Die Reparaturwerkstatt in der Mühlenstraße

Frieda Kessler hatte die Fensterbank geputzt, bevor der Anwalt kam. Das war ihre Art, mit Dingen fertig zu werden: einen Lappen nehmen, Essigwasser, die Kanten der Jalousie abwischen, bis die Hände etwas zu tun hatten und der Kopf nachkam.

Draußen, vor der Werkstatt in der Mühlenstraße in Bielefeld, stand ihr Schwiegersohn Tobias und rauchte. Er rauchte sonst nicht. Das wusste sie, weil ihre Tochter Nele es ihr vor drei Jahren erzählt hatte, stolz, als hätte er für sie aufgehört. Jetzt stand er da mit einer Packung Marke irgendwas und blies den Rauch in Richtung der Hebebühne, die seit zwei Wochen leer war.

Die Werkstatt hatte Friedas Mann Gerd aufgebaut, 1994, mit einem Kredit von der Sparkasse und zwei gebrauchten Kompressoren. Als er vor sechs Jahren starb, stand im Testament: die Hälfte für Frieda, die Hälfte für Nele. Tobias hatte nie etwas geerbt, nicht formal. Aber er hatte die Werkstatt geführt, seit er mit zweiundzwanzig als Lehrling angefangen hatte, hatte Nele dort kennengelernt, zwischen Ölwannen und Reifenregalen, und irgendwann war aus dem Lehrling der Geschäftsführer geworden. Auf dem Papier. Mit Vollmacht. Mit Prokura, wie der Steuerberater das nannte.

Die Vollmacht war das Problem.

Vor vier Monaten hatte Tobias, ohne mit Frieda zu sprechen, die Werkstatt als Sicherheit für einen Kredit eingesetzt. Einhundertzehntausend Euro, aufgenommen für ein Projekt, von dem er behauptete, es würde die Firma retten: eine zweite Hebebühne, ein Vertrag mit einer Autovermietung, Flottenwartung. Das Geschäft war fünf Wochen später geplatzt, die Autovermietung hatte den Vertrag gekündigt, weil ein Konkurrent billiger anbot. Die Bank wollte ihr Geld. Und auf dem Kreditvertrag stand, in der Zeile für die Sicherheit, der Name der Werkstatt, die zur Hälfte Frieda gehörte.

Nele hatte es ihr am Telefon gebeichtet, drei Tage vorher, mit der Stimme von jemandem, der eine Diagnose vorliest. „Mama, er hat's gemacht, ohne zu fragen. Er hat gedacht, er muss nicht fragen, weil er doch die Geschäftsführung hat."

„Er hat nicht die Werkstatt. Er hat die Hälfte von gar nichts."

Jetzt saßen sie alle drei im Büro über der Werkstatt, in dem Raum mit dem Kalender von 2019 noch an der Wand, weil keiner ihn abgenommen hatte. Rechtsanwältin Pawlak, eine Frau mit grauen Strähnen und einer Aktenmappe aus echtem Leder, die Frieda irgendwann im Internet für dreihundert Euro bestellt hatte sehen können, legte die Papiere auf den Tisch.

„Herr Brandt hat die Werkstatt als Gesamthaftung eingesetzt, nicht nur seinen Anteil. Das ist der Punkt. Er hatte Prokura, aber keine Vollmacht, über das Eigentum von Frau Kessler zu entscheiden."

Tobias kam herein, roch nach kaltem Rauch, setzte sich nicht. „Ich wollte das Geschäft retten. Für uns alle. Für Nele, für die Kinder."

„Du hast nicht gefragt." Frieda sagte es ruhig, wie man etwas sagt, das man schon dreimal gesagt hat und nicht ein viertes Mal mit Nachdruck sagen muss.

„Weil du nein gesagt hättest."

„Ja. Weil ich nein gesagt hätte."

Draußen, durch das Fenster, sah man den Nachbarn Herrn Özdemir seinen Hund ausführen, einen alten Schäferhund, der an jeder zweiten Laterne stehen blieb. Frieda beobachtete das eine Sekunde zu lang. Es half, irgendwas anzuschauen, das nichts mit dem Tisch zu tun hatte.

Die Bank hatte eine Frist gesetzt: bis zum fünfzehnten Dezember entweder die Rückzahlung oder die Zwangsversteigerung der Werkstatt als Sicherheit. Sechs Wochen. Tobias hatte in der Zeit versucht, einen neuen Investor zu finden, war bei zwei Banken abgewiesen worden, hatte einmal sogar Nele gebeten, ihr Erspartes – zwölftausend Euro, für die Klassenfahrt der Tochter gedacht – in die Firma zu stecken. Sie hatte nein gesagt. Zum ersten Mal in zehn Jahren Ehe hatte sie ihm etwas verweigert, und er hatte drei Tage nicht mit ihr geredet.

Frieda sah das alles von der Seite. Sie war siebzig, führte die Bücher der Werkstatt seit Gerds Tod ehrenamtlich mit, kannte jede Zahl auf jedem Kontoauszug. Und sie wusste etwas, das Tobias nicht wusste: Der Gesellschaftsvertrag, den Gerd 1994 hatte aufsetzen lassen, enthielt eine Klausel über Rückkaufsrecht bei schwerwiegender Pflichtverletzung eines Geschäftsführers. Ihr Mann war Maschinenbauer gewesen, kein Jurist, aber vorsichtig. Er hatte diese Klausel eingebaut, weil sein eigener Bruder ihn einmal in einer anderen Firma betrogen hatte.

Am Tag vor der Frist saß Frieda wieder bei Rechtsanwältin Pawlak, diesmal ohne Tobias, ohne Nele. Auf dem Tisch lag die Akte, daneben ein Ordner mit grünem Rücken, in dem Frieda seit Wochen alles sammelte: Kontoauszüge, der Kreditvertrag, die Kündigung der Autovermietung, eine Kopie der Gesellschaftsvertrags-Klausel, handschriftlich markiert mit gelbem Textmarker.

„Sie können die Prokura widerrufen", sagte Pawlak. „Mit sofortiger Wirkung. Und auf Basis der Klausel die Rückübertragung seines Geschäftsanteils verlangen. Das löst das Sicherungsproblem der Bank nicht automatisch, aber es gibt Ihnen die volle Kontrolle über die Verhandlung mit der Bank."

„Und wenn er klagt?"

„Er hat gegen die Satzung verstoßen. Er wird nicht klagen. Er wird verhandeln."

Frieda unterschrieb den Widerruf der Prokura um 11 Uhr 40 an einem Dienstag, mit einem Kugelschreiber, den die Kanzlei ihr lieh, weil ihr eigener leer war. Dann fuhr sie zur Werkstatt.

Tobias stand an der Hebebühne, als sie kam, mit einem Schraubenschlüssel in der Hand, an einem Auto, das gar nicht seines war, nur um etwas zu tun zu haben. Nele saß auf der Treppe zum Büro, die Tochter auf dem Schoß, die gerade einen Luftballon zerkaute statt ihn aufzublasen.

„Ich habe die Prokura widerrufen", sagte Frieda. Sie legte den grünen Ordner auf die Werkbank, zwischen eine Ölkanne und einen Satz Radmuttern. „Ab heute unterschreibe ich für die Firma. Ich verhandle mit der Bank. Du führst die Werkstatt weiter als Angestellter, mit Stundenlohn, wenn du willst. Aber keine Vollmacht mehr über irgendetwas, das mir gehört."

Tobias legte den Schraubenschlüssel nicht hin. Er hielt ihn, als wäre er noch mitten in einer Arbeit. „Das ist meine Werkstatt auch. Ich hab sie zwanzig Jahre lang am Laufen gehalten."

„Du hast sie zwanzig Jahre lang am Laufen gehalten, ja. Und in vier Monaten fast kaputt gemacht."

Nele sagte nichts. Sie zog der Tochter den Luftballon aus dem Mund, langsam, ohne hinzusehen, aus purer Übung.

Am nächsten Morgen rief Frieda bei der Sparkasse an, bat um einen Termin mit dem Kreditberater, nahm den Ordner mit, saß dort anderthalb Stunden und legte offen, was sie wollte: eine Umschuldung über fünf Jahre, mit ihr als alleiniger Sicherheitsgeberin, unter Vorlage der Klausel, die bewies, dass der ursprüngliche Kreditnehmer keine wirksame Vollmacht gehabt hatte. Die Bank prüfte drei Tage. Am vierten Tag kam die Zusage: Umschuldung, monatliche Rate von neunhundertzwanzig Euro, fünf Jahre Laufzeit, keine Zwangsversteigerung.

Tobias erfuhr es von Nele, am Küchentisch, mit kaltem Kaffee zwischen ihnen. Er fuhr zur Werkstatt, fand die Tür zum Büro abgeschlossen, mit einem neuen Zylinderschloss, das Frieda am selben Vormittag hatte einbauen lassen, vom Schlüsseldienst gegenüber der Sparkasse. Er klopfte, niemand öffnete, weil Frieda zu dem Zeitpunkt beim Steuerberater war, mit dem grünen Ordner unter dem Arm, um die neuen Gesellschafterbeschlüsse eintragen zu lassen.

Zwei Wochen später saßen sie wieder zu dritt am Tisch mit dem Kalender von 2019. Frieda schob Tobias ein Blatt Papier hin: ein Arbeitsvertrag, Kfz-Meister, Vollzeit, dreitausendzweihundert Euro brutto, keine Zeichnungsberechtigung über Konten oder Verträge.

„Das ist ein Angebot", sagte sie. „Kein Befehl."

Tobias unterschrieb nicht sofort. Er saß eine Weile, drehte den Stift zwischen den Fingern, sah zu Nele, die die Tochter auf dem Arm hielt und nichts sagte, nicht für ihn und nicht gegen ihn. Dann unterschrieb er, weil draußen vor der Werkstatt der Schäferhund von Herrn Özdemir bellte, und weil irgendwo in der Mühlenstraße jemand einen Rasenmäher anwarf, und das Leben einfach weiterging, egal wie dieser Satz auf dem Papier endete.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

3 × 3 =

Die Reparaturwerkstatt in der Mühlenstraße