Die Werkstatt, die ich nicht verkauft habe

Ich heiße Jonas Brenner, bin vierzig Jahre alt und betreibe seit zwölf Jahren eine Autowerkstatt in Gelsenkirchen, gleich hinter dem Hauptbahnhof, wo die Miete wenigstens noch bezahlbar ist. Meine Frau heißt Nadine. Wir sind seit neun Jahren verheiratet, keine Kinder, dafür zwei Katzen und einen Kredit, den wir beide abstottern.

An dem Abend, um den es hier geht, war Nadine mit ihrer besten Freundin Steffi unterwegs, einer Kneipentour durch die Altstadt, wie sie das alle paar Monate machen. Ich war zu Hause, hatte den Fernseher laufen, ohne wirklich zuzuschauen, und wartete eigentlich nur darauf, dass sie heimkommt, damit ich die Werkstattzahlen vom Monat noch mit ihr durchgehen kann. Sie macht die Buchhaltung für mich, ehrenamtlich quasi, weil ich von Excel-Tabellen so viel verstehe wie von Quantenphysik.

Sie kam gegen halb zwei. Ich hörte den Schlüssel im Schloss, dann wie sie sich im Flur gegen die Wand lehnte, um die Schuhe auszuziehen. Ich bin aufgestanden, um ihr zu helfen, und da ist mir aufgefallen, dass unter ihrem Mantel irgendetwas fehlte. Sie trug kein Unterhemd mehr unter der Bluse, das war mir egal gewesen. Aber als sie sich bückte, sah ich, dass sie auch sonst nichts mehr anhatte, was sie am Abend angezogen hatte. Nichts darunter. Gar nichts.

Ich habe nicht geschrien. Ich habe sie einfach gefragt, ganz ruhig, wo ihre Unterwäsche hin ist. Sie hat gelacht, hat gesagt, das sei doch albern, sie hätte vielleicht was verloren, keine Ahnung, sie sei betrunken. Aber ihre Hände haben beim Reden gezittert, und sie hat die ganze Zeit auf ihr Handy geschaut, als würde sie auf eine Nachricht warten, die sie retten soll.

Ich habe zwei Stunden nicht geschlafen. Um vier habe ich dann Steffis Mann angerufen, Matthias, mit dem ich mich eigentlich gut verstehe, wir grillen manchmal zusammen im Sommer. Ich wollte nur wissen, ob die beiden Frauen wirklich zusammen unterwegs waren, ob da irgendwas komisch war an dem Abend. Und Matthias, der auch nicht geschlafen hat, offenbar, sagt zu mir, ganz ohne Umschweife: „Das ist doch gar nichts. Meine ist mit einem Zettel in der Handtasche heimgekommen, mit einer Telefonnummer drauf und dem Namen eines Typen, den ich nicht kenne."

In dem Moment habe ich begriffen, dass das kein Zufall war. Zwei Frauen, eine Nacht, zwei Männer, die um vier Uhr morgens am Telefon sitzen und sich gegenseitig ihr Elend erzählen.

Ich sage das nicht, um mich zu rechtfertigen. Aber von meiner Seite aus sah die Sache so aus: Ich hatte die letzten drei Monate jeden Tag zwölf Stunden in der Werkstatt verbracht, weil ein Kollege gekündigt hatte und ich keine Zeit hatte, einen neuen einzustellen. Nadine hatte mir mehrfach gesagt, dass sie sich wie eine Mitbewohnerin fühlt, nicht wie eine Frau. Ich hatte das abgetan, gesagt, das sei nur eine Phase, bis die Auftragslage sich beruhigt. Ich hatte nicht gesehen, was in ihr vorging, weil ich bis zu den Ellbogen in Motorenöl steckte und abends zu müde war, um überhaupt zu fragen, wie ihr Tag war.

Das heißt nicht, dass es in Ordnung war, was sie getan hat. Aber ich will erzählen, was ich in dem Moment gedacht habe, als ich mit dem Telefon in der Hand in der Küche stand und Matthias am anderen Ende atmen hörte: Ich habe nicht an Rache gedacht. Ich habe an die Werkstatt gedacht.

Vor zwei Jahren, als mein Vater gestorben ist, habe ich die Werkstatt von ihm geerbt, aber aus steuerlichen Gründen und weil Nadine damals gesagt hat, das sei doch sowieso „unser beider Ding", habe ich sie zur Hälfte auf ihren Namen mit eintragen lassen. Fünfzig Prozent einer Werkstatt, die inzwischen, nach der Renovierung letztes Jahr, auf etwa dreihunderttausend Euro geschätzt wird. Ich hatte das nie als Problem gesehen. Jetzt, am Küchentisch, mit dem kalten Kaffee von gestern Abend vor mir, sah ich zum ersten Mal, was das bedeutete: Diese Frau, die mir gerade in dieser Nacht fremd geworden war, besaß die Hälfte von dem, was mein Vater mit seinen eigenen Händen aufgebaut hatte.

Ich habe Nadine am nächsten Morgen nicht angeschrien. Ich habe sie gefragt, ob sie mir einfach die Wahrheit sagt, und sie hat angefangen zu weinen, am Küchentisch, mit den Händen um eine Tasse Tee, die sie nicht angerührt hat. Sie hat gesagt, es sei nichts „Richtiges" gewesen, nur ein Typ aus der Bar, den Steffi kennt, und dass sie sich einsam gefühlt hat, dass sie sich betäuben wollte, und dass es ihr danach sofort leidgetan habe. Ich habe sie nicht unterbrochen. Ich habe zugehört, bis sie fertig war, und dann habe ich ihr gesagt, dass ich zwei Dinge weiß: Erstens, dass ich sie nicht mehr anfassen will, solange diese Nacht zwischen uns steht. Zweitens, dass ich am Montag einen Termin beim Notar mache.

Sie hat gefragt, wofür. Ich habe ihr gesagt: für die Werkstatt.

Am Montag bin ich zu Herrn Kowalski gegangen, unserem Notar in der Bahnhofstraße, mit dem ich seit Jahren zu tun habe, weil er auch die Papiere meines Vaters gemacht hat. Ich habe ihm die Lage erklärt, so sachlich wie möglich, und er hat mir gesagt, dass ich Nadine nicht einfach aus dem Grundbuch streichen kann, aber dass wir eine notarielle Vereinbarung über eine Rückübertragung aufsetzen können, wenn sie freiwillig zustimmt. Freiwillig. Das Wort ist mir im Kopf geblieben.

Ich bin nach Hause gefahren und habe Nadine den Entwurf gezeigt, den Herr Kowalski mir mitgegeben hatte. Ich habe ihr nicht gedroht. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich mir nicht vorstellen kann, weiterhin geschäftlich an sie gebunden zu sein in etwas, das meinem Vater gehört hat, wenn ich gleichzeitig nicht weiß, ob ich ihr überhaupt noch vertrauen kann. Dass das zwei verschiedene Sachen sind – die Ehe und die Firma –, aber dass ich jetzt nur über die Firma reden will, weil die Ehe eine andere, längere Geschichte ist, die wir vielleicht nie wieder richtig hinkriegen.

Sie hat drei Tage gebraucht. Sie ist zu ihrer Mutter nach Bochum gefahren, hat mit ihr geredet, ich weiß nicht genau worüber, und als sie zurückkam, hat sie gesagt, sie unterschreibt. Sie hat gesagt, sie hätte sowieso nie das Gefühl gehabt, dass ihr die Hälfte zusteht, dass es für sie immer die Werkstatt von meinem Vater gewesen sei, und dass sie nicht will, dass ausgerechnet diese Nacht das Letzte ist, was sie davon behält.

Am Donnerstag sind wir beide zu Herrn Kowalski gefahren. Ich hatte die Mappe mit den Grundbuchunterlagen dabei, die ich seit dem Tod meines Vaters in einer Schublade im Wohnzimmer aufbewahrt hatte, zusammen mit seiner alten Armbanduhr. Nadine hat unterschrieben, ohne dass jemand sie gedrängt hat, mit einem Kugelschreiber, den ihr der Notar gegeben hat, und ihre Hand hat dabei nicht gezittert, anders als in jener Nacht.

Matthias und Steffi, soweit ich weiß, haben sich ein halbes Jahr später scheiden lassen. Er hat mir das bei einem Zufallstreffen am Aldi erzählt, zwischen den Kühlregalen, fast beiläufig, so wie man über das Wetter redet. Nadine und ich sind nicht geschieden. Wir leben noch zusammen, in der gleichen Wohnung, mit den gleichen zwei Katzen, aber ich schlafe seit jener Nacht im Gästezimmer, und sie hat nie gefragt, wann ich zurückkomme.

Die Werkstatt gehört jetzt wieder vollständig mir, so wie sie meinem Vater gehört hat. Ich habe letzte Woche einen neuen Mitarbeiter eingestellt, einen jungen Kerl aus Herne, der gut mit Dieselmotoren umgehen kann. Ich komme inzwischen um sechs nach Hause statt um acht. Nadine macht immer noch die Buchhaltung, aber jetzt bekommt sie dafür ein Gehalt, schwarz auf weiß, mit Lohnzettel, wie jede andere Angestellte auch. Letzten Freitag hat sie mir die Abrechnung für Oktober auf den Küchentisch gelegt, ordentlich sortiert, mit einer Büroklammer zusammengehalten, und ist dann ohne ein Wort wieder in ihr Zimmer gegangen.

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