Mareike Voss stellte den Kaffeebecher auf das Armaturenbrett ihres Golf und sah auf die Uhr: 6:47. Die A8 bei Stuttgart stand schon wieder. Drei Streifen, keine Bewegung, nur rote Rücklichter bis zum Horizont.
Elf Jahre fuhr sie diese Strecke jetzt. Sindelfingen, Wohnung, dann der Firmensitz in der Innenstadt, vierzig Minuten hin, wenn es gut lief, oft eine Stunde zehn. Sie arbeitete als Sachbearbeiterin in der Buchhaltung eines mittelständischen Maschinenbauers, und ihr Chef, Herr Brenner, glaubte an Präsenz. "Wer nicht im Büro ist, arbeitet nicht", sagte er gern beim Montagsmeeting, während er selbst meistens erst um zehn kam.
An diesem Morgen roch es im Auto nach dem Pfefferminzbonbon, das ihre Tochter Lotta ihr am Vortag in die Mittelkonsole gesteckt hatte, und auf dem Radio lief der Verkehrsfunk mit der immer gleichen Meldung: Stau zwischen Böblingen und Stuttgart-Vaihingen, acht Kilometer. Mareike kannte die Stimme des Moderators besser als die ihrer eigenen Schwester.
Sie rechnete es sich zum ersten Mal richtig aus, an diesem Dienstag im November, während sie im Stillstand stand und der Fahrer vor ihr mit dem Handy telefonierte. Zwei Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche, das waren zehn Stunden wöchentlich. Bei fünfzig Arbeitswochen im Jahr kam sie auf fünfhundert Stunden. Mehr als zwanzig volle Tage, nur im Auto sitzend, nur um am Ende im Büro denselben Laptop aufzuklappen, den sie genauso gut am Küchentisch hätte öffnen können.
Und das Geld. Benzin, die Parkgebühr in der Tiefgarage am Marktplatz, vierzehn Euro der Tag, dazu Verschleiß, Ölwechsel, die neuen Reifen im Frühjahr. Sie tippte es abends in ihr eigenes Haushaltsbuch, das sie führte, seit sie mit zweiundzwanzig von zu Hause ausgezogen war: knapp dreitausendsiebenhundert Euro im Jahr allein für den Weg zur Arbeit. Über elf Jahre gerechnet kam sie auf eine Summe, die sie erschreckte, als sie sie zum ersten Mal schwarz auf weiß vor sich hatte: über vierzigtausend Euro, nur um irgendwo hinzufahren, wo sie das Gleiche tat wie zu Hause.
Im Frühjahr hatte Mareike einen Antrag gestellt. Zwei Tage Homeoffice die Woche, schriftlich begründet, mit Verweis auf die Buchhaltungssoftware, die sie über VPN genauso gut von der Wohnung aus bediente. Herr Brenner hatte den Antrag drei Wochen liegen lassen, dann in einem Vierteljahresgespräch abgelehnt. "Teamgeist", hatte er gesagt. "Wer zu Hause sitzt, verliert den Anschluss."
Dabei saß Brenner selbst die Hälfte seiner Bürozeit in Telefonkonferenzen mit der Niederlassung in Hamburg, die Tür geschlossen, während die anderen am Gang vorbeigingen und rieten, wann er wieder auftauchen würde.
An jenem Novembermorgen, als sie endlich am Schreibtisch saß, kam die Mail von der Geschäftsführung: Umstrukturierung, zwei Stellen in der Buchhaltung würden zusammengelegt, Bewerbungsgespräche intern, Entscheidung bis Weihnachten. Mareikes Kollegin Birgit, die seit sechzehn Jahren im Haus war, weinte in der Teeküche, leise, während draußen am Gang jemand lachte.
Mareike ging an diesem Abend nicht sofort nach Hause. Sie fuhr zu ihrer Schwester Karin, die seit zwei Jahren als freie Buchhalterin für drei kleine Betriebe im Umland arbeitete, komplett remote, von einem Zimmer in ihrem Reihenhaus in Böblingen aus. Karin hatte keine Pendelzeit, keine Parkgebühr, und verdiente, nach Abzug aller Kosten, mehr als Mareike.
"Du hast die Ausbildung, die Erfahrung, die Software kennst du im Schlaf", sagte Karin und stellte zwei Teller mit Linsensuppe auf den Tisch, während im Garten der Nachbarshund bellte, weil der Postbote kam. "Wofür brauchst du Brenner noch?"
Mareike sagte nichts. Sie rührte in der Suppe und dachte an die fünfhundert Stunden im Jahr, an Lotta, die um halb sieben morgens noch schlief, wenn sie das Haus verließ, und schon im Bett lag, wenn sie zurückkam.
Zwei Wochen später, an einem Freitagnachmittag, saß Mareike in Brenners Büro. Auf dem Tisch lag die Kündigung, ordentlich getippt, unterschrieben, in einem braunen Umschlag mit der Aufschrift "Persönlich". Daneben ein zweiter Umschlag: die Gewerbeanmeldung, die sie am Dienstag beim Amt in Sindelfingen eingereicht hatte, als selbstständige Buchhalterin. Zwei Kunden hatte sie bereits, beide aus Karins Netzwerk, ein dritter stand in Aussicht.
"Das ist unüberlegt", sagte Brenner, ohne aufzusehen von seinem Bildschirm. "Der Markt ist hart für Einzelkämpfer."
"Elf Jahre bin ich für diese Firma gefahren", sagte Mareike. "Fünfhundert Stunden im Jahr, für denselben Laptop, den ich zu Hause auch habe. Ich mache den letzten Monat noch die Übergabe, dann bin ich weg."
Brenner sah jetzt hoch, zum ersten Mal richtig, und für einen Moment sagte er gar nichts.
Vier Monate später saß Mareike an ihrem eigenen Schreibtisch, am Fenster zum Garten, mit Blick auf den Apfelbaum, den sie im Oktober gepflanzt hatte. Keine Parkgebühr mehr, kein Stau, kein Herr Brenner. Um halb vier holte sie Lotta von der Schule ab, zu Fuß, zehn Minuten, und der Pfefferminzbonbon lag jetzt in einer Schale auf dem Küchentisch, nicht mehr in der Mittelkonsole eines Autos, das die meiste Zeit vor dem Haus stand und nicht mehr gebraucht wurde.
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