Werkstatt in der Birkenallee

Zweihunderttausend Euro und elf Jahre Arbeit – so viel hatte Barbara Winter auf den Zettel geschrieben, den sie in der Mappe mit den Werkstattunterlagen aufbewahrte. Dieser Zettel sollte gleich alles verändern.

Sie wohnte in Gelsenkirchen, im Stadtteil Buer, drei Bushaltestellen von der Autowerkstatt entfernt, die sie seit einem Jahr gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn führte – seit ihr Mann an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben war. Barbara war dreiundsechzig, ihre Hände trugen die Spuren jahrelanger Buchhaltungsarbeit in diesem Betrieb: Ihr Mann hatte die Motoren reparatur, sie hatte das Geld gezählt und darauf geachtet, dass die Firma nicht in Schulden ertrank.

Der Schwiegersohn, Jan Berger, fünfunddreißig und als bester Mechaniker im Umkreis von zwanzig Kilometern bekannt, hatte vor fünf Jahren ihre einzige Tochter Nicole geheiratet. Anfangs mochte Barbara ihn. Er brachte Maultaschen vom Wochenmarkt an der Husemannstraße mit, half beim Kohletransport in den Keller, reparierte ihren alten Opel Corsa, ohne etwas dafür zu verlangen.

Dann wurde Nicole krank.

Eierstockkrebs, drittes Stadium, Diagnose im Februar. Acht Monate lang fuhr Barbara ihre Tochter zur Chemotherapie ins Marienhospital, saß auf den Plastikstühlen im Flur, trank Automatenkaffee, der nach verbranntem Gummi schmeckte. Jan übernahm in dieser Zeit die Werkstatt allein – weil es jemand tun musste, weil das Geld nicht warten konnte, weil die Behandlungskosten wuchsen.

Vor zwei Wochen starb Nicole.

Die Beerdigung fand auf dem Friedhof an der Beckhuser Straße statt, im Regen, ohne Blumen von Jans Familie, die irgendwo bei Recklinghausen lebte und sich nie besonders um die Schwiegertochter gekümmert hatte. Barbara stand am Grab ihrer Tochter und dachte, das sei nun das Schlimmste, was ihr widerfahren könne.

Sie irrte sich.

Drei Tage nach der Beerdigung kam Jan mit einer Mappe zu ihr. Er setzte sich an den Küchentisch, zog nicht einmal die Jacke aus, und sagte, jetzt, wo Nicole nicht mehr da sei, müsse man „die Sache mit der Werkstatt regeln". Dass er seit einem Jahr den Betrieb allein führe, dass er die Verträge mit den Teilelieferanten aus Dortmund unterschreibe, dass die Kunden zu ihm kämen, nicht zu ihr. Dass es das Beste wäre, wenn sie einfach nicht mehr vorbeikäme – und er ihr dafür eine kleine monatliche „Rente" zahle, dreihundert Euro, damit sie Miete und Blutdrucktabletten bezahlen könne.

„Ich werfe dich nicht aus der Familie, Barbara", sagte er und drehte den Schlüssel seines VW Transporters zwischen den Fingern. „Die Werkstatt ist einfach kein Ort mehr für dich."

Barbara antwortete nicht sofort. Sie stand auf, brühte sich einen Melissentee, den sie immer trank, wenn etwas sie schmerzte, setzte sich wieder und umschloss die warme Tasse mit beiden Händen.

„Und die Papiere?", fragte sie.

„Welche Papiere?"

„Die Werkstatt ist auf mich und deine Frau eingetragen, Jan. Nach Nicoles Tod fällt die Hälfte der Anteile im Erbgang an mich zurück. Nicht an dich."

Jans Gesicht erstarrte für einen Moment, kehrte dann zu jenem freundlichen Ausdruck zurück, mit dem er sonst Kunden behandelte, die nicht für eine Reparatur zahlen wollten.

„Das Erbe muss erst beim Notar geregelt werden. Bis dahin führe ich die Firma."

„Bis dahin", wiederholte Barbara.

In der folgenden Woche beobachtete sie. Sie sah, wie Jan die Werkzeuge ihres Mannes – Schlüssel, die er noch in den Neunzigern gekauft hatte, einen französischen Wagenheber, der ein Erinnerungsstück war, kein bloßes Gerät – in seine eigene Garage an der Wildenbruchstraße schaffte. Sie sah Rechnungen, die er bereits unter einem eigenen Gewerbe ausstellte, das er drei Wochen vor Nicoles Tod beim Gewerbeamt angemeldet hatte. Drei Wochen, in denen Nicole noch lebte, noch nach der Chemo erbrach, noch nachts seine Hand hielt.

In diesem Moment hörte etwas in Barbara auf zu zögern.

Sie rief Karin Meiser an, eine Anwältin, mit der sie noch zusammen aufs Gymnasium an der Ebertstraße gegangen war und die jetzt eine Kanzlei an der Hochstraße betrieb. Sie trafen sich am Montagmorgen, Barbara brachte die Mappe mit der notariellen Gesellschaftsurkunde, dem Ehevertrag ihrer Tochter, dem Handelsregisterauszug.

„Eine GbR, fünfzig-fünfzig zwischen dir und Nicole", sagte Karin und blätterte die Papiere an ihrem Schreibtisch durch, auf dem ein Kaktus in einem alten Senfglas stand. „Jan war nie Gesellschafter. Formal hat er dort keine Rechte. Dass er das operative Geschäft geführt hat, verschafft ihm keinen Eigentumstitel."

„Und seine neue Firma?"

„Illegal angemeldet mit Vermögen, das ihm nicht gehört. Wir können eine einstweilige Sicherungsverfügung und eine Rückforderung wegen ungerechtfertigter Bereicherung beantragen. Aber Barbara" – Karin legte die Brille auf die Papiere – „du musst dir sicher sein, dass du das willst. Er ist dein Schwiegersohn."

Barbara dachte an den Flur des Marienhospitals, an den Plastikstuhl, dessen Form sie in jedem Winkel ihres Körpers noch spürte. An die drei Wochen vor dem Tod ihrer Tochter. An den Transporterschlüssel, den Jan an ihrem Tisch zwischen den Fingern gedreht hatte, als zähle er schon die Tage.

„Ich war elf Jahre seine Schwiegermutter, seit er als Junge aus der Berufsschule angefangen hat, mit Nicole zu gehen, lange bevor sie heirateten. Elf Jahre Arbeit habe ich in diese Werkstatt gesteckt. Ich will das machen."

Zwei Wochen später, an einem Donnerstagnachmittag, kam Barbara mit Karin und einem Gerichtsvollzieher zur Werkstatt, den die Kanzlei nach Erlass der gerichtlichen Sicherungsverfügung bestellt hatte. Jan stand an der Hebebühne, unter einem aufgebockten Opel Astra eines Kunden, als er hörte, wie sich die Metalltür öffnete.

Er sah die Mappe in Barbaras Händen. Er sah den Gerichtsvollzieher in der Weste mit der Aufschrift auf dem Rücken. Er sah Karin, die bereits das gerichtliche Dokument herauszog.

„Was soll das?", fragte er und wischte sich die Hände an einem Lappen ab.

„Das Gericht hat das Gesellschaftsvermögen bis zum Abschluss des Erbverfahrens sichergestellt", sagte Karin. „Ihr Gewerbe, angemeldet drei Wochen vor dem Tod der Ehefrau von Herrn Berger, gilt als auf Vermögen betrieben, das Ihnen nicht gehört. Werkzeuge und Ausstattung fallen an die Gesellschaft zurück."

Barbara stellte den alten französischen Wagenheber auf den Werkbank – den, den Jan in seine Garage geschafft hatte. Sie hatte ihn selbst mitgebracht, im Kofferraum eines Taxis, weil sie niemanden hatte, den sie um Hilfe bitten konnte.

„Das war der Wagenheber deines Schwiegervaters", sagte sie. „Er hat ihn 1996 gekauft, als er noch Nachtschichten fuhr, um Geld für diese Werkstatt zu sparen. Wenn du ihn noch einmal von hier wegschaffst, ist das Diebstahl von Gesellschaftsvermögen, an dem du keine Anteile hast."

Jan erwiderte nichts, knüllte nur den Lappen in der Faust zusammen und legte ihn zur Seite. Der Gerichtsvollzieher begann, das Inventar aufzunehmen. Der Kunde, dessen Opel noch immer auf der Hebebühne stand, blickte abwechselnd zu dem einen und dem anderen, unsicher, ob er heute noch sein Auto bekäme.

Barbara schloss die Werkstatttür um halb sechs hinter sich, als die Formalitäten erledigt waren. Draußen roch es nach Abgasen und Pommes vom Imbiss an der Ecke der Wildenbruchstraße. Sie steckte den Schlüssel in das neue Vorhängeschloss, das sie noch an diesem Morgen hatte anbringen lassen, und prüfte, ob es eingeschnappt war.

Dann ging sie zur Haltestelle, um auf den Bus nach Hause zu warten.

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