Ich sitze in der Küche unserer Mietwohnung in Leipzig-Gohlis, vor mir der Brief vom Vermieter, und draußen rattert die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof. Meine Schwester Katharina hat gerade angerufen. Sie wohnt jetzt in Leipzig-Plagwitz, in einem Reihenhaus mit kleinem Garten, das sie sich vor drei Jahren gekauft hat, als wir noch in München lebten und ich dachte, wir würden da nie wieder weg.
Ich heiße Susanne Brandt, bin 47, arbeite als Buchhalterin bei einer Spedition. Mein Mann Jörg ist Elektriker. Zwei Kinder, Lukas und Mia, 16 und 13. Bis vor vier Jahren hatten wir eine Dreizimmerwohnung in Pasing, München, die Miete lag bei 1.680 Euro kalt. Dann kam die Nebenkostenabrechnung mit der Nachzahlung von 2.400 Euro, dann die neue Kfz-Versicherung, die plötzlich 380 Euro im Halbjahr mehr kostete, weil Jörg einen Parkschaden hatte, der nicht mal seine Schuld war. Und dazwischen die Kinderbetreuung, der Hort, die Klavierstunden für Mia, die wir nicht streichen wollten.
Katharina hatte es vorgemacht. Sie ist Erzieherin, kein Hochverdiener, aber sie hat gerechnet, verglichen, und ist nach Leipzig gezogen, als noch keiner darüber sprach. "Hier zahlst du für ein Haus mit Garten das, was du in München für zwei Zimmer ohne Balkon zahlst", hat sie mir am Telefon gesagt, als wir noch zögerten. Ich habe ihr nicht geglaubt. Bis ich selbst die Zahlen gesehen habe: ein Reihenhaus in Gohlis für 320.000 Euro, das in München eher 850.000 gekostet hätte. Keine Vergleichssumme aus dem Internet – ich habe mit dem Makler persönlich telefoniert, zweimal, weil ich dachte, er hätte sich vertan.
Der Streit mit Jörg kam, als ich vorschlug, wirklich umzuziehen. Er wollte nicht weg aus München, wo er seit zwanzig Jahren bei derselben Firma arbeitet, wo sein Vater begraben liegt, wo er jeden Stammtisch, jede Kneipe kennt. "Du willst wegen ein paar hundert Euro unser Leben umschmeißen", sagte er, als wir am Küchentisch saßen, die Kinder schon im Bett. Ich hielt die Nebenkostenabrechnung in der Hand, die Nachzahlung, dreimal unterstrichen in Rot, weil ich es ihm so deutlich wie möglich zeigen wollte. "Es sind nicht ein paar hundert Euro, Jörg. Es sind am Ende des Jahres über zehntausend."
Er ist drei Monate stur geblieben. Dann kündigte seine Firma eine Zweigstelle in Leipzig an, wegen der wachsenden Industrie dort, BMW, Porsche, die ganzen Zulieferer. Er bewarb sich, mehr aus Trotz, um mir zu zeigen, dass es keine Lösung gibt. Er bekam die Stelle. Gehalt gleich, Lebenshaltungskosten über ein Drittel günstiger.
Der Umzug selbst war kein großer Film. Ein Spediteur, den Jörg über einen Kollegen kannte, drei Männer, ein Lkw, und Mia, die im Treppenhaus weinte, weil sie ihre beste Freundin zurücklassen musste. Ich habe ihr nichts versprochen, was ich nicht halten konnte. Ich habe nur gesagt: Du kriegst ein eigenes Zimmer mit Fenster zum Garten, und die Freundin kann in den Ferien kommen.
In Leipzig war das erste halbe Jahr merkwürdig leise. Keine Nebenkostennachzahlung, die uns überraschte, weil wir das Reihenhaus gekauft hatten und die Kosten durchgerechnet waren. Keine Angst vor der nächsten Autoversicherungsrechnung. Stattdessen: ein Garten, in dem Lukas im Sommer Fußball mit dem Nachbarsjungen spielte, ein Hund von gegenüber, der immer über den Zaun bellte, wenn die Müllabfuhr kam, und eine Eckkneipe, die freitags Soljanka anbot, die Jörg inzwischen besser findet als jede Münchner Weißwurst – was er seiner Mutter bis heute nicht laut sagt.
Katharina kam öfter rüber, zu Fuß, zehn Minuten, weil ihr Haus nur drei Straßen weiter liegt. Einmal saßen wir abends auf ihrer Terrasse, die Kinder spielten drinnen, und sie sagte etwas, das mir seitdem nicht aus dem Kopf geht: "Weißt du, was ich nicht vermisse? Dass ich jeden Monat Angst vor dem Briefkasten hatte."
Die eigentliche Probe kam neun Monate nach dem Umzug, als Jörgs Mutter aus München anrief und vorschlug, dass wir das alte Münchner Konto, das wir für Notfälle noch offen hatten, auflösen und das Geld ihr leihen sollten – sie wollte in eine Eigentumswohnung investieren, "nur für ein Jahr, dann bekommt ihr es zurück". 14.000 Euro. Jörg war erst dafür, aus Pflichtgefühl. Ich habe an dem Abend den Ordner mit unseren Finanzen auf den Tisch gelegt, die Kontoauszüge, die Rücklage, die wir uns in Leipzig endlich wieder aufbauen konnten, nachdem sie in München Jahr für Jahr geschmolzen war.
Ich habe nicht geschrien. Ich habe Jörg gezeigt, wie viel von diesem Geld wir für Mias Zahnspange und für die Reparatur am Dach brauchen, die im Frühjahr fällig wird. Dann habe ich selbst bei der Bank angerufen, das Konto nicht aufgelöst, sondern in ein Festgeld mit Kündigungssperre umgewandelt, sechs Monate, damit niemand – auch nicht wir in einem schwachen Moment – spontan darauf zugreifen kann. Als Jörgs Mutter eine Woche später zurückrief, konnte ich ihr ehrlich sagen: Das Geld ist gebunden, es geht nicht, auch nicht für ein Jahr.
Sie war einen Moment still am Telefon, dann sagte sie etwas von "typisch, seit ihr in Leipzig wohnt, denkt ihr nur noch ans Geld". Ich habe geantwortet, dass wir genau deshalb nach Leipzig gezogen sind – damit wir eben nicht mehr ständig ans Geld denken müssen, sondern einmal im Jahr, wenn wir die Zahlen durchgehen, und dann wieder Ruhe haben.
Heute, über ein Jahr später, sitze ich nicht mehr mit roten Unterstreichungen am Küchentisch. Der Garten hinter unserem Haus trägt im Herbst Äpfel vom Baum, den der Vorbesitzer gepflanzt hat, und Lukas hat tatsächlich eine neue beste Freundin aus der Nachbarschaft, über die er nicht mehr gern spricht, weil er elf ist und das peinlich findet. Mia bekommt die Zahnspange bezahlt, ohne dass ich vorher dreimal nachrechne, ob es reicht.
Katharina hat recht gehabt, schon vor Jahren. Nicht, weil Leipzig perfekt ist, sondern weil wir zum ersten Mal seit Langem mehr übrig haben als Angst vor dem nächsten Brief im Kasten.
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