Die Notarin aus der Elsässer Straße

Die Grafikdesignerin aus der Lichtstraße

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Notarangestellte in Köln-Ehrenfeld, und man sieht in diesem Beruf einiges, aber selten so deutlich wie bei Frau Beringer. Ich kenne sie nicht wirklich – sie war eine Mandantin unserer Kanzlei, eine von vielen, die durch unsere Tür kamen mit Aktenordnern unter dem Arm und diesem bestimmten Gesichtsausdruck, den Menschen bekommen, wenn eine Ehe zu Ende geht.

Sie kam an einem Dienstag im März herein, kurz nach der Mittagspause, als draußen noch Schneereste in den Hofecken lagen und der Kaffeeautomat im Flur schon wieder kaputt war. Mathilde Beringer, Mitte vierzig, Grafikdesignerin, wie ich später aus den Unterlagen erfuhr. Sie setzte sich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch, legte eine dünne blaue Mappe ab und sagte nur: „Ich brauche einen Termin bei Herrn Notar Wessling. Es geht um eine Eigentumswohnung."

Ich hatte Dienst an diesem Nachmittag, also hörte ich mit, während sie ihre Situation schilderte – nicht aus Neugier, sondern weil man als Notarangestellte eben zuhört, um die richtigen Formulare vorzubereiten. Ihr Mann, Jonas Beringer, hatte ihr mitgeteilt, nach der Scheidung werde seine Mutter bei ihm einziehen. In die Wohnung, die Mathilde im Mai 2016 gekauft hatte, drei Jahre bevor sie überhaupt heirateten. Eine Wohnung in der Lichtstraße in Ehrenfeld, dritter Stock, mit Blick auf den Vogelsanger Weg und die Straßenbahnschienen, die man im Sommer bei offenem Fenster leise summen hört.

„Er sagte, ich solle mein kleines Arbeitszimmer räumen", erzählte sie, während sie den Reißverschluss ihrer Mappe auf- und wieder zuzog. „Und dann kam seine Mutter mit dem Zollstock und hat ausgemessen, ob ihre Kommode an die freie Wand passt."

Herr Wessling kam dazu, bat sie in sein Büro, und ich ging zurück an meinen Platz. Später, als er die Akte zur Anlage freigab, erfuhr ich die Einzelheiten: Dass der Ehemann seit vier Jahren Ehe und insgesamt sieben Jahren in der Wohnung lebte und sich deshalb als derjenige mit dem größeren Anspruch sah. Dass die Schwiegermutter ihre eigene Wohnung in Nippes vermieten wollte, sobald sie bei ihrem Sohn unterkommen konnte. Dass man Mathilde bereits Wohnungsanzeigen aus Mülheim und Kalk geschickt hatte, mit dem Kommentar: „Für dich allein reicht das völlig."

Zwei Wochen später kam sie noch einmal, mit einem Ordner voller eigener Notizen, als hätte sie zwischenzeitlich jeden Paragraphen selbst nachgelesen. Sie wollte von Herrn Wessling genau wissen, ob ein Zugewinnausgleich bei einer Immobilie, die vor der Ehe erworben wurde, in irgendeiner Form angreifbar sei, wenn der Ehemann anführte, er habe über die Jahre in die Instandhaltung investiert – neue Fenster, eine Einbauküche, die er zur Hälfte bezahlt hatte. Herr Wessling prüfte die Belege, die sie mitgebracht hatte, sprach von möglichen Ausgleichsansprüchen für diese konkreten Investitionen, aber nicht vom Eigentum selbst. Die Wohnung, eingetragen vor der Ehe, ohne gemeinsame Finanzierung, blieb ihr Eigentum. Trotzdem verließ sie die Kanzlei an diesem Tag mit zusammengepressten Lippen, die Belege so fest in der Hand, dass sich die Ecken der Blätter wellten.

Ich weiß, was dann an jenem Donnerstagabend geschah, weil Mathilde es Herrn Wessling erzählte, und weil ich – zugegeben, ohne dass sie es wusste – noch im Flur stand, als sie es ihm schilderte, die Bürotür einen Spalt offen.

Sie hatte den Küchentisch abgewischt, bevor Jonas von der Arbeit kam. Nicht aus Nervosität, sagte sie, sondern weil die Tischplatte voller Kaffeeflecken war und sie die Dokumente nicht darauf legen wollte, solange sie klebrig war. Als er die Tür aufschloss, lagen bereits drei Blätter ordentlich nebeneinander: der Grundbuchauszug mit dem unterstrichenen Datum Mai 2016, eine Aufstellung der Einbauküchenkosten mit dem Hinweis, dass sie bereit sei, ihm die Hälfte seines Anteils in bar auszuzahlen, und ein Kündigungsentwurf für seine Meldeadresse, drei Monate Frist.

Jonas setzte sich nicht. Er stand am Tisch, nahm den Grundbuchauszug in die Hand, legte ihn wieder hin, nahm ihn noch einmal auf. „Das ist unsere Wohnung", sagte er. „Ich habe hier sieben Jahre gewohnt."

„Du hast hier sieben Jahre gewohnt, weil ich dich eingeladen habe", sagte Mathilde. „Das steht nicht im Grundbuch."

Er rief seine Mutter an, noch mit dem Telefon in der einen und dem Grundbuchauszug in der anderen Hand. Sie kam innerhalb einer halben Stunde, diesmal ohne Zollstock, dafür mit einem Ordner unter dem Arm, von dem sie behauptete, er enthalte Belege über „jahrelange gemeinsame Haushaltsführung". Sie breitete ihn auf dem Tisch aus – Kassenzettel, eine alte Nebenkostenabrechnung, ein handschriftlicher Zettel über eine Umzugshilfe von 2019. Mathilde sah sich jeden einzelnen Zettel an, nahm sich Zeit dafür, während die Schwiegermutter immer wieder sagte, das belege doch, dass die Wohnung „gemeinsam gelebt" worden sei, das müsse doch etwas bedeuten.

Am Ende schob Mathilde nur den Grundbuchauszug noch einmal über den Tisch, so dass er genau vor der Schwiegermutter lag. „Mai 2016", sagte sie. „Ihr Sohn hat mich im September 2019 geheiratet. Rechnen Sie es nach."

Die Schwiegermutter faltete ihren Ordner zusammen, langsamer als sie ihn ausgebreitet hatte, nahm ihren Mantel vom Haken im Flur und ging, ohne sich zu verabschieden. Jonas blieb noch am Tisch stehen, blätterte durch die Kostenaufstellung für die Einbauküche, rechnete mit den Fingern auf der Tischplatte den Betrag nach, den Mathilde ihm anbot, und sagte schließlich nur: „Ich brauche das schriftlich, mit Zahlungstermin."

Zwei Wochen später, als Mathilde zum dritten Mal in unserer Kanzlei saß, diesmal um den Nachweis der ausgezahlten Küchenkosten für die Scheidungsvereinbarung einzureichen, trug sie die blaue Mappe nicht mehr unter dem Arm wie beim ersten Mal, sondern in der Tasche eines Einkaufsnetzes, zusammen mit Paprika und einer Packung Kölsch. Sie sagte nur zu Herrn Wessling, während sie unterschrieb: „Ich wohne jetzt wieder allein in meinem Arbeitszimmer." Dann steckte sie den unterschriebenen Vertrag ein, bedankte sich bei mir für den Kaffee von neulich, und ging zur Straßenbahnhaltestelle, an der die Vierzehn gerade einfuhr.

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