Für die Hälfte meiner Patienten."

Drei Jahre später saßen Paula und Matthias am selben Küchentisch, jetzt mit einem Karteikasten voller Skizzen und einem gebraucht gekauften 3D-Drucker daneben, für den in der Werkstatt kein Platz mehr gewesen war. Sie nannten die Firma „Dreibein". Die erste Version aus Keramik, glasiert in Waldgrün, sah aus wie Paula es wollte – nicht wie ein Medizinprodukt. Beim dritten Sturz auf die Küchenfliesen zersprang sie in drei Stücke. Paula kehrte die Scherben zusammen und sagte nur: „Dann eben Plastik." Sie wechselten zu stapelbarem, spülmaschinenfestem Kunststoff.

2019 stellten sie den Becher auf Kickstarter, mit einem Ziel von 20.000 Euro. Sie hatten mit ein paar Nachbarn aus der Wiehre gerechnet, vielleicht mit einer Notiz im Lokalblatt. Am Ende standen 54.780 Euro auf dem Konto und eine Nachricht einer Kölner Selbsthilfegruppe, die gleich eine ganze Kiste bestellte.

Dann kam der Brief aus Hamburg. Eine Firma bot an, das Patent zu kaufen und den Becher unter eigenem Namen zu verkaufen. Matthias und Paula, inzwischen vierzehn, setzten sich an den Küchentisch, an dem alles begonnen hatte, und lasen das Papier zweimal durch. Die Summe hätte die Werkstattschulden getilgt.

Paula schob das Papier zurück über den Tisch, so dass es genau vor Matthias' Kaffeetasse liegen blieb. „Wenn die das machen, heißt der Becher nicht mehr nach uns. Und dann bestimmen die, ob er teuer wird oder nicht." Matthias fragte nach, ließ sie die Konsequenzen selbst aussprechen – höhere Haftung, kein Konzern im Rücken. Sie blieb dabei. Der Brief ging per Einschreiben zurück, mit einer Absage, die Paula selbst geschrieben hatte.

Sie ließen sich stattdessen von einer Anwältin aus Freiburg beraten, deren Rechnung sie in Raten zu 150 Euro abstotterten, und meldeten ein Gebrauchsmuster an. Die Produktion blieb bei einem Betrieb im Schwarzwald, keine dreißig Kilometer von Matthias' Werkstatt.

Heute steht der Dreibein-Becher in vierzig Sanitätshäusern zwischen Freiburg und Stuttgart. An diesem Morgen, wie an jedem anderen, sitzt Opa Rudolf am Küchentisch, seine Hand zuckt beim Greifen, Kaffee schwappt über den Rand auf den Tisch. Der Becher bleibt stehen. Paula, mittlerweile siebzehn, wischt die Pfütze mit dem Ärmel weg, ohne hinzusehen, und schiebt ihm die Zuckerdose hin. „Zwei Stück, oder?"

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

4 × four =

Der Becher, der nicht kippen wollte