Die Werkstatt in der Mommsenstraße

Heinz Brettschneider war siebenundsechzig, als er den Schraubenschlüssel zum letzten Mal in den Werkzeugkasten legte. Vierzig Jahre Kfz-Meisterbetrieb in Bielefeld, die Mommsenstraße runter, zwischen dem Dönerladen und der alten Postfiliale. Er hatte Generationen von Golfs und Passaten wieder flottgemacht, hatte Urlaub immer nur genommen, wenn die Werkstatt zumachen durfte, und das war selten.

Seine Tochter Annegret organisierte die Abschiedsfeier. Pappbecher mit Sekt, ein Transparent mit "Alles Gute, Heinz!", die Stammkunden kamen vorbei, klopften ihm auf die Schulter. Er lächelte für die Fotos, aber im Kopf war schon der Plan: Portugal. Die Algarve. Seine Frau Marlis hatte den Katalog seit drei Jahren auf dem Nachttisch liegen, Eckchen abgeknickt bei den Hotels mit Meerblick.

Zwei Monate später saß er im Wartezimmer von Dr. Oskanian, Facharzt für Kardiologie, Herforder Straße. Der Boden roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee aus dem Automaten. Herzrhythmusstörung, sagte der Arzt, nichts Dramatisches, aber Flugreisen erstmal nicht, keine große Anstrengung, wir beobachten das engmaschig.

Heinz saß da mit dem Entlassungsbrief in der Hand und dachte an die vierzig Jahre, in denen er Kunden gefragt hatte, ob er zwei Wochen im August schließen dürfe, weil sonst der Umsatz einbricht. Jetzt fragte er einen Mann in weißem Kittel, ob er nach Portugal fliegen durfte. Die Antwort war beide Mal ein Nein mit Bedingungen.

Marlis merkte es als Erste, dass er anders wurde. Er saß abends auf der Terrasse, die Flasche Bier unberührt neben sich, und rechnete. Nicht Geld — Zeit. Wie viele Sommer hatte sein Vater noch gehabt, bevor der Schlag ihn mit sechzig aus dem Leben riss. Wie viele hatte sein Nachbar Volkmar, der mit fünfundsechzig in Rente ging und ein Jahr später im Krankenhausbett lag, mit einem Beatmungsschlauch, der ihm das Reden abnahm.

"Du machst dich verrückt", sagte Marlis, als sie ihn mit der Steuerakte seiner Werkstatt am Küchentisch fand, mitten in der Nacht, den Taschenrechner daneben.

"Ich rechne nur, was noch übrig ist."

"Für was?"

Er sagte es nicht gleich. Erst drei Tage später, beim Frühstück, während der Wasserkocher pfiff und die Nachrichten im Radio über den Winterdienst in Ostwestfalen liefen, legte er den Ordner auf den Tisch. Die Werkstatt war an seinen Neffen Dennis verpachtet, auf fünf Jahre, mit Option auf Kauf. Dennis hatte das Geschäft übernommen, als wäre es seine eigene Zukunft, hatte zwei neue Hebebühnen gekauft, einen Kredit bei der Sparkasse aufgenommen, hatte Heinz' Namen noch über der Tür stehen lassen, weil die Stammkunden sonst irritiert gewesen wären.

Heinz hatte vierzig Jahre niemandem erlaubt, ihn aufzuhalten. Jetzt wollte er niemandem mehr erlauben, ihn zu halten.

"Ich löse die Pacht auf", sagte er. "Ich verkaufe die Werkstatt. Komplett."

Marlis stellte die Kaffeetasse ab, so vorsichtig, dass es fast lauter war als ein Knall. "Dennis hat alles reingesteckt. Sein ganzes Erspartes. Er hat einen Kredit für die Hebebühnen."

"Ich weiß."

"Und du machst das einfach."

"Ich habe vierzig Jahre für diese Werkstatt gelebt, Marlis. Ich warte nicht noch mal fünf Jahre auf die Option, falls ich die nicht mehr erlebe."

Dennis kam am selben Abend vorbei, ohne anzurufen, der Werkstattschlüssel klimperte noch in seiner Hand, als er in der Diele stand. Er war dreiunddreißig, hatte zwei Kinder und eine Frau, die gerade in Elternzeit war, kein zweites Einkommen im Haus. Er hatte Öl unter den Fingernägeln, das sich auch nach dem Duschen nicht ganz löste, ein Geruch, den Heinz vierzig Jahre lang selbst getragen hatte.

"Onkel Heinz, was soll das heißen, du verkaufst?"

"Ich bin siebenundsechzig und mein Herz macht, was es will. Ich habe keine fünf Jahre Geduld mehr."

"Wir hatten einen Vertrag."

"Mit Option. Nicht mit Zusage."

Dennis stand in der Diele, die Jacke noch an, und sagte etwas, das Heinz die nächsten Wochen nicht aus dem Kopf ging: "Du hast dein ganzes Leben für die Werkstatt geopfert, und jetzt opferst du meine Zukunft, damit du dir noch ein paar schöne Jahre kaufen kannst."

Es war nicht böse gemeint, es klang nur müde. Aber es traf, genau da, wo es wehtun sollte.

Heinz schlief in dieser Nacht nicht. Er lag neben Marlis, hörte die Dachrinne tropfen, Regen, der seit dem Nachmittag fiel, und dachte an die Zahl, die er sich seit dem Termin bei Dr. Oskanian immer wieder vorsagte: vielleicht zwölf Jahre, vielleicht zwei. Niemand wusste es genau. Und an die andere Zahl, die Dennis ihm entgegengehalten hatte, ohne sie auszusprechen: vier Jahre Kredit, zwei Kinder, eine Frau ohne Gehalt.

Am Morgen rief er nicht den Notar an, den er für den Verkauf schon kontaktiert hatte. Er rief Dennis an.

Sie trafen sich in der Werkstatt selbst, samstags, als sie geschlossen war, nur die beiden zwischen den Hebebühnen und dem Geruch nach Motoröl, der sich nie ganz aus den Wänden waschen ließ. Dennis hatte dunkle Ringe unter den Augen. Heinz legte den Pachtvertrag auf die Werkbank, daneben einen zweiten Ordner, den er extra hatte anlegen lassen.

"Ich verkaufe nicht an einen Fremden", sagte er. "Ich verkaufe an dich. Jetzt. Nicht in fünf Jahren mit Option — jetzt, fest, zum vereinbarten Preis von hundertzwanzigtausend Euro, den Betrag, den wir für die Kaufoption festgelegt hatten. Du zahlst ab, wie du es mit der Sparkasse schon planst. Ich bin raus. Kein Pächter-Status mehr, kein Name mehr über der Tür, der nicht mehr meiner ist."

"Und wenn ich nicht zahlen kann, bevor —"

"Dann kannst du es nicht. Dann ist es trotzdem dein Risiko und nicht meins mehr. Ich habe vierzig Jahre für diese Bude mein Leben aufgeschoben, Dennis. Ich mache das kein einziges Jahr länger. Aber ich werfe dich auch nicht raus wie Dreck. Das ist der Unterschied."

Dennis unterschrieb drei Wochen später beim Notar in der Herforder Straße, zwei Häuser vom Kardiologen entfernt. Heinz saß daneben, unterschrieb seinen Teil, legte den Kugelschreiber ab und stand auf, ohne sich noch einmal umzudrehen zur Mommsenstraße hin.

Im Januar flog er mit Marlis nach Faro, Kardiologe hatte grünes Licht gegeben, kurze Strecke, mit Pause, Kompressionsstrümpfe im Koffer. Er saß am Pool eines kleinen Hotels, dessen Prospekt Marlis seit drei Jahren mit abgeknickten Ecken aufgehoben hatte, trank seinen ersten Espresso ohne auf die Uhr zu schauen, ob jemand in der Werkstatt auf ihn wartete.

Niemand wartete mehr. Das Geld von Dennis kam pünktlich jeden Monat auf sein Konto, die erste Rate schon im Februar. Sein Name stand nicht mehr über der Tür in der Mommsenstraße. Dafür stand sein eigener Name auf keiner Lohnliste mehr, auf keinem Dienstplan, und zum ersten Mal seit vierzig Jahren musste er niemanden mehr um Erlaubnis fragen, außer seinem eigenen, launischen Herzen — und das, dachte er, als er die Füße ins kühle Wasser hielt, war ein Chef, mit dem er leben konnte.

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