Die Tabelle, die nicht aufging

Ich arbeite seit sechs Jahren als Steuerfachangestellte in einer kleinen Kanzlei in Duisburg, gleich hinter dem Hauptbahnhof, wo im Treppenhaus immer dieser Geruch nach kaltem Kaffee und Druckerpapier hängt. Zweimal im Jahr kommt Petra Hollweg zu uns, immer am letzten Donnerstag im Monat, kurz vor Feierabend, weil sie dann noch mit der Straßenbahn Linie 903 nach Hause kommt, bevor der Takt ausdünnt.

Petra ist Mitte vierzig, arbeitet in Teilzeit an der Supermarktkasse bei Rewe und zieht zwei Kinder alleine groß, elf und vierzehn Jahre alt. Ihr Exmann zahlt seit achtzehn Monaten keinen Unterhalt mehr, weil er angeblich "gerade zwischen zwei Jobs" ist. Das kenne ich inzwischen auswendig, weil sie es jedes Mal erwähnt, während sie ihre Kontoauszüge aus einer durchsichtigen Plastikhülle zieht, die an den Kanten schon ausgefranst ist.

An diesem Donnerstag im Oktober saß sie mir gegenüber, den Mantel noch an, obwohl die Heizung lief, und holte ein Excel-Ausdruck heraus, den sie sich zu Hause selbst gemacht hatte. Jede Zeile einzeln beschriftet, mit Taschenrechner nachgerechnet, die Summen am Rand mit Bleistift noch mal addiert, als könnte sich die Zahl ändern, wenn man nur oft genug nachrechnet.

"Ich hab alles gestrichen", sagte sie. "Das Streaming-Abo ist weg, die Kinder gehen nicht mehr zum Schwimmkurs, ich kauf kein Markenwaschmittel mehr."

Ich hab die Tabelle durchgesehen, wie ich das beruflich tausend Mal gemacht habe. Kaltmiete 710 Euro für die Zweizimmerwohnung in Hamborn, Nebenkosten 180, Krankenkassenzusatzbeitrag, GEZ, Handyvertrag für die Kinder wegen der Schule, Fahrkarte, Lebensmittel für drei Personen bei vielleicht 340 Euro im Monat, wenn man ehrlich rechnet. Am Ende der Spalte stand ein Minus von 96 Euro. Monat für Monat.

Sie fragte mich, ob sie irgendwo in der Steuererklärung noch etwas finden könnte. Einen Freibetrag, eine Pauschale, irgendwas, das sie übersehen hat. Ich hab die Unterlagen noch mal durchgeblättert, obwohl ich schon beim ersten Blick wusste: Da ist nichts mehr. Sie hatte schon alles beantragt, was ihr zustand – Kindergeld, Unterhaltsvorschuss beim Jugendamt, sogar den Mehrbedarf für Alleinerziehende war schon drin.

Mein Kollege Herr Dönmez, der am Nebentisch sitzt und die Buchhaltung für zwei Handwerksbetriebe macht, hatte das Gespräch halb mitgehört, weil die Trennwände zwischen unseren Schreibtischen eigentlich nur aus Glas sind. Er stand auf, um Wasser zu holen, kam an ihrem Tisch vorbei und sagte, mehr zu sich selbst als zu uns: "Bei dem, was die an der Kasse verdient, bleibt da nicht viel Spielraum."

Petra hat das gehört. Sie hat nicht geantwortet, nur die Bleistiftsumme am Rand noch einmal nachgezogen, fester als beim ersten Mal.

Ich sagte ihr, was ich sagen musste, auch wenn es nicht das war, wofür sie eigentlich gekommen war: Die Zahlen auf dem Papier sind richtig gerechnet. Es gibt keinen Posten zwischen Miete und Lebensmitteln, den man noch wegstreichen kann, ohne dass die Kinder etwas davon merken. Das Problem war nicht ihre Haushaltsführung. Das Problem war, dass zwanzig Wochenstunden an der Supermarktkasse bei Mindestlohn plus Teilzeitzuschlag nicht reichen, um zwei Kinder in Duisburg großzuziehen, wenn der Vater nicht zahlt.

Sie hat drei Wochen gebraucht, um das zu akzeptieren. Nicht bei mir – ich hab sie erst wieder im Januar gesehen, zur Steuererklärung. Aber als sie kam, hatte sie einen anderen Ordner dabei. Dünner, neu, mit einem Aktenregister aus dem Schreibwarenladen.

Vorne drin: ein Mahnbescheid, den sie beim Amtsgericht gegen ihren Exmann beantragt hatte, über die rückständigen 2.640 Euro Unterhalt. Dahinter ein Schreiben vom Jugendamt, das den Unterhaltsvorschuss auf den Höchstsatz angehoben hatte, weil sie endlich den Nachweis über die Zahlungsausfälle eingereicht hatte, den sie monatelang vor sich hergeschoben hatte, weil sie ihrem Exmann "keinen Ärger machen wollte". Und ganz hinten, zwischen zwei Klarsichthüllen, die Bestätigung für eine neue Stelle: 30 Stunden die Woche bei einem Pflegedienst in Duisburg-Meiderich, mit Schichtzulage, die am Ende knapp 400 Euro mehr im Monat bedeutet als vorher.

Sie hat mir den Ordner über den Tisch geschoben, als wollte sie, dass ich es mit eigenen Augen sehe, nicht nur glaube. Dann sagte sie, während sie ihren Mantel auszog, zum ersten Mal, seit ich sie kenne, ohne ihn anzulassen:

"Ich hab aufgehört zu rechnen, was ich sparen kann. Ich hab angefangen zu rechnen, was ich verdienen muss."

Herr Dönmez hat das von seinem Tisch aus mitgekriegt. Er hat nichts gesagt. Er hat nur kurz zu ihr rübergeschaut und weitergetippt.

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