Rosemarie Beckhoff zählte die Schrauben in der kleinen Blechdose, bevor sie das Licht in der Werkstatt ausmachte. Dreiundsiebzig Stück, immer noch dreiundsiebzig, so wie gestern. Die Werkstatt gehörte eigentlich ihrem verstorbenen Mann Gerhard, einem Schreiner aus Bielefeld, der zweiunddreißig Jahre lang Küchenschränke für halb Ostwestfalen gebaut hatte. Nach seinem Tod hatte Rosemarie die Werkstatt nicht verkauft. Sie hatte sie ihrem Sohn Jonas überschrieben, mündlich, vor Zeugen, drei Wochen nach der Beerdigung. Ihrer Tochter Steffi hatte sie damals gesagt, sie bekomme dafür das Ferienhaus am Steinhuder Meer.
Steffi hatte genickt. Mehr nicht.
Seitdem waren elf Jahre vergangen. Elf Jahre, in denen Steffi zweimal zu Weihnachten kam und einmal, weil ihr Auto in der Nähe eine Panne hatte. Der Kontakt lief über kurze Nachrichten, meistens zu Geburtstagen, manchmal vergessen. Rosemarie hatte sich daran gewöhnt wie an das Knacken in ihrer linken Hüfte — es tat weh, aber man lernte, drum herumzugehen.
An diesem Dienstag im September saß sie am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung in der Herforder Straße und sortierte Fotos für ein Album, das sie zum sechzigsten Geburtstag ihrer Enkelin Paula machen wollte — Paula war Jonas' Tochter, gerade achtzehn geworden, kein sechzigster natürlich, Rosemarie hatte sich verschrieben in Gedanken, lachte kurz über sich selbst. Der Fernseher lief im Hintergrund, irgendeine Vorabendserie, den Ton hatte sie leise gestellt. Draußen roch es nach nassem Laub, die ersten Kastanien waren schon gefallen, und der Nachbarshund, ein alter Dackel namens Bruno, bellte wie jeden Abend um Viertel nach sechs den Postboten an, obwohl der längst weg war.
Das Telefon klingelte. Steffi.
„Mama, ich muss mit dir reden. Es geht um Paulas Geburtstag."
Rosemarie legte den Fotolöffel — eigentlich einen kleinen Spatel zum Anheben alter Klebebilder — beiseite. „Was ist mit Paulas Geburtstag?"
„Jonas will eine große Feier machen. Im Gasthof Zum Kronprinzen, mit fünfzig Leuten. Und er hat gesagt, du sollst dazuzahlen. Zweitausend Euro."
„Das hat er nicht gesagt."
„Doch, hat er. Frag ihn selbst."
Rosemarie fragte ihn selbst. Jonas, am Telefon, klang müde, wie immer donnerstags nach der Doppelschicht in der Werkstatt. „Mama, ich hab nie zweitausend gesagt. Ich hab gesagt, wenn du was beisteuern willst, freuen wir uns. Steffi dreht das wieder."
Das war der Moment, an dem Rosemarie zum ersten Mal seit Jahren wirklich hinschaute — nicht auf das, was gesagt wurde, sondern auf das Muster dahinter. Steffi drehte Dinge. Das hatte sie immer schon getan, seit sie Kinder waren, seit dem Streit um das Fahrrad, das angeblich Jonas kaputt gemacht hatte, obwohl es Steffi selbst gewesen war, die es gegen die Garagenwand geworfen hatte.
Drei Tage später kam der eigentliche Anruf. Diesmal ging es nicht um Geld für eine Feier.
„Mama, ich hab mit Herrn Dr. Ostermann gesprochen." Ostermann war der Notar, der Gerhards Nachlass damals mitbetreut hatte. „Er sagt, die mündliche Übergabe der Werkstatt an Jonas war nie notariell beglaubigt. Rechtlich gehört sie immer noch dir. Und wenn dir was passiert, Mama, ohne Testament, dann erben Jonas und ich zu gleichen Teilen. Ich will nur, dass du weißt: Ich hab ein Recht darauf. Die Hälfte von dem, was Papa aufgebaut hat."
Rosemarie saß eine Weile still da, den Hörer noch am Ohr, obwohl das Gespräch schon beendet war. Sie dachte an das Ferienhaus am Steinhuder Meer, das Steffi vor acht Jahren verkauft hatte, ohne sie zu fragen, für hundertzehntausend Euro, das Geld war in eine gescheiterte Boutique in Hannover geflossen. Sie dachte an die Werkstatt, an Jonas, der jeden Samstag um sieben Uhr aufsperrte, der die Lehrlinge selbst bezahlte, wenn die Aufträge mal knapp waren, der Paula jedes Jahr im August eine Werkbank zum Geburtstag schenkte, kleiner werdend, bis sie jetzt so groß war wie seine eigene.
Am nächsten Morgen fuhr Rosemarie mit dem Bus zur Kanzlei von Dr. Ostermann in der Innenstadt. Der Wartesaal roch nach Kaffee aus einer dieser Kapselmaschinen und nach neuem Teppichboden. Auf dem Wartezimmertisch lag eine Ausgabe der Neuen Westfälischen, aufgeschlagen bei der Wetterseite. Sie wartete zwanzig Minuten, obwohl sie einen Termin hatte, und blätterte in dieser Zeit nicht ein einziges Mal in der Zeitung. Sie dachte nach.
Dr. Ostermann bestätigte, was Steffi gesagt hatte — die Übergabe war formal nie vollzogen worden. Aber er zeigte Rosemarie auch etwas anderes: die Möglichkeit eines notariellen Übergabevertrags, sofort wirksam, mit einem Wohnrecht für sie selbst und einer klar geregelten Abfindung für Steffi, ausgezahlt aus der Werkstatt heraus über zehn Jahre, insgesamt fünfundvierzigtausend Euro — der reale Gegenwert dessen, was vom Ferienhaus übrig gewesen wäre, hätte Steffi es nicht verkauft.
„Das ist mehr, als ihr zusteht, wenn man ehrlich ist", sagte Ostermann. „Aber es macht reinen Tisch."
Rosemarie unterschrieb zwei Wochen später. Sie lud beide Kinder zu sich in die Wohnung, an einem Samstagnachmittag, Kaffee und der Streuselkuchen vom Bäcker Meyerhoff um die Ecke, den sie sonst nur zu Ostern kaufte. Jonas kam mit Paula. Steffi kam allein, fünfzehn Minuten zu spät, mit nassen Haaren, weil es geregnet hatte und sie den Schirm vergessen hatte.
„Ich habe eine Entscheidung getroffen", sagte Rosemarie und legte die Kopie des Vertrags auf den Tisch, neben die Kuchengabeln. „Die Werkstatt geht notariell und endgültig an Jonas über. Ab heute. Steffi, du bekommst fünfundvierzigtausend Euro, ausgezahlt über zehn Jahre, das ist mehr, als das Haus damals wert war, als du es verkauft hast. Dafür unterschreibst du hier" — sie schob ein zweites Blatt herüber — „einen Verzicht auf jeden weiteren Anspruch an der Werkstatt, für immer."
Steffi starrte auf das Papier. „Du machst das wegen dem Anruf mit dem Notar."
„Ich mache das, weil ich es schon vor elf Jahren hätte machen sollen. Und weil ich nicht will, dass Jonas eines Tages einen Brief von einem Anwalt bekommt, während er in der Werkstatt steht und Schränke baut."
„Und wenn ich nicht unterschreibe?"
„Dann bleibt es bei der Rechtslage, wie sie jetzt ist — hälftig, ungeregelt, und im Zweifel vor Gericht, in zehn oder zwanzig Jahren, wenn ich nicht mehr da bin, um es zu erklären." Rosemarie sagte das ruhig, ohne die Stimme zu heben. „Ich hab keine Lust mehr, für etwas geradezustehen, das ich schon einmal geklärt habe."
Steffi unterschrieb nicht an diesem Nachmittag. Sie ging, den Kuchen unberührt, die Haare immer noch feucht. Jonas blieb, half beim Abwasch, sagte nichts dazu, bis Paula schon im Flur ihre Schuhe anzog.
„Danke, Oma", sagte er nur, und das war alles, was gesagt werden musste.
Drei Wochen vergingen. Dann kam Steffi noch einmal, unangekündigt, an einem Mittwochabend. Sie hatte die Unterschrift schon geleistet — bei Dr. Ostermann, allein, ohne Rosemarie dabei. Sie legte die beglaubigte Kopie auf den Küchentisch, neben die Blechdose mit den dreiundsiebzig Schrauben, die dort inzwischen aus Gerhards Werkstatt zu einer Art Briefbeschwerer geworden war.
„Ich hab unterschrieben", sagte sie. „Ich wollte nur, dass du es von mir hörst und nicht vom Notar."
Rosemarie nickte, goss zwei Tassen Kaffee ein, ohne zu fragen, ob Steffi bleiben wollte. Sie blieb.
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