Die vierhundertzwölf Euro, die mein Vater nie bekam

Mein Großvater hat vierzig Jahre in der Lederfabrik in Offenbach gestanden. Jeden Morgen um sechs die gleiche Straßenbahn, jeden Freitag der gleiche Gang zur Kantine, jeden Dezember die gleiche Weihnachtsfeier mit demselben Schnitzel. Er ist mit fünfundsechzig gegangen, mit einer Betriebsrente, die bis heute, mit neunundachtzig, sein Leben in der Dreizimmerwohnung in Bürgel trägt. Er hat nie verstanden, warum ich mit dreiunddreißig schon beim vierten Arbeitgeber bin.

Mein Vater, Jahrgang 1964, wollte es genauso machen. Dreiundzwanzig Jahre bei derselben Spedition in Hanau, Lagerleiter, dann Prokurist. Und dann, 2009, mitten in der Finanzkrise, stand er mit einem Umschlag in der Hand vor der Spüle und hat die Kündigung dreimal gelesen, als würde sich beim vierten Mal etwas ändern. Die Firma wurde von einem Konzern aus Rotterdam übernommen, die Abteilung nach Polen verlegt. Dreiundzwanzig Jahre, abgegolten mit einer Abfindung, die gerade reichte, um die Anschlussfinanzierung fürs Haus in Großauheim zwei Jahre lang zu stemmen.

Ich war damals zehn. Ich erinnere mich an den Geruch von kaltem Kaffee in der Küche, weil er nachts nicht schlafen konnte und um vier schon unten saß. Ich erinnere mich, dass meine Mutter den Bosch-Kühlschrank verkauft hat, weil die Raten für einen neueren Kredit anders aussahen, als sie gedacht hatten. Und ich erinnere mich an den Hund vom Nachbarn, der jeden Morgen bellte, wenn der Müllwagen kam — als wäre das die einzige Verlässlichkeit, die in dem Jahr noch funktionierte.

Mein Vater hat danach noch zwei Stellen gehabt. Keine hat ihn je wieder dreiundzwanzig Jahre gehalten, keine wollte das auch. Als er mit sechzig in Rente ging, lagen vierhundertzwölf Euro zwischen dem, was er laut seiner alten Berechnung aus den Neunzigern erwartet hatte, und dem, was die Rentenauskunft ihm tatsächlich zusagte. Vierhundertzwölf Euro im Monat, ein Leben lang eingeplant, nie angekommen.

Ich habe das alles im Kopf gehabt, als mein Chef bei der Werbeagentur in Frankfurt mir letzten März erklärt hat, warum mein Gehalt dieses Jahr nicht steigt. Die Firma wachse, sagte er, aber man müsse vorsichtig bleiben. Ich saß in diesem Glasbüro mit Blick auf die Messe, und er hat nicht gemerkt, lächelte dabei, als wäre es eine gute Nachricht. Draußen fuhr die Straßenbahn Linie 11 vorbei, die gleiche, mit der mein Großvater früher zur Fabrik gefahren ist, nur jetzt mit WLAN-Werbung drauf.

Ich habe nicht gekündigt in diesem Moment. Ich habe erst mal gar nichts gesagt. Aber ich habe am Abend meine Kollegin Merve angerufen, die ein halbes Jahr vorher zu einem Konkurrenten gewechselt war, mit neunzehn Prozent mehr Gehalt und einem Titel, der tatsächlich zu ihrer Arbeit passte. Sie hat gelacht. Nicht gemein, eher müde. „Die denken, Loyalität ist noch eine Währung", hat sie gesagt. „Ist sie nicht mehr. Nicht seit meine Mutter mit fünfundfünfzig vor der Tür stand, nachdem die Drogeriekette sie zwanzig Jahre lang für zuverlässig gehalten hat."

Ich habe mir zwei Wochen Zeit gelassen. Ich habe meine Unterlagen durchgesehen, meinen Mietvertrag für die Wohnung in Bornheim, hundertzehn Quadratmeter, die ich mir allein eigentlich nicht leisten kann, und die Nebenkostenabrechnung, die im Januar um achtzig Euro gestiegen war. Ich habe mir ausgerechnet, was meine Rente wäre, wenn ich so weitermache wie jetzt, und was sie wäre, wenn ich alle drei, vier Jahre wechsle und das Gehalt jedes Mal verhandle, statt zu warten, bis man es mir anbietet.

Dann habe ich mit meinem Vater telefoniert. Er saß, wie er mir erzählte, gerade auf der Terrasse in Großauheim und hat die Tomaten gegossen. Ich habe ihm gesagt, dass ich kündigen will, ohne eine neue Stelle in der Tasche zu haben, nur mit zwei Vorstellungsgesprächen in Aussicht. Ich habe erwartet, dass er mir sagt, ich solle vorsichtig sein, bloß keine Sicherheit aufgeben.

Er hat eine Weile nichts gesagt, man hörte nur den Wasserschlauch im Hintergrund. Dann: „Mach das. Ich hab’ dreiundzwanzig Jahre gewartet, dass die Firma mich schützt. Hat sie nicht. Warte du nicht auf eine, die dich schützt. Verhandle, solange du was zu verhandeln hast."

Drei Wochen später hatte ich die Zusage von der Agentur in Mainz. Vierundzwanzig Prozent mehr, ein Titel mit „Senior" davor, der diesmal auch stimmte. Ich bin zu meinem jetzigen Chef gegangen, habe die Kündigung auf seinen Schreibtisch gelegt, noch bevor er mir ein Gegenangebot anbieten konnte, das er ohnehin nicht gehabt hätte.

Er hat gefragt, ob es am Geld liege. Ich habe gesagt: teilweise. Vor allem liege es daran, dass ich nicht mehr vierzig Jahre auf ein Versprechen warten will, das am Ende vierhundertzwölf Euro im Monat kostet.

Ich habe am selben Abend meinen Vater angerufen und ihm erzählt, dass ich unterschrieben habe. Er hat kurz geschwiegen, dann gesagt, er müsse die Tomaten noch mal gießen, es sei zu heiß gewesen am Nachmittag. Ich weiß, was das bei ihm bedeutet. Es bedeutet, dass er zufrieden ist und keine großen Worte dafür braucht.

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