Die Totenwache in der Christuskirche

Sie heißt Imke Vahrenkamp, aber an diesem Mittwochabend im November kennt in der Christuskirche in Bremen-Schwachhausen niemand ihren Namen. Ich bin die Organistin dort, seit vierzehn Jahren, und normalerweise sehe ich die Trauergesellschaft nur von oben, von der Empore aus. Diesmal stand ich unten am Seitenportal, weil der Strom für die Beleuchtung über der Orgelbank ausgefallen war und ich auf den Hausmeister wartete.

Deshalb habe ich alles gesehen.

Der Sarg von Lennart Brockmann stand vorne, mit weißen Rosen und einem Kranz der Spedition, die seinem Vater gehört hatte und die er, erst siebenunddreißig, vor vier Jahren übernommen hatte. Transportunternehmen Brockmann, dreiundzwanzig Lkw, ein Lagerhaus in Habenhausen, Verträge mit zwei großen Möbelhäusern. Der Mann war an einem Dienstagmorgen auf der A1 Richtung Hamburg tödlich verunglückt, bei Glätte, kurz vor der Abfahrt Buchholz. Seine Frau, Imke, war im siebten Monat schwanger und stand da in einem schwarzen Mantel, der über dem Bauch kaum noch zuging.

Ich hatte sie schon zweimal in der Kirche gesehen, zu Weihnachten, mit Lennart. Er hatte ihr immer den Mantel über die Schultern gelegt, bevor sie raus in die Kälte gingen. Diesmal stand sie allein vorne, eine Hand auf dem Bauch, die andere um einen Rosenkranz aus Holzperlen geschlossen, den sie, wie ich später erfuhr, von ihm zur Hochzeit bekommen hatte.

Seine Mutter, Renate Brockmann, kam mit energischem Schritt den Mittelgang herunter, noch bevor Pastor Thiessen die Einsegnung beendet hatte. Ihre Absätze klackten auf dem Steinboden, viel zu laut für einen Trauergottesdienst. Sie hielt einen gelben Umschlag in der Hand.

„Pack deine Sachen, du naive Person", sagte sie, und ihre Stimme trug bis zur letzten Bank. Sie legte ein paar Blätter auf den Sargdeckel. „Das Kind ist nicht von meinem Sohn. Wir haben das Ergebnis vom Labor. Lennarts Geld, die Spedition, das Haus in Oberneuland — das gehört jetzt seiner richtigen Familie."

Ich stand mit der Taschenlampe in der Hand und wusste nicht, ob ich näher gehen oder mich zurückziehen sollte. Meine Schicht als Organistin war eigentlich seit zwanzig Minuten zu Ende, ich hätte längst zu Hause sein können, mein Mann wartete mit dem Abendessen. Aber ich blieb.

Dann trat die Schwester, Birthe, vor. Kaum zwanzig, in viel zu hohen Schuhen für eine Beerdigung, griff sie nach Imkes linker Hand und riss ihr den Ehering vom Finger. Ich sah, wie die Haut aufplatzte, ein dünner roter Streifen über dem Knöchel.

„Das gehört dir auch nicht", sagte Birthe und hielt den Ring hoch, wie eine Trophäe auf einem Schützenfest. „Schaut sie euch an. Witwe, pleite, und dann noch schwanger."

Imke sagte kein Wort. Sie stand da, eine Hand auf dem Bauch, als würde sie etwas von innen beruhigen wollen. Ich dachte an meine eigene Schwangerschaft, vor achtundzwanzig Jahren, und wie mir damals schon vom Treppensteigen schwindelig wurde — und diese Frau stand hier, unter frontalem Beschuss, ohne sich zu bewegen.

Renate Brockmann winkte zwei Männer vom Bestattungsunternehmen heran, offenbar in der Annahme, sie könnten als Ordner fungieren. „Bringt sie raus, bevor sie hier noch eine Szene macht."

In diesem Moment flog die große Flügeltür am Hauptportal auf. Der Wind brachte den Geruch von nassem Laub und Dieselabgasen von der Parkallee herein, und mit ihm kam ein Mann im dunkelgrauen Anzug, Aktenkoffer in der Hand, gefolgt von einer jungen Frau mit einem Laptop und einem zusammengerollten Beamer-Ständer unter dem Arm.

Er stellte sich als Notar Hendrik Lammers vor, Lennarts langjähriger Rechtsbeistand aus der Kanzlei am Marktplatz. Ich kannte den Namen von einer Taufe vor Jahren, er hatte dort als Pate gestanden.

„Nach ausdrücklicher Verfügung von Herrn Brockmann", sagte er, und seine Stimme hatte diesen trockenen, amtlichen Ton, den man von einem Notar erwartet, „darf diese Trauerfeier nicht beendet werden, ohne dass eine von ihm hinterlegte Videobotschaft gezeigt wird."

Renate verzog kurz die Lippen zu etwas, das ich nur als zufriedenes Grinsen deuten konnte — als hätte sie geglaubt, ihr Sohn hätte ihr noch ein letztes Geschenk gemacht, eine Bestätigung ihrer Version. Sie faltete die Hände vor der Brust und wartete.

Der Beamer warf ein großes, etwas schiefes Rechteck Licht auf die weiße Wand hinter dem Altar, weil niemand Zeit hatte, die Leinwand richtig auszurichten. Dann erschien Lennarts Gesicht. Er saß in seinem Büro in Habenhausen, man sah im Hintergrund die Lkw-Flotte durchs Fenster, und er trug das karierte Hemd, das Imke ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte.

„Mama", sagte er, und seine Stimme füllte den Kirchenraum bis unter die Orgelpfeifen. „Falls du das hier siehst, weißt du schon, was du vorhattest. Pack deine Sachen. Dieses Haus war nie deins."

Renate Brockmann griff nach der Bank vor sich, ihre Knöchel wurden weiß. Der gelbe Umschlag rutschte ihr aus der Hand und fiel auf den Steinboden, die Blätter fächerten sich auseinander.

Lennart erklärte im Video, ruhig, als würde er einen Liefervertrag durchgehen: Er habe den DNA-Test, den seine Mutter in Auftrag gegeben hatte, vor sechs Wochen selbst in die Hände bekommen — gefälscht, bestätigt durch das Labor am Herdentorsteinweg, bei dem er persönlich nachgefragt hatte, weil die Unterschrift des Arztes nicht stimmte. Er wisse, dass seine Mutter das Kind nie als sein Enkelkind anerkennen wollte, weil sie Imke von Anfang an für eine Mitgiftjägerin gehalten habe, nur weil sie aus Gröpelingen stammte und nicht aus einer der Villen in Oberneuland. Er habe das Testament bereits im Juli bei Notar Lammers geändert: Haus, Firmenanteile, alle Konten gingen an Imke und das Kind. Seiner Mutter und Schwester stünde der Pflichtteil zu, nicht mehr.

Dann sagte er etwas, das nur Imke verstehen konnte, weil es keinen Bezug zum Streit hatte: „Vergiss nicht, die Heizung im Haus am Montag abzulesen, sonst meldet sich wieder der Schornsteinfeger." Ein kleiner, lächerlicher Satz zwischen all dem Ernst — aber genau daran, habe ich später gedacht, erkennt man einen Menschen, der wirklich an sein Leben danach geglaubt hat.

Birthe ließ den Ehering fallen. Er rollte über den Steinboden, drehte sich einmal und blieb unter der ersten Bank liegen. Niemand hob ihn auf. Ich sah, wie der Bestatter-Mitarbeiter, der eben noch Imke hatte hinausführen sollen, einen Schritt zurückwich und die Hände hinter dem Rücken verschränkte, als wollte er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben.

Pastor Thiessen räusperte sich und sagte leise zu Renate, dass es wohl besser sei, jetzt Platz zu nehmen. Sie setzte sich nicht. Sie ging, ohne ein weiteres Wort, durch den Seitenausgang hinaus, an mir vorbei, so nah, dass ich den Duft ihres Parfums roch, Rosenwasser und etwas Metallisches darunter, vielleicht Angst. Birthe folgte ihr nicht sofort. Sie blieb stehen, sah auf den Ring am Boden, dann auf Imke, und ging schließlich, ohne ihn aufzuheben, durch die Haupttür hinaus in den Regen.

Notar Lammers räumte in aller Ruhe die Blätter vom Boden auf, faltete sie zusammen und reichte sie Imke. „Das hier legen wir dem Nachlassgericht am Doventorsteinweg vor", sagte er. „Als Beweis für den Versuch der Urkundenfälschung."

Ich hob, als die Kirche sich langsam leerte, den Ring unter der Bank auf. Meine Finger waren kalt vom Durchzug an der Tür. Ich reichte ihn Imke, die ihn sich nicht sofort wieder ansteckte, sondern erst in die Tasche ihres Mantels legte, zu dem Rosenkranz.

Drei Wochen später, Anfang Dezember, kam sie noch einmal in die Kirche, allein, mit einem Ordner unter dem Arm, auf dem ein Aufkleber der Spedition klebte. Sie habe, erzählte sie mir, als wir uns in der Sakristei trafen, weil sie Pastor Thiessen für die Taufe im Frühjahr sprechen wollte, am Vortag beim Notar unterschrieben: Die Spedition läuft jetzt unter ihrem Namen weiter, mit einem Geschäftsführer, den Lennart selbst noch eingearbeitet hatte, einem gewissen Herrn Oelrichs, der seit elf Jahren im Unternehmen war. Das Haus in Oberneuland hat sie nicht verkauft. Aber sie hat das Konto, über das Renate noch Verfügungsvollmacht hatte, geschlossen und ein neues bei der Sparkasse am Herdentorsteinweg eröffnet, nur auf ihren Namen und, sobald es geboren ist, auf den Namen des Kindes.

Den Ehering trug sie wieder, an der rechten Hand diesmal, nicht an der linken. Ich habe nicht gefragt, warum. Manche Dinge erklärt man einer Organistin nicht, die man zweimal im Leben getroffen hat.

Als sie ging, klackten ihre Schritte viel ruhiger über den Steinboden, als Renates es je getan hatten. Ich blieb noch eine Weile und übte die Läufe für den Advent, während draußen der erste nasse Schnee auf die Parkallee fiel.

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