Werkstatt in der Friedrichstraße

Das Handy lag auf dem Beifahrersitz, Display nach oben, und Renate Brummel tippte an der roten Ampel in der Friedrichstraße zum vierten Mal in zwölf Minuten die Banking-App auf.

1.842,17 Euro. Genau wie vorhin.

Sie klappte die App wieder zu, öffnete das E-Mail-Postfach – Rechnung von den Stadtwerken, Werbung vom Baumarkt, sonst nichts –, prüfte kurz die Wetter-App, ob es für die Fahrt nach Oranienburg noch regnen würde, und landete wieder bei der Bank. Dreimal die Minute, seit sie fünfundfünfzig war, hatte sich diese Reihenfolge eingeschliffen wie ein Gebet, das keiner mehr braucht, aber keiner mehr lassen kann.

Die Werkstatt ihres verstorbenen Mannes, eine kleine Autowerkstatt mit zwei Hebebühnen am Stadtrand von Oranienburg, lief seit drei Jahren unter ihrem Namen. Ralf hatte sie ihr vererbt, mit Grundbucheintrag und allem, und Renate hatte nie vorgehabt, sich groß in das Geschäft einzumischen. Die Buchhaltung machte ihr Schwiegersohn Dennis, der mit ihrer Tochter Katja seit neun Jahren verheiratet war und seit fünf Jahren offiziell als Werkstattleiter eingetragen war. Praktisch, dachte sie damals. Er kennt sich mit Steuern aus, er ist Familie, wozu einen Fremden bezahlen.

Vor zwei Monaten hatte Dennis sie zum Notar nach Oranienburg gebeten, mit der Begründung, es gehe nur um eine „Vollmachtsaktualisierung für die Bank, reine Formsache, Mama kannst du dir sparen, das Hin- und Herfahren". Renate war trotzdem gefahren. Sie hatte unterschrieben, ohne das Kleingedruckte zweimal zu lesen, weil Dennis neben ihr stand und auf die Uhr schaute, weil der Notar schon den nächsten Termin hatte, weil man seinem Schwiegersohn nach neun Jahren Familie eben vertraut.

Erst als die Kontoauszüge Ende Oktober kamen, verstand sie, was sie unterschrieben hatte. Die Werkstatt war aus dem Grundbuch ihres Namens heraus und auf eine neu gegründete „Brummel & Fuchs Kfz-Service GmbH" überschrieben worden. Gesellschafter: Dennis Fuchs, hundert Prozent. Ihr Name stand nirgends mehr.

„Mama, das ist doch alles für die Familie", sagte Dennis am Telefon, als sie ihn zur Rede stellte, am Dienstagnachmittag, während im Hintergrund ein Schlagbohrer lief. „Katja und ich, wir bauen das aus, zweite Halle, neue Lackierkabine. Du hast doch eh nichts damit gemacht die letzten Jahre."

„Ich habe die Werkstatt von meinem Mann", sagte Renate. „Nicht du."

„Ja, und ich arbeite da jeden Tag zwölf Stunden, während du zu Hause Kaffee trinkst."

Sie legte auf. Sie saß am Küchentisch in ihrer Zweizimmerwohnung in der Hegelstraße, vor sich eine Tasse Pfefferminztee, der kalt wurde, und hörte unten auf der Straße den 804er-Bus anfahren, der jede halbe Stunde vor ihrem Fenster hielt und bremste, mit diesem charakteristischen Quietschen, das sie seit zwölf Jahren Taktgeber ihres Tages nannte. Katja rief nicht an. Katja hatte seit der Hochzeit mit Dennis gelernt, in solchen Dingen zu schweigen.

Renate wusste, dass sie etwas tun musste, wenn sie nicht wollte, dass aus dreißig Jahren Ralfs Arbeit eine Zeile in Dennis' Bilanz wurde. Sie rief ihre alte Studienfreundin Brigitte an, die seit zwanzig Jahren als Rechtsanwältin in Berlin arbeitete, und fragte, ob man eine Grundstücksübertragung anfechten kann, wenn man beim Notar nicht verstanden hat, was man unterschreibt.

„Kommt drauf an, was genau in der Vollmacht stand", sagte Brigitte. „Schick mir alles. Und Renate – fahr nicht noch mal allein zu einem Termin, bei dem es um Eigentum geht."

Drei Wochen später saßen sie zu viert im Besprechungsraum von Brigittes Kanzlei in der Kantstraße: Renate, Brigitte, Dennis und – auf Renates ausdrücklichen Wunsch – Katja, die zum ersten Mal seit Monaten den Mund aufmachte, als sie die Unterlagen auf dem Tisch sah.

„Die Vollmacht, die du unterschrieben hast, Renate", sagte Brigitte, und schob eine Kopie über den Tisch, „ermächtigte Dennis, Bankgeschäfte für die Werkstatt-GmbH zu regeln. Nicht, das Grundstück zu übertragen. Das ist in einem separaten notariellen Vertrag passiert, zehn Minuten später, den dir der Notar vermutlich zusammen mit zwanzig anderen Seiten vorgelegt hat."

Dennis wurde rot um den Hals. „Das war alles mit dem Notar abgesprochen, das ist –"

„Das ist anfechtbar wegen arglistiger Täuschung, wenn wir nachweisen können, dass die Erblasserin nicht wusste, was sie unterschreibt", sagte Brigitte. „Und ich habe heute Morgen mit dem Notariat telefoniert. Die Protokollführung von dem Termin ist, nennen wir es höflich, lückenhaft."

Renate öffnete die Mappe, die sie seit dem Morgen auf dem Schoß hielt, und legte ein einzelnes Blatt auf den Tisch: den Rückübertragungsvertrag, den Brigitte vorbereitet hatte, bereits mit Notarsiegel versehen, den Dennis vor zwei Tagen hatte unterschreiben müssen – freiwillig, nachdem Brigitte ihm erklärt hatte, was eine Strafanzeige wegen Urkundenunterdrückung für seine GmbH bedeuten würde, zusätzlich zur Klage.

„Die Werkstatt gehört wieder mir", sagte Renate. „Volle hundert Prozent, Grundbuch korrigiert, seit heute neun Uhr vierzig."

Katja schaute auf ihre Hände.

„Was Dennis als Werkstattleiter betrifft", fuhr Renate fort, „das Arbeitsverhältnis läuft zum Jahresende aus. Ordentlich gekündigt, mit allem, was ihm zusteht – dreizehn Monate Gehalt Abfindung, das steht ihm zu nach neun Jahren. Aber die Werkstatt bekommt einen neuen Leiter. Herrn Korhonen, der seit fünfzehn Jahren bei Ralf gelernt hat und heute noch dort schraubt."

Dennis stand auf, so schnell, dass der Stuhl gegen die Wand klackte. „Katja, sag doch was."

Katja sah ihre Mutter an, dann ihren Mann, und sagte nichts. Das war die Antwort.

Draußen vor der Kanzlei, auf dem Gehweg der Kantstraße, zog Renate ihr Handy aus der Manteltasche, öffnete die Banking-App – aus Gewohnheit, nicht aus Sorge –, sah die Zahl, die jetzt wieder stimmte, und steckte das Telefon wieder ein, ohne sie ein zweites Mal zu prüfen.

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