Es regnete schon, als sie den Sarg hinabließen, auf dem Friedhof Tolkewitz, gleich hinter der Elbe, wo im Herbst die Blätter der Kastanien die Wege vollständig bedecken.
Ich dachte die ganze Zeit: Bernd hätte über den Zeitpunkt gelacht. Er war so einer. Ein tropfender Wasserhahn war bei ihm "der Zimmerbrunnen". Eine Autopanne auf der A4 war "eine wohlverdiente Pause für den Wagen". Selbst an den schlimmsten Tagen fand er etwas, worüber man lachen konnte.
Mein schwarzer Mantel sog sich mit Regen voll, die Absätze sanken in den nassen Rasen, und ich erinnerte mich an seine schlechten Witze, während der Sarg unter der Erde verschwand. Ausgerechnet das machte den Verlust noch schlimmer.
Klaus stand neben mir und räusperte sich immer wieder. Mareike hielt sich selbst an den Armen fest, als könnte sie sonst auseinanderfallen. Jonas starrte geradeaus, die Kiefer fest zusammengepresst.
Ich hatte einen Zettel dabei, den ich am Grab vorlesen wollte, mit klammen Fingern, die Tinte war schon verlaufen von den Tropfen.
Danke für die Zettel neben dem Pausenbrot. Dafür, dass du geübt hast, Zöpfe zu flechten, obwohl du beim ersten Versuch die Hälfte meiner Haare zu einem Knoten verarbeitet hast. Dafür, dass du wach geblieben bist bei Fieber, bei Albträumen, bei Liebeskummer und bei Referaten, die um Mitternacht noch nicht fertig waren. Vor allem dafür, dass du fünf Kinder großgezogen hast, die nicht dein Blut waren, und uns nie spüren ließest, dass wir dir deshalb weniger gehörten.
Bernd war nicht mein leiblicher Vater. In unserem Haus in Loschwitz, mit dem knarrenden Holzboden und dem Garten voller Stachelbeersträucher, hat das nie eine Rolle gespielt.
Als ich Bernd zum ersten Mal traf, hatte er einen abgewetzten rosa Teddy dabei, dem ein Knopfauge fehlte. "Deine Mutter sagt, du bist sehr eigen", sagte er damals. "Dieser Bär hier ist auch ziemlich anspruchsvoll. Ich dachte, ihr zwei versteht euch vielleicht." Der Spitzname, den er mir an dem Tag gab, blieb bis zu seinem letzten Atemzug bestehen.
Zwei Jahre lang waren wir eine ganz normale kleine Familie. Dann, ich war sieben, starb meine Mutter bei einem Unfall auf der Bautzner Straße. Meine Großeltern wollten mich zu sich nehmen, sie liebten mich, aber sie gingen davon aus, dass Bernd sich ein neues Leben suchen würde, ohne das Kind einer anderen. Er saß mit mir auf dem Sofa, ich mit dem zerfledderten Bären im Arm, und als mein Großvater etwas dazu sagen wollte, wiederholte Bernd nur einen Satz: Sie bleibt hier.
Als ich neun war, adoptierte er Klaus und Mareike, Zwillinge, die Jahre durch Pflegefamilien gewandert waren. Zwei Jahre später kamen Jonas und Susanne dazu, Geschwister aus dem Jugendamt, die schließlich für immer blieben. Fünf Kinder, die aus fünf verschiedenen Richtungen "Papa" durch das Haus riefen, und Bernd, der auf jeden Ruf reagierte, als hätte er nie einen anderen Namen gehört.
Am Grab beugte sich Klaus zu mir und flüsterte: "Sie ist hier." Ich hatte mir zwei Jahre lang vorgestellt, Susanne wiederzusehen. Ich hatte mit Wut gerechnet. Stattdessen stand da eine Zwanzigjährige mit Augenringen, die viel älter aussah, als sie war.
Ich hatte sie angerufen, als Bernd starb. Ich hatte nicht erwartet, dass sie kommt.
"Er hat auf dich gewartet, Susanne", sagte Klaus. "Karten zu Weihnachten, Geburtstagsanrufe, Nachrichten auf der Mailbox." "Er hat jede einzelne Nacht die Lampe am Gartentor brennen lassen", sagte ich.
Ich erinnerte mich an den Abend, an dem sie ging, eine Woche nach ihrem achtzehnten Geburtstag. Bernd saß allein auf der Veranda und hielt die kleine Solarlampe vom Gartentor in der Hand, als könnte er sie damit zurückholen. Susanne hatte in einem Brief geschrieben, sie müsse ihr eigenes Leben aufbauen, ohne ihn. Wochen später ging sie endlich an mein Telefon. "Du kennst Bernd nicht so, wie ich ihn kenne", sagte sie nur. Diese Worte hatten sich zwei Jahre lang in mir festgesetzt, ohne dass ich verstand, warum.
Nach der Trauerfeier kam ein Mann im dunkelgrauen Mantel auf uns zu, stellte sich als Herr Brandenburg vor, Bernds Notar aus der Kanzlei in der Neustadt. "Er hat eine genaue Anweisung hinterlassen. Er möchte, dass alle fünf gemeinsam in meine Kanzlei kommen. Es gibt etwas, das ihr zusammen entgegennehmen müsst."
Zwei Tage später saßen wir zu fünft in einem engen Büro über der Königstraße. Auf dem Tisch stand eine kleine Holzkiste mit einem Messingschloss. Darin lag ein Brief, adressiert an alle fünf, und ein Umschlag nur für Susanne.
"Mein liebes Mädchen", hatte Bernd geschrieben, "es gibt etwas über Susanne, das ihr alle nicht wisst." Er erklärte, dass Susanne einst ein altes herzförmiges Medaillon in seiner Schreibtischschublade gefunden hatte. Darin ein Foto: Bernd, jung, neben einer jungen Frau.
Ich fand Susanne unter der großen Trauerweide auf dem Kanzleihof, zusammengesunken, die Schultern bebend. "Bitte", flüsterte sie und drückte mir den Brief in die Hand. "Lies du ihn vor. Ich schaff das nicht."
Die Frau im Medaillon war Elise – die Mutter von Susanne und Jonas. Bernd schrieb, wie eng er und Elise als Jugendliche gewesen waren, bevor sie mit sechzehn von zu Hause weglief. Jahre später erfuhr er, dass sie krank war und zwei Kinder hatte, die im Heim gelandet waren. Elise starb, und Bernd holte Jonas und Susanne sofort zu sich. Er hatte ihnen nie die ganze Geschichte erzählt, weil er wollte, dass sie ihre Mutter in ihrem eigenen Tempo kennenlernen – nicht durch seine Version.
Susanne aber hatte mit achtzehn das Medaillon gefunden und geglaubt, Bernd sei mit Elise liiert gewesen und habe sie im Stich gelassen. Als sie ihn zur Rede stellte, versuchte er es zu erklären. Sie war zu wütend, um zuzuhören, überzeugt, ein furchtbares Geheimnis aufgedeckt zu haben.
Er hatte die beiden nicht aus Schuldgefühl aufgenommen. Er hatte sie aufgenommen, weil sie Familie waren. Weil Bernd, wenn er jemanden liebte, blieb.
"Komm mit uns nach Hause", sagte ich zu Susanne. "Papa würde toben, wenn er wüsste, dass wir gerade ein Familiengeheimnis erfahren haben und uns dann auf dem Parkplatz einer Notarkanzlei trennen."
An diesem Abend gingen alle fünf zum ersten Mal seit zwei Jahren gemeinsam durch dasselbe Gartentor. Die kleine Lampe darüber brannte, wie jeden Abend, seit Susanne gegangen war. Noch in seiner letzten Woche hatte Bernd mich daran erinnert, die Batterie zu wechseln. Jetzt starrte Susanne auf das gelbe Licht, die Hand am eisernen Torgriff, ohne ihn zu drücken.
Drinnen roch das Haus noch nach Bernd – Kaffee, das Zedernholz seiner Werkstatt im Keller, Waschpulver, Pfefferminzbonbons aus der Dose auf der Fensterbank. Im Wohnzimmer, auf dem alten Fernseher lief noch die Kassette, die er letzten Winter eingelegt hatte, obwohl niemand mehr einen Videorekorder benutzte. Draußen bellte kurz der Hund der Nachbarin, dann war es wieder still, bis auf das Ticken der Küchenuhr.
Wir fanden das Fotoalbum von Weihnachten vor fünf Jahren – wir alle in gleichen roten Schlafanzügen, die Bernd hartnäckig "exklusive Nachtwäsche aus Italien" nannte, obwohl das Etikett noch den Preis von Kaufland zeigte. Der Mann, der bei jedem Film einschlief und das Schnarchen danach abstritt. Der Mann, der zu jeder Schulaufführung kam, auch wenn er die Stunden davor Reifen gewechselt hatte. Der Mann, der Ersatzhandschuhe im Auto liegen hatte, für Kinder, die nie seine eigenen waren, bis sie es doch wurden.
Susanne flüsterte irgendwann: "Glaubst du, er wusste, dass ich ihn immer noch geliebt habe?" "Er hat dir vergeben, bevor du überhaupt zur Tür raus warst", sagte ich. "Klar hat er das", sagte Klaus trocken. "Bernd hätte sogar jemandem vergeben, der sein Auto klaut, solange er es mit vollem Tank und einer ehrlichen Entschuldigung zurückbringt." Es war das erste echte Lachen, das ich an diesem Tag von Susanne hörte.
Drei Tage später standen wir wieder an Bernds Grab, das noch keinen Stein hatte, nur ein Holzkreuz mit seinem Namen. Susanne kniete als Erste hin und legte die Hand auf die feuchte Erde. "Es tut mir leid", flüsterte sie. "Es tut mir so leid, Papa."
Ich hatte eine kleine batteriebetriebene Laterne mitgebracht, dieselbe Art, wie sie am Gartentor hing. Ich stellte sie neben den Grabstein und schaltete sie an. Und dort, um Bernds Grab herum, verstand ich endlich, was er uns unser Leben lang beigebracht hatte: Familie entsteht nicht durch gleiche Nachnamen auf einer Geburtsurkunde. Sie sagt einem nicht immer sofort, wohin man gehört. Bernd hatte fünf Kinder großgezogen, die nicht sein Blut waren. Zwei davon waren die Kinder der Schwester, die er verloren hatte. Aber er hat sein Herz nie nach solchen Etiketten aufgeteilt.
Bevor wir zum Auto zurückgingen, drehte sich Susanne noch einmal zur Laterne am Grab um.
Zwei Wochen nach der Beerdigung saßen wir wieder bei Herrn Brandenburg, wegen des eigentlichen Testaments. Das Haus in Loschwitz sollte zu gleichen Teilen unter uns fünfen aufgeteilt werden – bis auf einen Punkt, den Bernd handschriftlich nachgetragen hatte: Susannes Anteil sollte erst ausgezahlt werden, wenn sie selbst unterschrieb, dass sie ihn erhalten wollte. Keine Frist, kein Druck. Nur eine Unterschrift, die sie sich holen musste, wann immer sie bereit war.
Susanne unterschrieb noch am selben Nachmittag. Danach fuhren wir gemeinsam zurück nach Loschwitz, und sie blieb. Nicht für einen Nachmittag, sondern für die Nacht, und dann für die nächste. Sie zog die alte Batterie aus der Lampe am Gartentor, warf sie in den Mülleimer neben der Garage und legte eine neue ein, mit eigenen Händen, ohne dass jemand sie darum gebeten hätte.
Manchmal ist Liebe eben genau das: der Mensch, der einen wählt. Und der das Licht brennen lässt, bis man den Weg zurückfindet.
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