Dreizehn Jahre lang hat meine Mutter Hedwig jeden Sonntag um halb sechs Uhr morgens in der Küche in der Dortmunder Nordstadt gestanden und Frikadellen gebraten, bevor der Rest von uns überhaupt wach war. Ich, Jana, habe das nie hinterfragt. Der Duft von gebratenem Hackfleisch und Majoran gehörte zur Wohnung wie die quietschende dritte Stufe im Treppenhaus oder das Brummen der Straßenbahn Linie 400, die unten an der Münsterstraße vorbeifuhr.
Mein Bruder Timo und ich saßen am Resopaltisch, aßen, stritten uns um das letzte Brötchen, und sie stand am Herd, aß selten vor uns, sagte immer, sie habe schon genascht. Erst mit fünfunddreißig, als ich selbst in einer Zweizimmerwohnung in Hörde saß und mir ein Fertiggericht aus der Mikrowelle holte, habe ich angefangen zu rechnen. Dreizehn Jahre, fünfzig Sonntage im Jahr, das sind über sechshundert Mal, dass sie um vier Uhr aufgestanden ist, um beim Schlachter in der Brückstraße noch frisches Hack zu bekommen, bevor die Schlange zu lang wurde.
Mein Vater war früh verschwunden, eine Geschichte mit einer Kollegin und einem Job in Essen, die Hedwig nie ganz erzählt hat. Was blieb, war eine Kassiererin bei Kaufland mit zwei Kindern und einer Rente, die hinten und vorne nicht reichte. Trotzdem gab es sonntags Frikadellen, Kartoffelsalat mit Gurke, und einmal im Monat, wenn das Geld reichte, Vanillepudding mit roter Grütze.
Ich erinnere mich an einen Winter, ich war vielleicht elf, Timo neun, als die Heizung in unserer Wohnung in der Mallinckrodtstraße ausfiel und der Vermieter sich zwei Wochen nicht meldete. Hedwig hat uns beide ins Bett gepackt, Decken übereinandergelegt, und ist selbst im Wohnzimmer auf dem Sofa geblieben, mit dem einzigen Heizlüfter, den wir hatten, direkt neben sich, aber auf uns gerichtet. Sonntags gab es trotzdem Frikadellen. Sie hat später erzählt, sie habe die Marmelade von Kaufland verkauft bekommen, die kurz vor dem Ablaufdatum war, für fünfzig Cent das Glas, und davon den Rest der Woche gelebt, damit am Sonntag Fleisch auf dem Tisch stand.
Ich habe das damals nicht gesehen. Für mich war Sonntag einfach Sonntag. Erst als meine eigene Tochter Lotta zur Welt kam, vor vier Jahren, in der Klinik an der Beurhausstraße, habe ich angefangen, nachts aufzuwachen und zu rechnen, ob das Geld bis zum Ersten reicht. Da erst habe ich verstanden, was sechshundert Sonntage bedeuten, wenn man sie allein durchsteht.
Vor zwei Jahren wurde Hedwig krank. Nicht dramatisch, aber genug, dass die Ärztin an der Uniklinik ihr riet, kürzer zu treten, weniger zu stehen, weniger zu heben. Timo wohnte da schon in München, kam selten, schickte Geld, aber keine Zeit. Ich bin jeden Sonntag zu ihr nach Dortmund gefahren, mit Lotta im Kindersitz, zwei Stunden Fahrt von Köln, wo ich inzwischen arbeitete.
Beim dritten Besuch stand ich früh auf, bevor sie wach war, und machte die Frikadellen selbst. Ich hatte ihr Rezept nie aufgeschrieben bekommen, musste sie anrufen, mitten im Braten, weil ich den Majoran falsch dosiert hatte. Sie lachte am Telefon, zum ersten Mal seit Wochen richtig, und sagte, ich solle das Hack mit der Hand kneten, nicht mit der Gabel, sonst werde es zäh.
Als sie in die Küche kam und die Pfanne sah, blieb sie einen Moment in der Tür stehen. Dann setzte sie sich an den Tisch, wo sonst ich gesessen hatte, und ich stellte ihr den Teller hin. Sie aß alles auf, was sie seit Jahren nicht mehr getan hatte, und sagte nur: Die Kartoffeln hättest du noch eine Viertelstunde kochen müssen.
Seit diesem Sonntag übernehme ich die Küche, wenn ich da bin. Ich habe außerdem mit ihr zusammen zur Rentenberatung der Arbeiterwohlfahrt in der Innenstadt gemacht, einen Termin, den sie seit Jahren vor sich hergeschoben hatte, weil sie dachte, ihr stehe ohnehin nichts zu. Es stellte sich heraus, dass ihr eine Erwerbsminderungsrente zusteht, dreihundertzwanzig Euro mehr im Monat, die wir gemeinsam beantragt haben, mit allen Unterlagen, die ich in einem blauen Ordner gesammelt und sortiert habe, damit sie sie nicht noch einmal zusammensuchen muss.
Timo kam vor drei Wochen tatsächlich vorbei, unangekündigt, mit Blumen aus der Tankstelle. Hedwig saß am Tisch, aß Frikadellen, die ich gebraten hatte, und sah ihn nur an. Kein Vorwurf, keine große Rede. Sie schob ihm einfach den zweiten Teller hin, den ich für sie vorbereitet hatte, und sagte, er solle sich setzen, solange es noch warm sei. Er blieb diesmal bis zum Abend.
Jetzt stehe ich sonntags am Herd, Lotta auf dem Hocker daneben, die mit kleinen Fingern Hackfleisch zu Bällchen rollt, die garantiert viel zu klein geraten, aber Hedwig lacht jedes Mal darüber und isst sie trotzdem. Der blaue Ordner mit den Rentenunterlagen liegt im Flurschrank, griffbereit, falls noch etwas nachgereicht werden muss. Und wenn jemand fragt, warum ich zwei Stunden fahre, nur für ein Essen, das ich auch zu Hause kochen könnte, sage ich einfach, dass manche Sonntage dreizehn Jahre brauchen, um verstanden zu werden.
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