Dreihundert Euro, die ein Dachdecker nicht verprasst hat

Jonas Brechner reparierte Dachrinnen in Leverkusen und verdiente an schlechten Monaten elfhundert Euro netto. An guten Monaten waren es siebzehnhundert. Seine Frau Katja fragte ihn im März, warum er sich jeden Monat am Fünfzehnten die Gehaltsabrechnung ansah und dabei die Stirn runzelte, als würde er einen Fehler suchen.

„Weil ich dreihundert Euro verschwinden lasse", sagte er. „Und ich will sehen, wohin."

Es war nicht viel, dreihundert Euro. Aber es war nicht nichts. Seine Mutter, Edith Brechner, hatte ihr ganzes Leben auf dem Sparbuch der Kreissparkasse geparkt, bis die Zinsen irgendwann bei null Komma null Prozent standen und die Inflation ihr jedes Jahr ein paar Prozent wegfraß, ohne dass sie es merkte. Mit sechsundsechzig hatte sie vierzigtausend Euro, die weniger wert waren als die vierzigtausend, die sie zwanzig Jahre vorher eingezahlt hatte. Das hatte Jonas nicht vergessen.

Also hatte er sich im Internetforum eines Kollegen – ein Elektriker namens Timo, der nebenbei Krypto und ETFs handelte – eine Methode abgeschaut, die simpel genug war, um sie nicht zu vergeigen. Dreihundert Euro, aufgeteilt in drei Töpfe.

Zweihundertzehn Euro gingen in einen ETF auf den gesamten amerikanischen Aktienmarkt, den sogenannten MSCI USA – das Fundament, auf dem alles andere stand. Sechzig Euro flossen in einen internationalen ETF, der Firmen außerhalb der USA abdeckte, von Siemens bis Toyota, damit nicht alles an einer einzigen Volkswirtschaft hing. Und dreißig Euro gingen in einen Dividenden-ETF, der auf etablierte Unternehmen setzte, die regelmäßig Geld an ihre Aktionäre ausschütteten.

Katja hielt das für Spielerei, bis sie im Sommer die erste Dividendengutschrift sah – vierzehn Euro siebzig, eingegangen auf dem Depotkonto bei der ING, während sie beide auf der Terrasse ihrer Mietwohnung in Opladen saßen und der Nachbar nebenan seinen Rasenmäher nicht in den Griff bekam. Der Hund von gegenüber bellte dazu im Dreivierteltakt, und keiner von beiden lachte, aber beide sahen sich an, als hätte gerade etwas angefangen, das sie noch nicht ganz verstanden.

Jonas' Vater, Rüdiger, war anderer Meinung. Rüdiger hatte sein Leben lang bei Bayer am Fließband gestanden und glaubte an Betongold, an Eigentumswohnungen, an Dinge, die man anfassen konnte. „Aktien sind Zockerei", sagte er beim Sonntagskaffee, während er sich ein zweites Stück Streuselkuchen nahm. „Du gibst dein Geld irgendwelchen Fremden in Amerika, und die lachen dich aus."

„Die lachen niemanden aus, Papa. Die zahlen Dividenden."

„Bis sie's nicht mehr tun."

Jonas widersprach nicht laut. Er zeigte stattdessen, Monat für Monat, die App auf seinem Handy, in der die Zahl langsam wuchs – erst zweitausend, dann fünftausend, dann, nach zwei Jahren Dauerauftrag, einundzwanzigtausend Euro. Nicht geschenkt. Nicht erraten. Dreihundert Euro, abgebucht am Fünfzehnten, automatisch, egal ob er Lust hatte oder nicht, egal ob die Kurse fielen oder stiegen.

Im vierten Jahr kam der Einbruch. Die Märkte fielen im Frühjahr um über zwanzig Prozent, und Jonas' Depot, das inzwischen bei knapp vierzigtausend Euro gestanden hatte, schrumpfte binnen sechs Wochen auf etwas über einunddreißigtausend. Katja bekam Angst. Rüdiger rief an, nicht um zu trösten, sondern um zu sagen: „Hab ich's nicht gesagt."

Jonas stornierte den Dauerauftrag nicht. Er erhöhte ihn nicht, aber er stoppte ihn auch nicht. Er saß an einem Dienstagabend am Küchentisch, die Kontoauszüge vor sich ausgebreitet wie Karten bei einem Skatspiel, und rechnete nach, was er seit dem Start eingezahlt hatte: vierzehntausendvierhundert Euro, über vier Jahre. Der aktuelle Wert lag bei einunddreißigtausendzweihundert. Ein Verlust war das nicht, trotz des Einbruchs – nur ein Rückschritt auf dem Weg, den er sich selbst vorgezeichnet hatte.

Die eigentliche Probe kam ein Jahr später, als Ediths Sparbuch endgültig aufgezehrt war von den Kosten für ihre Pflegestufe-zwei-Betreuung und sie Jonas bat, ihr fünftausend Euro zu leihen, bis die Pflegekasse die rückständige Erstattung überwiesen hatte. Jonas hätte das Depot anfassen müssen. Er tat es nicht. Er nahm einen Kredit bei seiner Hausbank auf, zu sechs Komma zwei Prozent, zahlte die fünftausend Euro an seine Mutter und ließ das Depot in Ruhe weiterlaufen, weil er begriffen hatte, dass der Dauerauftrag der einzige Teil seines Lebens war, den niemand – nicht Rüdiger, nicht die Pflegekasse, nicht der Markteinbruch – anfassen durfte.

Heute, mit vierzig, sitzt Jonas wieder am selben Küchentisch in Opladen. Das Depot steht bei hundertachtzehntausend Euro. Rüdiger redet nicht mehr von Zockerei; er hat selbst, auf Jonas' Drängen, zehntausend Euro seiner Betriebsrente in denselben MSCI-USA-ETF gesteckt und ruft jetzt an, um nach dem Kurs zu fragen, nicht um zu warnen. Katja hat aufgehört zu rechnen, wie viel sie theoretisch hätten, wenn sie das Geld stattdessen in eine größere Wohnung gesteckt hätten – sie wohnen immer noch in Opladen, zur Miete, aber mit einem Depot, das jeden Monat ohne ihr Zutun wächst.

Jonas öffnet die App nicht mehr täglich. Er öffnet sie am Fünfzehnten, sieht die Abbuchung, die automatisch läuft, egal was an jenem Tag in der Zeitung steht, und schließt sie wieder. Dreihundert Euro, die nicht verprasst wurden. Das war die ganze Methode.

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Dreihundert Euro, die ein Dachdecker nicht verprasst hat