Der Zinssatz, den Herr Brandt nicht aufgeben wollte

Heinrich Brandt saß am Küchentisch in seiner Doppelhaushälfte in Mönchengladbach und rechnete zum vierten Mal dieselbe Zahl nach. Rechner, Zettel, Taschenrechner noch mal. Die Zahl blieb gleich: 2.340 Euro.

So viel würde seine monatliche Rate kosten, wenn er und seine Frau Renate das Haus verkaufen und sich etwas Größeres am Stadtrand von Düsseldorf kaufen würden. Aktuell zahlten sie 980 Euro. Für dasselbe Darlehen, nur zu einem anderen Zeitpunkt abgeschlossen.

„Das kann nicht stimmen", sagte Renate, über seine Schulter gebeugt, einen Becher Pfefferminztee in der Hand, der schon lange nicht mehr dampfte.

„Es stimmt. 1,8 Prozent hatten wir 2021. Jetzt verlangt die Bank 4,9."

Draußen regnete es gegen die Fensterscheibe, dieser typische November-Nieselregen, der nie richtig aufhört. Im Fernsehzimmer lief noch der Lokalsender, Werbung für eine Küchenausstellung in Rheydt. Renate stellte den Becher ab und setzte sich.

Die Geschichte hatte vor acht Monaten angefangen. Ihre Tochter war schwanger, das zweite Enkelkind kam im Frühjahr, und die Doppelhaushälfte mit ihren drei Zimmern wurde eng, wenn die Familie zu Besuch kam. Renate wollte ein Gästezimmer, einen Garten, in dem die Kinder tatsächlich spielen konnten, statt auf dem schmalen Betonstreifen hinter dem Haus. Heinrich arbeitete seit zweiundzwanzig Jahren bei einem Zulieferer in der Nähe von Krefeld und hätte mit einem Umzug nach Osten sogar eine kürzere Fahrt zur Arbeit gehabt.

Sie hatten sich drei Häuser angeschaut. Eines mit Garten in Kaarst, Baujahr 2016, vier Zimmer, Terrasse, ruhige Straße mit Kastanienbäumen. Der Makler, ein jüngerer Mann namens Jonas Reiter, hatte ihnen begeistert die Expose gezeigt. 485.000 Euro. Nicht spektakulär für die Gegend, eher Mittelmaß.

Aber dann saß Heinrich wieder am Küchentisch und rechnete.

Ihre bestehende Immobilie war fast abbezahlt, nur noch 95.000 Euro Restschuld, Zinssatz 1,8 Prozent, läuft noch bis 2036. Verkauften sie und kauften das neue Haus, müssten sie für die Differenz einen komplett neuen Kredit aufnehmen, über 390.000 Euro, zu den aktuellen Konditionen. Keine Bank in Deutschland gab im Moment unter 4,5 Prozent, manche verlangten sogar mehr, je nach Eigenkapitalquote und Bonität.

„Wir würden am Ende mehr als doppelt so viel zahlen für ein Haus, das kaum besser ist als unseres", sagte Heinrich und schob den Zettel über den Tisch. „Für ein zusätzliches Zimmer und einen Garten, den wir zweimal im Jahr richtig nutzen."

Renate schwieg eine Weile. Draußen fuhr der Müllwagen vorbei, das metallische Klappern der Tonnen drang gedämpft durchs Fenster.

„Und wenn wir einfach bleiben?"

„Dann bleiben wir eben."

So einfach war der Satz, und so schwer wog er in Wirklichkeit. Denn Heinrich und Renate waren nicht die Einzigen, die so dachten. Jonas Reiter, der Makler, erzählte ihnen beim letzten Treffen, dass er seit Monaten kaum noch Bestandsimmobilien ins Portfolio bekam. „Die Leute, die eigentlich verkaufen würden, sitzen fest. Keiner will seinen alten Zinssatz aufgeben. Ich habe Kunden, die seit zwei Jahren suchen und einfach nicht verkaufen, weil sich die Rechnung nicht lohnt."

Genau das war das Problem, auch wenn es niemand in der Zeitung so nannte. Millionen Eigentümer in Deutschland, die ihre Kredite zwischen 2015 und 2021 zu Zinssätzen unter zwei Prozent abgeschlossen hatten, saßen fest wie in einer Falle, die sie sich selbst gebaut hatten, ohne es zu merken. Nicht weil sie ihr Haus liebten. Sondern weil jeder Verkauf bedeutete, diesen Zinssatz für immer zu verlieren.

Und wenn Millionen Menschen gleichzeitig dieselbe Entscheidung treffen, passiert etwas Größeres als ihr persönliches Dilemma. Weniger Häuser kommen auf den Markt. Wer trotzdem eine Immobilie sucht, findet in Kaarst, in Korschenbroich, überall im Rheinland, enttäuschend wenig Auswahl. Und wenig Angebot bei gleichbleibender Nachfrage bedeutet: Die Preise bleiben hoch, obwohl sich kaum noch jemand die neuen Finanzierungen leisten kann.

Renates Schwester Ute, die in Essen eine Eigentumswohnung besaß und seit Jahren über einen Umzug ins Grüne nachdachte, hatte genau dasselbe Problem. Bei ihrem letzten Telefonat, eine Woche vor Weihnachten des vergangenen Jahres, hatte sie gesagt: „Ich würde so gern raus aus der Stadt, aber ich müsste meine 1,5 Prozent gegen irgendwas über vier tauschen. Das rechne ich mir seit einem Jahr vor und komme immer auf dasselbe Ergebnis. Es lohnt sich nicht."

Heinrich hatte zugehört, als Renate ihm davon erzählte, und etwas in ihm hatte sich entschieden, bevor er es laut aussprach.

Drei Wochen später rief Jonas Reiter noch einmal an. Das Haus in Kaarst war verkauft, an ein jüngeres Paar, das offenbar keinen alten Kredit zu verlieren hatte und bar auf den Tisch legen konnte, was Erspartes und eine Erbschaft zusammen ergaben. Heinrich legte den Hörer auf und ging in die Küche, wo Renate Kartoffeln schälte.

„Vorbei", sagte er nur.

Sie schälte weiter. Die Schale fiel in Spiralen in die Spüle.

„Gut so", sagte sie dann, ohne aufzublicken. „Ich hab mir die letzten Tage was überlegt."

Sie legte das Messer ab, trocknete die Hände an der Schürze und holte einen Ordner aus der Schublade im Flur, den Heinrich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte. Darin: der Grundbuchauszug, der Finanzierungsplan, Unterlagen für den Garten hinter dem Haus, den sie seit der Hochzeit ihrer Tochter nicht mehr richtig gepflegt hatten.

„Wenn wir nicht umziehen, bauen wir hier aus", sagte sie. „Der Dachboden ist groß genug für ein Gästezimmer. Und den Garten machen wir fertig, richtig, mit Rasen statt Beton. Kostet vielleicht vierzigtausend, aber es ist unser Haus, zu unserem Zinssatz, und niemand verkauft es unter uns weg."

Heinrich sah sie an, dann auf den Ordner, dann wieder auf sie.

Am nächsten Montag riefen sie einen Architekten aus Rheydt an, einen Bekannten von Jonas Reiter, der Dachausbauten machte. Der Kostenvoranschlag kam zwei Wochen später: 38.500 Euro, finanziert über einen kleinen Zusatzkredit zu 3,9 Prozent, weit günstiger als jede Neufinanzierung eines ganzen Hauses. Im März begannen die Arbeiter mit dem Dachboden. Im Mai pflanzte Renate den ersten Rasen hinter dem Haus, und als ihre Tochter im April das zweite Kind bekam, gab es im Juni ein richtiges Gästezimmer mit eigenem Bad, in dem die kleine Familie übers Wochenende bleiben konnte, ohne auf dem Sofa zu schlafen.

Jonas Reiter schickte ihnen zum Richtfest eine Karte. „Nicht jeder muss umziehen, um ein neues Zuhause zu haben", stand drauf. Heinrich steckte die Karte an den Kühlschrank, neben die Fotos der Enkelkinder, und als er abends am Küchentisch saß und die Rate für den Zusatzkredit überwies, 980 Euro für das Haus plus 410 Euro für den Ausbau, zusammen weit unter dem, was eine Neufinanzierung gekostet hätte, wusste er, dass sie die richtige Zahl gefunden hatten. Nicht die Zahl, die der Markt ihnen vorgab. Ihre eigene.

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